Der Kammer-Jäger: Warum DGB-Chef Sandro Witt gegen alles und jeden zu keilen scheint

Erfurt  Der Zopf ist ab. Als Sandro Witt durch die Tür kommt, steht da ein großer, kräftiger Kerl, der von Kopf bis Fuß schwarze Kleidung trägt. Es gibt nur zwei Farbtupfer: den gelben Sticker gegen Rechtsextremismus und Rassismus in der Arbeitswelt. Und eine rote Strähne im Haar.

Sandro Witt, 34 Jahre alt, stellvertretender Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen und zugleich DGB-Landeschef Thüringen, in seinem Erfurter Büro. Foto: Steffen Beikirch

Sandro Witt, 34 Jahre alt, stellvertretender Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen und zugleich DGB-Landeschef Thüringen, in seinem Erfurter Büro. Foto: Steffen Beikirch

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Der Zopf ist ab. Als Sandro Witt durch die Tür kommt, steht da ein großer, kräftiger Kerl, der von Kopf bis Fuß schwarze Kleidung trägt.

Es gibt nur zwei Farbtupfer: den gelben Sticker gegen Rechtsextremismus und Rassismus in der Arbeitswelt. Und eine rote Strähne im Haar.

Trotz Ohrring wirkt er älter als 34. Was er von sich gibt, ist von klarer Struktur. Und dann, nach einer ganzen Weile, bestätigt er, was man über ihn sagt: „Ja, ich belle, ich bin laut.“

Das letzte Mal öffentlich gebellt hat Witt vor wenigen Tagen, als Verdi die Kindertagesstätten bestreiken ließ.

Seine Zielperson: die grüne Landtagsabgeordnete Babette Pfefferlein. Deren Aufruf an die Verhandlungspartner der Tarifkommission, sie mögen die Verhandlungen zügig zu einem Abschluss bringen, um Belastungen für Eltern und Kinder gering zu halten, brachte Witt auf die Palme. „Abgeordnete fordern bei Tarifverhandlungen gar nichts. Auch Sie nicht, Frau Pfefferlein“, schoss er in einer öffentlich gemachten E-Mail zurück. Die Politik habe kein Recht, Tarifverhandlungen zu stören oder Einigungen politisch zu beeinflussen, verwies Witt auf das Grundgesetz.

Im Ministerium mit Erfolg beschwert

Die Argumentation ähnelt seiner Beißattacke gegen den Präsidenten der Erfurter Industrie- und Handelskammer, Dieter Bauhaus. Der hatte zum Tag der Einheit im vorigen Jahr öffentlich vor einem Ministerpräsidenten gewarnt, der aus der Nachfolgepartei der SED kommt. Solche Experimente könne sich der Freistaat nicht leisten, für die Wirtschaft stünden verlässliche und planbare Rahmenbedingungen an erster Stelle. In einer MDR-Sendung schob Bauhaus noch die Formulierung „Rot-Rot ist Gift-Gift für Thüringen“ nach.

Sandro Witt schaltete die Rechtsaufsicht ein und beschwerte sich im Wirtschaftsministerium. Mit Erfolg: Aus dem IHK-Gesetz und der aktuellen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts lasse sich ein Gebot zu parteipolitischer Neu­tralität der Industrie- und Handelskammern ableiten, erklärte Wirtschaftsstaatssekretär Jochen Staschewski (SPD).

Obwohl Witts Kritik also berechtigt war, sahen sich viele IHK-Mitglieder und die CDU an DDR-Zeiten erinnert. Den Kontext dafür bietet vermutlich auch Witts parteipolitische Karriere. Er war bis Anfang 2014 stellvertretender Landesvorsitzender der Partei Die Linke, legte aber nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden im DGB-Bezirk Hessen-Thüringen das Parteiamt nieder.

Und hebt den Finger, wenn das Argument „wie in der DDR“ kommt. Die Kammern mit ihren Zwangsmitgliedschaften sollten da mal schön ruhig sein.

„Eine große Klappe hatte ich schon immer.“

Geboren in Pirna, nennt sich Witt ein „klassisches Scheidungskind“. Als sich seine Eltern trennten, kam er mit der Mutter nach Thüringen.

