Die Pandemie in Thüringen: Wie das Land durch die Corona-Krise kam

Erfurt.  Wie Land, Menschen und Unternehmen bisher durch die Corona-Krise kamen – und was die Zahlen sagen.

Die 60-jährige Gertrud Schop zündet in Zella-Mehlis einmal in der Woche Kerzen in Form eines Kreuzes für jedes der deutschen Todesopfer der Corona-Pandemie an. Sie will das Projekt so lange fortsetzen bis ein Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar ist (Archivfoto).

Die 60-jährige Gertrud Schop zündet in Zella-Mehlis einmal in der Woche Kerzen in Form eines Kreuzes für jedes der deutschen Todesopfer der Corona-Pandemie an. Sie will das Projekt so lange fortsetzen bis ein Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar ist (Archivfoto).

Foto: Sascha Fromm

Vor gut einem halben Jahr wurde in Thüringen alles geschlossen: Kindergärten, Schulen, Bäder, Kinos, Restaurants, Bibliotheken, Universitäten, Verwaltungen, Bürgerbüros und nahezu alle Geschäfte. Die Grenzen waren dicht, Versammlungen und Gottesdienste verboten, Krankenhäuser und Heime für Besucher geschlossen. Dazu galten Kontaktbeschränkungen. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Die Corona-Pandemie brachte das öffentliche Leben in ganz Deutschland zum Erliegen: Betriebe wurden geschlossen, viele Menschen verließen kaum noch ihre Wohnung.

Doch das ist vorerst vorbei. Fast alles hat wieder geöffnet, auch die Schulen und Kindergärten. Dennoch haben sich die meisten Menschen mittlerweile daran gewöhnt, keine Hände zu schütteln, Abstand zu halten und in Geschäften sowie in Bus oder Bahn Mund und Nase zu bedecken. Die Maskenpflicht, deutschlandweit zuerst in Jena eingeführt, gilt längst in ganz Deutschland.

Wie ist Thüringen bisher durch die Krise gekommen?

Die sogenannte neue Normalität fühlt sich nun oft nicht viel anders als die alte an, nur dass jetzt an allen möglichen Stellen, an denen sich Leute begegnen, Plexiglasscheiben montiert sind. Vieles funktioniert nur mit Anmeldung, in Restaurants werden die Kontaktdaten erhoben, um Infektionsketten nachvollziehen zu können.

Wie ist Thüringen bisher durch die Krise gekommen? Offiziell begann die Pandemie im Land am 3. März, als ein 57 Jahre alter Mann im Saale-Orla-Kreis an Covid-19 erkrankte. Fast wäre tags darauf die Wahl von Bodo Ramelow (Linke) zum Ministerpräsidenten ausgefallen, weil ein Abgeordneter Kontakt zu dem Infizierten hatte. Wäre der Test positiv gewesen, hätte Thomas Kemmerich (FDP) ohne Kabinett durch die Krise regieren müssen.

Denn die Infektionen stiegen vor Ostern stark an, auf bis zu über 80 Neuansteckungen pro Tag. Am 2. April wurde der höchste Wert mit 85 Neuinfektionen gemeldet. Der erste Thüringer, ein 83-jähriger Mann aus Jena, starb bereits am 20. März mit Covid-19.

Ab der zweiten Aprilhälfte wurden die Einschränkungen schrittweise gelockert

Die unter gewaltigen Turbulenzen ins Amt gelangte Minderheitsregierung aus Linke, SPD und Grünen reagierte hektisch mit immer neuen Verordnungen, die teils zu einem regionalen und lokalen Wirrwarr führten. Nach einigen Wochen beruhigte sich die Situation. Ab der zweiten Aprilhälfte wurden die Einschränkungen schrittweise gelockert. Um den historischen Einbruch der Umsätze abzufedern und eine Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden, beschlossen Bund und Länder gigantische Hilfspakete. Auch der Landtag verabschiedete im Juni ein milliardenschweres Programm, für Kommunen und Krankenhäuser, mittelständische Unternehmen und Solo-Selbstständige, Theater und Reisebüros.

Dennoch waren die Einschnitte drastisch. Der Export aus Thüringen brach im zweiten Quartal um 24 Prozent ein, in der sowieso geschwächten Automobilbranche waren es sogar fast 50 Prozent. Mehrere Zuliefererwerke meldeten Insolvenz an. Die Reise- und Veranstaltungsbranche steht gefühlt vor der kollektiven Pleite. Zudem beantragten mehr als 27.000 Thüringer Betriebe für mehr als 310.000 Menschen Kurzarbeit – fast 40 Prozent der steuerversicherungspflichtig Beschäftigten im Land.

Intensivbetten waren immer nur mit wenigen Corona-Patienten belegt

Wurde also überreagiert? Inzwischen nähert sich die Zahl der Verstorbenen der 200. Dennoch ist das deutlich weniger als anfangs befürchtet. Die zwischenzeitlich 1000 Intensivbetten, deren Kapazität deutlich ausgebaut wurde, waren immer nur mit wenigen Corona-Patienten belegt.

In der vergangenen Woche wurden 141 Neuinfektionen in Thüringen gemeldet – das waren mehr als in der Woche vor dem 17. März, als in Thüringen Schulen und Kindergärten geschlossen wurden. Haben also die Menschen recht, die sich in den vergangenen Monaten allein in Thüringen zu weit mehr als 300 Demonstrationen zusammenfanden, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren?

Die große Mehrheit von Wissenschaftlern und Politikern verteidigen die Maßnahmen. Man habe auf Basis des damaligen Wissens entschieden, heißt es – vor allem aber mit Blick nach Italien, wo im März das Militär hunderte Särge durch Geisterstädte fuhr. Zudem sei in Schweden, wo deutlich weniger geschlossen wurde, die Wirtschaft ähnlich stark eingebrochen – bei deutlich mehr Toten, die mit Corona in Verbindung gebracht wurden.

Einen sogenannten Shutdown soll es nicht mehr geben

Dennoch wurde auch in Thüringen die Strategie angepasst. Einen sogenannten Shutdown soll es nicht mehr geben, höchsten lokal, und auch dann nur abgestuft. Geübt wurde dies bereits in den Landkreisen Greiz und Sonneberg, wo die Infektionsraten die festgelegte Grenze von 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche überschritten wurde. Insbesondere der Landkreis Greiz, in dem in absoluten Zahlen 691 Menschen infiziert wurden, 175 stationär behandelt wurden und 48 Menschen mit Covid-19 starben, gilt als Warnung.

Die übergroße Mehrheit der Thüringerinnen und Thüringer bleibt deshalb vorsichtig. Die Erfurter Psychologin Cornelia Betsch koordiniert seit Anfang März eine nationale Studie, die auf wöchentlichen Umfragen basiert.

Sie zeigt, dass die Menschen das Virus nach wie vor ernst nehmen. „Die Angst vor dem Coronavirus hängt davon ab, wie es weiter geht“, sagt sie. „Und sie variiert mit den Infektionszahlen“.

Zur Zählweise der Infektionen

Die Angaben der Infektionen und Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus können leicht variieren. Die Zeitung hat sich in diesem Fall für die Daten des Thüringer Gesundheitsministeriums entschieden (Stichtag 21. September). Nur sie enthalten die Informationen zu Alter und Geschlecht. Daraus ergeben sich Abweichungen zu Zahlen, die direkt und damit schneller von den Landkreisen gemeldet werden – und etwa auf der Internetseite dieser Zeitung zu finden sind.

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