Erde und Schnee von Blut getränkt: Mann aus Gera kommt mit 19 in Gulag

Der Geraer Günther Rehbein ist 19 Jahre jung, als er wegen antisowjetischer Hetze verhaftet wird

Im Gespräch mit Roland Ilse erzählt Günther Rehbein (rechts) für eine Sendung im Bürgerfernsehen über das Massaker von Workuta, das er am heutigen Tag vor 60 Jahren miterleben musste.

Im Gespräch mit Roland Ilse erzählt Günther Rehbein (rechts) für eine Sendung im Bürgerfernsehen über das Massaker von Workuta, das er am heutigen Tag vor 60 Jahren miterleben musste.

Foto: zgt

Gera/Workuta. Günther Rehbein kann bis heute den 1. August 1953 nicht vergessen. Damals, vor 60 Jahren, fristete er ein trauriges Dasein im sowjetischen Besserungsarbeitslager Workuta in Sibirien und wurde Augenzeuge eines grausamen Massakers.

Noch immer nimmt ihn das Geschehen im Gulag emotional mit, macht aber auch den Zuhörer seiner Lebensgeschichte fassungslos. "Ich hatte kein gutes Leben", sagt er und erzählt die unfassbare Geschichte seiner Verhaftung: Im Alter von 19 Jahren war er von der Staatssicherheit der DDR von der Arbeit weg verhaftet worden, weil er sich kritisch über die Reparationszahlungen der DDR an die So­wjetunion geäußert hatte. Der junge Familienvater wurde sogleich dem russischen Geheimdienst übergeben und zwei Tage lang verhört. Im Hauptquartier der russischen Besatzungszone, in Berlin-Karlshorst, fand schließlich ein nächtelanges Verhör statt, in dessen Zuge man ihm die linke Daumenkuppe abschlug. Unter Folter und der Androhung, seine Frau und die gemeinsame Tochter zu verhaften, gestand er am Ende die ihm angehängte "Spionage, antisowjetische Hetze, Diversion und Terrorismus".

1952 verurteilte ihn das sowjetische Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit in der Ödnis des Nordpolarkreises. Auch der Gefangenentransport dorthin war unmenschlich und sollte seinen Lebenswillen brechen. "Bei der Ankunft dachte ich, hier überlebst du nicht", berichtet Rehbein von -50 Grad Kälte, Eis und Schnee. Einem von 40 Gulag-Lagern in Workuta wurde er mit rund 3000 anderen Häftlingen zugeteilt: dem Lager 10/Schacht 29. Es gab weder eine Trennung der politischen Gefangenen und Kriminellen, noch menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen. Der junge Mann, der noch nie in seinem Leben einen Bergbauschacht gesehen hatte, musste nun in 10-Stunden-Schichten in einem ­­60 Zentimeter niedrigen Gang Steinkohle abbauen. Überlebt habe er allein durch die Kameradschaft mit anderen deutschen Gefangenen, ist er überzeugt.

Nach Stalins Tod im Jahre 1953 traten die Häftlinge von Lager 10/Schacht 29 in einen Streik, verlangten eine Delegation aus Moskau, bessere Verpflegung und Arbeitsbedingungen. Die Streikenden entwaffneten das Wachpersonal und übernahmen die Leitung des Lagers. Die Kommission kam, metzelte die Streikenden jedoch nieder. "Erde und Schnee waren mit Blut getränkt. Wir konnten unseren verletzten Kameraden nicht beistehen, da jeder um sein eigenes Leben rennen musste", holen Günther Rehbein die Bilder der Vergangenheit ein.

Trotz all dieser schrecklichen Erinnerungen hat er den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren: "Ich zeige heute nicht mit dem Finger auf die Menschen, die mir das angetan haben. Aber ich werde wütend, wenn sie das, was geschehen ist, verdrängen wollen", sagt der Geraer. Man kann ihn nur bewundern, eine solche Sicht auf die Geschichte gewonnen zu haben.

"So etwas darf nie vergessen werden!" - ist bis heute der Antrieb für seine fortwährende Beschäftigung mit diesem Teil deutsch-sowjetischer Geschichte, die er auf Podien zahlreicher bildungspolitischer Veranstaltungen, aber vor allem in Universitäten und vor Schulklassen in ganz Deutschland in Erinnerung hält. "Unsere Jugend weiß zu wenig über die Zeit nach Kriegsende. Dass damals Menschen in Zwangslagern erniedrigt wurden, kommt in den Geschichtsbüchern so gut wie nicht vor", sagt er. Um die jungen Erwachsenen zu befähigen, Demokratie zu gestalten, müssten sie jedoch möglichst viele Aspekte der Vergangenheit kennen. "Wir dürfen nicht immer nur von Erinnerungskultur reden, sondern Zeitzeugen erzählen lassen, solange sie das noch können", ist er von seiner selbst gestellten Aufgabe überzeugt.

Rund 60 bis 70 Lesereisen unternimmt er pro Jahr mit seinem Buch "Gulag und Genossen", das er im Jahr 2006 im Verlag Neue Literatur Jena veröffentlichte. Darin berichtet er über seine Erlebnisse bis 1972 und somit von jenem Teil seines Lebens, in dem er gleich zweimal zum Opfer totalitärer Systeme wurde.

Nachdem Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau Ende 1955 die Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen erwirkt hatte, kam Günther Rehbein zwar wieder nach Gera. Doch von seiner Familie für tot gehalten, hatte sich seine Frau mit einem anderen Mann ein neues Leben aufgebaut und die zum Zeitpunkt von Rehbeins Verhaftung im Mutterleib wachsende zweite Tochter weggegeben. "Da war meine Welt zum zweiten Mal eingestürzt", sagt Günther Rehbein und kann die Dreistigkeit der Stasi immer noch nicht fassen, die 14 Tage nach seiner Rückkehr versuchte, ihn als Mitarbeiter anzuwerben. 1968 fand man schließlich genügend "juristische Anhaltspunkte", um den Geraer erneut wegzusperren. Vier Jahre Bautzen waren die Antwort auf einen Gefühlsausbruch, bei dem er einem Stasi-Mitarbeiter die Parteinadel vom Revers gerissen hatte.

Auch diese Erlebnisse brachten den 1933 in Gera Geborenen dazu, das Buch zu schreiben. "Ich wollte die Erinnerung an diese Diktaturen der Nachwelt überliefern", sagt er. Dreiundeinviertel Jahre brauchte er für die Niederschrift, denn die Beschäftigung mit den teils schrecklichen Ereignissen wühlte alles wieder auf. Auch die momentane Arbeit an der Fortsetzung des Buches über die Jahre 1972 bis heute fällt ihm verständlicher Weise nicht leicht. Denn auch das Wiedersehen mit seiner zweiten Tochter nach 56 Jahren ist ein bewegendes Kapitel seines Lebens.

Günther Rehbein kann aus dem Blickwinkel seiner 80 Lebensjahre mit achtenswerter Milde den Tätern verzeihen. "Doch vergessen werde ich das alles nie. Zwar wurde ich 1995 rehabilitiert, aber wer gibt einem die Jahre wieder?", lässt er seinen Gesprächspartner betroffen zurück und voller Fragen hinsichtlich des über die Zeit nach 1949 Gelernten.

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