Mit 15 Jahren landete er trotzdem in einem Kinderheim in Zella-Mehlis. Der 18. Geburtstag brachte den Umzug in eine betreute Wohneinrichtung für Jugendliche. Ab 1997 versuchte er sich in der Berufsfindung als Maler und Lackierer-Lehrling.

„Da bin ich gescheitert“, gibt er zu. Besser lief es mit einer überbetrieblichen Ausbildung zum Bürokaufmann. Zwischendrin ein Geständnis: „Wir waren keine leichten Jugendlichen damals.“ Und: „Die große Klappe hatte ich schon immer.“

Mit großer Klappe vorweg gehen – das brachte ihm den Posten als Azubi-Sprecher ein. Obwohl eine solche Vertretung in der kleinen Firma gar nicht vorgesehen war. Witt erkannte: „Wenn man sich organisiert und alle hinter sich hat, dann kann man auch was erreichen.“ Der Chef könne zwar immer noch nein sagen, aber es falle ihm jetzt deutlich schwerer. Der Grundstein für seine Gewerkschafter-Karriere war gelegt. Über ein Praktikum bei der Gewerkschaftsjugend in Südthüringen kam Witt zum Deutschen Gewerkschaftsbund, wo er sich hochgedient hat an die Stelle, an der er heute steht. Die Unterstützung sei schnell sehr groß gewesen, sagt er und nennt vor allem die früheren DGB-Landesvorsitzenden Frank Spieth (erst SPD, dann Linke) und Steffen-Claudio Lemme (SPD).

Lebenspraxis außerhalb von Gewerkschaft und Linkspartei? Witt machte seinen Zivildienst am Klinikum Suhl, absolvierte diverse Aushilfsjobs als Packer oder am Band, drückte immer wieder die Schulbank. Zweimal sei er in Firmen rausgeschmissen worden, weil er die falschen Leute nach einem Betriebsrat gefragt habe, erzählt er. „Das hat mich so wütend gemacht, das hat mich dermaßen politisiert.“ Arbeitgeber, die in Panik verfallen, wenn sie das Wort Gewerkschaft hören – das war für ihn eine prägende Erfahrung.

Jetzt, gut zehn Jahre und ein Studium später, hat er den Blick für das große Ganze, weiß, wie das Sozialmodell in Deutschland funktioniert. Und er hat die Macht, um weit oben mitzureden. Die Position ist stärker, als er sie in der Partei haben könnte. „Der DGB ist die größte politische Organisation“, meint Witt. Allein in Thüringen stünden rund 150 000 Mitglieder in den angeschlossenen Gewerkschaften dahinter. „Daran kommt keine Landesregierung vorbei.“

Sein Selbstverständnis zwingt ihn dazu, auffallend zu agieren. Als hauptamtlicher Gewerkschafter sei er schließlich von der Produktion freigestellt, um Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern. „Ich muss es laut und zugespitzt machen, damit die Leute mich hören.“ Denn von einer Gewerkschaft, die leise sei, hätten die Arbeitnehmer gar nichts.

„Ich will die Macht der Kammern brechen.“

Dass er mehrfach gegen die Industrie- und Handelskammern und gegen die Handwerkskammern in Thüringen vorgegangen ist, habe ihm auch positive Rückmeldungen eingebracht, behauptet Witt. Es sei ja gar kein Maulkorb gewesen. Er erwarte einfach, dass sich Körperschaften des öffentlichen Rechts an die Gesetze halten. Dass sie bei Mindestlohndebatten versuchen, Politik zu beeinflussen – so etwas würde man in Hessen nie erleben, sagt Witt, der regelmäßig zwischen Erfurt und Frankfurt/Main pendelt.

