Der Kitt, der die DDR zusammenhielt

Soziale Spannungen und Reibereien zwischen Arbeitern, aber auch innerhalb anderer sozialer Schichten verhinderten, dass die DDR vor 1989 zusammenbrach. Zu dieser Einschätzung gelangt amerikanische Historiker Andrew I. Port in seinem Buch ?Die rätselhafte Stabilität der DDR?.

Stadtansicht von Saalfeld um 1975

Stadtansicht von Saalfeld um 1975

Foto: zgt

Professor Port, in Ihrem Buch "Die rätselhafte Stabilität der DDR" zeigen Sie anhand des Kreises Saalfeld auf, dass die DDR-Bürger selbst dazu beigetragen haben, dass der Sozialismus auf deutschem Boden so lange überlebte. Warum ausgerechnet Saalfeld, um ihre These zu beweisen?

Der Vorschlag stammte ursprünglich von meinem wissenschaftlichen Gastgeber Professor Niethammer in Jena. Ich wollte wissen, wie die Leute in der DDR tatsächlich gelebt haben. Saalfeld schien mir dafür besonders geeignet, gerade wegen der Maxhütte. Was ich von 1994 bis ’96 in den Archiven fand, war nicht nur von der schieren Menge her überraschend. Richtig baff war ich – vor allem als Westler, der dachte, alle im Osten hätten sich duckmäuserisch verhalten –, dass die Menschen in der DDR soviel und so offen über das System gemeckert haben – wohl gerade deshalb, weil die SED oft ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Normalerweise führt derartig starke soziale, wirtschaftliche oder politische Unzufriedenheit zur Instabilität eines Regimes. Die DDR dagegen bestand bekanntermaßen 40 Jahre lang. Wie passte das zusammen?

Sie haben Archive durchforstet, aber auch Zeitzeugen befragt. Sprechen die Saalfelder nach der Veröffentlichung des Buches noch mit Ihnen? Schließlich führen Sie einen Mangel an Solidarität und nicht in erster Linie die Repressionen der Stasi als einen wesentlichen Grund an, der das System stabil hielt...

Bisher gab es keine bösen Anrufe. Es ist ja auch überhaupt nicht meine Absicht, den repressiven Charakter der SED-Diktatur in Abrede zu stellen. Das tue ich mitnichten. Aber Angst und Repressionen allein können eben die jahrzehntelange Stabilität der DDR nicht ausreichend erklären. Obwohl viele Ostdeutsche vor allem während der besonders repressiven 1950er Jahren zu Recht Angst hatten, sind sie gerade dann zwei Mal auf die Straße gegangen – 1951 während des Wismut-Aufruhrs in Saalfeld und natürlich 1953.

Warum gab es kein kollektives Aufbegehren? Anlässe gab es ja genug: Es herrschte Wohnungsmangel, die Arbeitsnormen wurden höher geschraubt, Arbeiter und Ingenieure wurden trotz aller Gleichheitsbeteuerungen unterschiedlich bezahlt...

Das war ja das Überraschende: Den viel gepriesenen Zusammenhalt der ostdeutschen Gesellschaft gab es nicht. Die Auswertungen der Aufzeichnungen ergab vielmehr, dass die Beziehungen zwischen Arbeitern, wie auch die Beziehungen innerhalb anderer sozialer Schichten, durch erhebliche Reibereien und Spannungen gekennzeichnet waren. Einer gönnte dem anderen oft nicht die Butter auf dem Brot. Das führte wiederum dazu, dass sich kein kollektives Verhalten ausprägte. So beschränkte sich jeder für sich eben häufig aufs Meckern. Dabei wussten die Leute allerdings ziemlich genau, wie weit sie gehen durften: Im wirtschaftlichen Bereich war wesentlich mehr möglich als im politischen, wo es schnell heikel werden konnte.

Ein Mangel an Solidarität verhinderte also, dass die Bevölkerung zwischen 1953 und 1989 gegen das Regime aufbegehrte?

Dieser spielte jedenfalls eine wichtige Rolle: Viele Saalfelder teilten eindeutig etliche soziale und wirtschaftliche Missstände. Theoretisch hätten sie also allen Grund gehabt, gemeinsam aufzubegehren. Repressionen, aber auch das Bemühen der unteren Partei- und Staatsfunktionäre, die sich anbahnende Konflikte immer wieder zu entschärfen versuchten, verhinderten, dass es letztlich zu einer Mobilisierung der Massen kam. Außerdem war die Gesellschaft durch unterschiedliche Privilegien, tagtäglichen Kampf um Mangelwaren usw. zutiefst zersplittert.

Andere sagen, es habe eine fundamentale Opposition gegeben...

Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Beim Wismut-Aufstand 1951 in Saalfeld gab ein Polizist zu Protokoll, dass die "Banditen" beim Aufruhr und der Erstürmung des Polizeireviers keine einzige politische Losung, kein Plakat oder Bild beschädigten. Selbst zu diesem Zeitpunkt standen Verbesserungen der Unterbringung und der Arbeitsbedingungen im Vordergrund.

Waren die DDR-Bürger "Duckmäuser", weil sie sich auf das gerade noch so geduldete Meckern beschränkten?

Im Gegenteil, die Saalfelder waren bemerkenswert eigensinnig. Viele widersetzten sich den von Partei und Staat erhobenen Forderungen. Mit ihren Meckereien über Versorgungsengpässe und Mangelwirtschaft setzten sie vielmehr die SED unter Druck, die ihrerseits versuchte auf die Beschwerden zu reagieren und die angeführten Mängel abzustellen. Dabei hatten 98 Prozent der Beschwerden gar keinen politischen Hintergrund im engen Sinne, wobei die SED und die Stasi das natürlich auch ganz anders hätten deuten können.

Warum war man in der DDR so unzufrieden? Schließlich versuchte doch das Regime, Ungleichheiten zu beseitigen...

In der DDR wurde immer behauptet, dass die Ungleichbehandlungen irgendwann verschwinden würden. Dennoch wurden von den Menschen feine Unterschiede wahrgenommen. Ob jemand eine Wohnung oder einen Kindergartenplatz bekam oder nicht – jeder wurde beneidet, dem es vermeintlich besser ging.

Der Mangel an Solidarität, der Neid – sind diese gesellschaftlichen Phänomene, die die DDR-Bürger prägten, heute noch zu beobachten?

Neid ist kein spezifisches Merkmal der DDR, den gab und gibt es immer in jeder Gesellschaft und sicherlich auch im heutigen Deutschland. Aber mein Anliegen war ja, die Stabilität der DDR zu erklären. Meine Untersuchung zeigt, dass es mehrere Faktoren gibt, die ein System stabilisieren können, nicht nur Repressionen und blanker Terror.

Warum ist die DDR am Ende doch untergangenen?

Das ist nicht mein eigentliches Thema, aber auch hier gibt es mehrere Erklärungen: Eine Wirtschaft, die am Rande des Zusammenbruchs stand, eine Regierungselite, die unter mangelndem Selbstvertrauen litt und natürlich der Einfluss von Gorbatschows Reformbemühungen und von anderen Ländern im Ostblock. Schließlich war es ja auch eine andere Generation als die von 1950 oder 1960, die letztendlich das System zum Einsturz gebracht hat. Allerdings sollte man hier anfügen: Der Anstoß zur Veränderung ging nicht mehr wie in den frühen 1950er Jahren von Industriearbeitern oder Genossenschaftsbauern aus. Diese Gruppen waren mithin durch Kompromisse seitens des Regimes und Uneinigkeit untereinander bis zum Schluss weitgehend beschwichtigt und lahmgelegt.

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