Aufklärung hinter Gittern: Jenaer Verein vermittelt jugendlichen Straftätern DDR-Geschichte

Aufklärung hinter Gittern: Das Projekt "Mauern überwinden!" unter dem Dach des Jenaer Vereins Drudel 11 vermittelt jugendlichen Straftätern in der Thüringer Arrestanstalt in Weimar DDR- und Diktatur-Geschichte

Projekt "Mauern überwinden!" des Jenaer Vereins Drudel 11 in der Thüringer Arrestanstalt in Weimar: Jugendliche Straftäter befassen sich jeweils eine Woche lang mit einem für sie relevanten Geschichtsthema. Foto: Drudel 11

Projekt "Mauern überwinden!" des Jenaer Vereins Drudel 11 in der Thüringer Arrestanstalt in Weimar: Jugendliche Straftäter befassen sich jeweils eine Woche lang mit einem für sie relevanten Geschichtsthema. Foto: Drudel 11

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Jena. Neue Wege zur Vermittlung von historischem Wissen an Jugendliche mit Bildungsbenachteiligungen beschreitet das Projekt "Mauern überwinden!" des Jenaer Vereins Drudel 11. Das Bildungsprogramm wurde für junge Straftäter entwickelt und findet daher auch - ebenso ein Novum - im Thüringer Jugendarrest in Weimar statt.

Wie Projektreferent Daniel Börner erklärte, der zusammen mit Torsten Eckold für das Programm verantwortlich zeichnet, sollen sich junge Straftäter mit den Themen Demokratie und Diktatur nach 1945 auseinandersetzen. Im Mittelpunkt der Projektkurse stehen die Geschichte der DDR, Gespräche mit Zeitzeugen sowie der Wert von Freiheit für das eigene Leben.

Die Teilnehmer sind bisher nicht nur durch verschiedenste Straftaten aufgefallen, sondern meist auch durch Schulabbrüche und Bildungsschwierigkeiten. Nicht wenige von ihnen neigen zu demokratiefeindlichen Einstellungen. Während des Jugendarrestes müssen die Jugendlichen für bis zu vier Wochen auf ihre Freiheit verzichten. "Unser Ziel ist es", sagt Daniel Börner, den Jugendlichen etwas von dem Gefühl zu vermitteln, was es heißt, sein ganzes Leben weitgehend eingesperrt zu leben und kaum Aussichten zu haben, frei und ohne Grenzen zu leben."

Vom Leben und Alltag in der SED-Diktatur wissen Jugendliche, das ist seine Erfahrung, heute wenig, weil es auf den ersten Blick kaum etwas mit ihrer Lebensrealität zu tun hat. Den Wert von Freiheit lernten die jungen Menschen im Jugendarrest jedoch durch ihre aktuelle Lage unmittelbar zu schätzen. "Lebendige Geschichte" durch Zeitzeugen zu vermitteln, die zum jeweiligen Leitthema integriert werden, sei daher ein wichtiger Teil des Projektes. Eine Gesprächssituation wirke nachhaltiger als die reine Vermittlung von Zahlen und Fakten über die jüngere Vergangenheit.

Zum Auftakt der insgesamt acht jeweils einwöchigen Kurse fungierte als Zeitzeuge Andreas Kuno Richter aus Berlin, ein Journalist und Filmemacher, der seit über 20 Jahren Reportagen und Filme zu historischen Stoffen produziert. Neben Aspekten zur DDR-Alltagsgeschichte widmete er sich vermehrt auch Tabuthemen wie dem Mythos Antifaschismus oder Neonazis in der DDR und ist auch Autor eines aktuellen Films über den Jenaer Neonazi Uwe Böhnhardt. In der Arrestanstalt zeigte er seinen Dokumentarfilm "Der Verrat - Wie die Stasi Kinder und Jugendliche als Spitzel missbrauchte". Im April kommt Karin Gueffroy nach Weimar. Ihr Sohn Chris war im Februar 1989 das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer.

"Natürlich kann man jahrelangen Schulstoff nicht in so kurzer Zeit nachholen, aber die Reaktionen der Projektteilnehmer zeigen uns, dass sie der Thematik aufgeschlossen und engagiert gegenüberstehen", schildet Daniel Börner seine Erfahrungen. Er betont, dass es nicht darum gehe, die verschiedenen Gesellschaften gleichzusetzen oder in gut oder schlecht zu klassifizieren. Vielmehr sollen die Jugendlichen zum Nachdenken darüber angeregt werden, ob Freiheit selbstverständlich ist, ein Geschenk - oder doch etwas anderes, warum man sich politisch engagieren sollte und die Teilnahme an Wahlen immer und auch heute Sinn macht.

Gefördert wird "Mauern überwinden!" im Übrigen für ein Jahr als Modellprojekt von der Bundesstiftung Aufarbeitung. Allerdings müssen die Kosten für die Zeitzeugengespräche (Reisekosten, Aufwandsentschädigungen) vom Projekt selbst gedeckt werden. Der Verein Drudel 11 nimmt daher gern Spenden für diesen Zweck entgegen.

Am Ende der Projektwoche erhalten die Jugendlichen ein Zertifikat, auf das sie durchaus stolz sind. Wie sie sich nach der Verbüßung ihres maximal vierwöchigen Arrestes "draußen" verhalten werden, wird sich dann zeigen. "Wir hoffen, dass unsere Arbeit etwas gefruchtet hat und verabschieden uns von ihnen jedenfalls nicht mit ‚Auf Wiedersehen!‘", sagt Daniel Börner.

Bild 1: Projekt "Mauern überwinden!" des Jenaer Vereins Drudel 11 in der Thüringer Arrestanstalt in Weimar: Jugendliche Straftäter befassen sich jeweils eine Woche lang mit einem für sie relevanten Geschichtsthema.Foto: Drudel 11

Bild 2: IHier befindet sich die Thüringer Arrestanstalt.Foto: Drudel 11