Erinnerung an 90er-Jahre

"Ja, an der Stelle wars", sagt Thomas Grund, Streetworker in Jena-Winzerla mit Sitz im Jugendclub "Hugo". Auf dem Gelände des alten "Hugo" zeigt er die Stelle, als ihm am Tage der Eröffnung des damaligen Winzerclubs am 16. September 1991 Uwe Mundlos begegnete.

Straßensozialarbeiter Thomas Grund mit dem Foto von 1991, als er (im Foto links) anlässlich der Eröffnung des "Winzerclubs" mit Dezernent Dorschner auf einer Bank mit Uwe Mundlos saß. Heute ist der alte Club, auf dessen Gelände beide Fotos aufgenommen wurden, verwaist. Foto: Frank Döbert

Straßensozialarbeiter Thomas Grund mit dem Foto von 1991, als er (im Foto links) anlässlich der Eröffnung des "Winzerclubs" mit Dezernent Dorschner auf einer Bank mit Uwe Mundlos saß. Heute ist der alte Club, auf dessen Gelände beide Fotos aufgenommen wurden, verwaist. Foto: Frank Döbert

Foto: zgt

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Jena. Festgehalten ist die Szenerie auf einem Foto der OTZ, zwischen Mundlos und Grund sitzt Stephan Dorschner, damals Jugenddezernent. Das Lachen des jungen Mannes in der Szene-typischen Kleidung der Skinheads täuscht. Thomas Grund, damals als Straßensozialarbeiter in Winzerla eingesetzt und als solcher am Wandel im Ortsteil maßgeblich beteiligt, weiß noch genau, wie Mundlos und Gleichgesinnte im Club Raum für ihre Ideologie erobern wollten. "Wir haben schnell erkannt, dass es nicht Jugendliche sind, die noch nicht in Strukturen stecken und mit denen wir arbeiten können, sondern solche mit einer verfestigten Einstellung. Daraus haben wir die Konsequenzen gezogen."

Die Folge: Hausverbot für Mundlos und Co. Die reagieren sich ab, beschmieren die Außenwände des Clubs mit Hakenkreuzen. Später zeigen sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Winzerla mit nachgemachten schwarzen SS-Uniformen im Stadtteil, der von den Neonazis als "national befreite Zone" betrachtet wird.

Als im Oktober 1996 Jugendliche der linken Szene das leer stehende Wirtschaftsgebäude der ehemaligen Kaserne am Westbahnhof besetzen und fortan von der Stadt dort geduldet werden, fordern auch Mundlos, Kapke und Wohlleben einen Klub für sich und werden im "Hugo" vorstellig: "Wir dürfen jetzt da rein." – "Das habt ihr nicht zu entscheiden", entgegnete Thomas Grund damals. "Rein kann jeder, der sich an die Regeln hält."

Für die Truppe gibt es allerdings schon längst keine Regeln: Überfälle auf Andersdenkende im Stadtgebiet, auf das Planetarium, Hakenkreuzschmiereien an der Gedenkstätte auf dem Nordfriedhof, die "Puppen" mit dem Davidstern gehen auf ihr Konto. Am 9. November 1996 wird von der Polizei in der Stadt ein aus Winzerla kommendes Auto mit vier Rechten des "harten Kerns" gestoppt. Es finden sich im Auto "gefährliche Gegenstände" aller Art: Schreckschusspistolen, Elektroschocker, Beile, Messer, Kampfdorne und ein Wurfstern. Die Polizei geht davon aus, dass eine größere Straftat verhindert werden konnte.

Vieles ließe sich noch zur Genese der "Bombenbauer" rekonstruieren und genau das plant Thomas Grund mit seinen Kollegen. Im Jugendamt der Stadt wurde als Reaktion auf die seit November täglich neuen Nachrichten über das Jenaer Trio die Situation in Winzerla ab Beginn der 90er Jahre rekapituliert. Nun wollen auch die Streetworker eine Chronologie der Ereignisse aufstellen, die sie teils selbst miterlebt haben. Zeitzeugen, ehemalige Täter und wie Opfer rechtsradikaler Gewalt sollen einbezogen werden. Und natürlich will man Fragen nachgehen, auf die man heute noch keine schlüssige Antworten hat: Welche Rolle spielten die DDR-Feindbilder, mit denen das Trio in der Schule erzogen wurde; welchen Einfluss hatte der Wehrdienst auf Mundlos, den er 1994/95 bei der Bundeswehr in Sachsen absolvierte; wie konnte das Trio 13 Jahre im Untergrund leben?

Basierend darauf plant auch der Jugendclub einen Workshop mit Jugendlichen, die heute im "Hugo" verkehren. "Viele von ihnen wissen gar nicht, was sich vor ihrer Zeit hier so alles zugetragen hat", sagt Thomas Grund. Bei den Jugendlichen von heute stelle er weniger das Problem "links" oder "rechts" fest, sondern vielmehr eine Verweigerungshaltung gegen alles – auch gegen das Lernen in der Schule. "Sie können in dieser Gesellschaft für sich einfach keinen Sinn mehr erkennen", warnt Thomas Grund.

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