Warum er bei diesem Thema so ein Getriebener ist? „In Thüringen wird keine Sozialpartnerschaft mehr gelebt“, nennt er seine Hauptmotivation. Das liege auch an den Kammern, die dauernd den Tarifpartnern mit Einschätzungen und Stellungnahmen dazwischen funken, obwohl sie hier „gar keine Player“ seien. Den Gegenpart zur Gewerkschaft gesteht Witt nur dem Arbeitgeberverband zu. „Hauptgeschäftsführer Stephan Fauth ist unser Partner“, sagt er. In der richtigen Konstellation könne es gelingen, die Tarifbindung in Thüringen – derzeit bei nur 21 Prozent – auf ein ordentliches Maß anzuheben. Das gehe aber nur, wenn man die Kammern da endlich zurückdränge. „Ich will die Macht der Kammern brechen“, sagt Witt unumwunden.

Sein neuester Ärger betrifft das Bildungsfreistellungsgesetz. In der Anhörung vor wenigen Tagen hätten sich sowohl die Industrie- und Handelskammern als auch die Handwerkskammern gegen Bildungsfreistellung ausgesprochen.

Bei den IHK könne er da nichts machen, sagt Witt, wenn diese – wie angegeben – dafür Beschlüsse ihrer Vollversammlungen haben. Anders sehe es bei den Handwerkskammern aus, in denen die Arbeitnehmervertreter ein Drittel der Vollversammlungen stellen. Keine der drei Thüringer Handwerkskammern habe einen Beschluss zum Bildungsfreistellungsgesetz gefasst, weiß der DGB-Vize. Da die Arbeitnehmer natürlich nicht gegen Bildungsfreistellung seien, hätten die Handwerkskammer deren Rechte also übergangen.

Weitere Beschwerde bei der Rechtsaufsicht

Deshalb, sagt Witt, er habe schließlich keine andere Wahl, sei jetzt ein weiteres Mal die Rechtsaufsicht eingeschaltet worden. Vorige Woche wandte er sich hierzu erneut an das Wirtschaftsministerium.

Es soll prüfen, ob die Rechte der Arbeitnehmervertreter verletzt wurden. Der DGB prüfe die Möglichkeit einer Organklage vorm Verwaltungsgericht, die bis zur Auflösung der Vollversammlung führen könnte. Alternativ erwartet Witt, dass die Hauptgeschäftsführer der Thüringer Kammern mal zu ihm an den Tisch kommen, „und wir reden Tacheles“. Kommunikation könne man auch mal erzwingen.

So in etwa sieht er wohl auch seinen Frontal-Angriff auf Babette Pfefferlein. Die Grüne machte gegenüber OTZ aus ihrer Verärgerung keinen Hehl: „Ich lasse mir als Abgeordnete von niemandem den Mund verbieten. Auch von Herrn Witt nicht.“ Außerdem habe sie sich gar nicht inhaltlich in die Tarifverhandlungen eingemischt, sondern nur eine rasche Einigung gefordert. Merkwürdig findet Pfefferlein außerdem, „dass Herr Witt sich über mich auf Facebook auslässt“. Sie habe ihm in einer E-Mail ein persönliches Gespräch angeboten.

Das habe es inzwischen gegeben, sagt Witt. Überhaupt fänden 90 Prozent seiner Kritik auf der persönlichen Ebene statt. Und er verfüge zum Glück auch selbst über Vertraute, mit denen er Meinungsverschiedenheiten reflektieren kann. „Ich war lange nicht kritikfähig“, gesteht Witt. Jetzt ist ihm klar: Wenn man immer diejenigen, die einem etwas Kritisches sagen, ignoriert, kriegt man irgendwann einen gefährlichen Tunnelblick. Bei den „größeren Hausnummern, wo es um die Gesamt­gesellschaft geht“, bleibt er laut, zieht schon mal in sozialen Netzwerken über Akteure und ihre Positionen her. Witt greift den GDL-Chef als „Kaiser Weselsky“ an und ärgert sich offen über den Bundesparteitag seiner Linken. Und immer wieder über die Macht der Körperschaften, die zum Teil mit „Glaskugelleserei“ in ihren Umfragen die Stimmung beeinflussen würden.

Die Kammern, meint er, müssten ja auch regelmäßig nachweisen, warum es sie geben darf. Dies – mindestens – hat der Gewerkschafter mit den Gescholtenen gemeinsam.

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