Erinnerungen an den Todesmarsch von Harra

Sophie Filipiak
| Lesedauer: 3 Minuten
Knapp 100 Teilnehmer beteiligten sich 2015 am „Marsch des Lebens“ entlang der Route von Lemnitzhammer nach Harra, über die am 11. April 1945 KZ-Häftlinge ­getrieben worden waren. Sieben der Gefangenen wurden an dieser Stelle verscharrt. Archivfoto: Peter Hagen

Knapp 100 Teilnehmer beteiligten sich 2015 am „Marsch des Lebens“ entlang der Route von Lemnitzhammer nach Harra, über die am 11. April 1945 KZ-Häftlinge ­getrieben worden waren. Sieben der Gefangenen wurden an dieser Stelle verscharrt. Archivfoto: Peter Hagen

Foto: Peter Hagen

Harra  Vor 73 Jahren wurden KZ-Häftlinge von der SS durch die Region getrieben. Zeitzeugen erinnern sich.

Die siebenjährige Edith steht 11. April 1945 auf der Eisenbahnbrücke, die Harra mit Bad Lobenstein verbindet, und schaut auf Lemnitzhammer. Ihr Großvater war Streckenwart, daher war die Kleine oft mit ihrer Familie dort. Aber was sie an diesem Tag dort erlebt, wird ihr immer im Gedächtnis bleiben. Zu der Zeit hatte man von der Eisenbahnbrücke bis Lemnitzhammer ein freies Blickfeld, heute versperren Bäume die Sicht.

„Wir hatten nur gehört, dass viele Menschen bei Lemnitzhammer rauf nach Harra wollten“, erinnert sich Edith Böckel, geborene Jehnis. „Damals fuhren keine Züge mehr, daher konnte man sich auf der Brücke gefahrlos aufhalten. Wir waren halt neugierig.“

Es waren aber keine Wanderer, die bei Lemnitzhammer an der damaligen Gaststätte Halt machten. Es war ein Todesmarsch. KZ-Häftlinge aus Buchenwald wurden von SS-Männern durch den Landkreis getrieben. „Die Leute in der gestreiften Kluft hatten auch einen Leiterwagen dabei“, so Edith Böckel. Darin war aber keine Verpflegung, sondern diejenigen die dem Marsch bereits zum Opfer gefallen waren: Halbtote, die nicht mehr laufen konnten, und auch Leichen.

„Von der Brücke aus haben wir das Elend gesehen“, sagt Edith Böckel. Aber als Siebenjährige konnte sie damals noch nicht begreifen, was da eigentlich in Lemnitzhammer passierte. Das kleine Mädchen wusste nicht, dass es sich um KZ-Häftlinge handelte. Sie sah Menschen, die vor Hunger und Durst versuchten, Gras zu essen und aus dem Bach zu trinken – es blieb in den meisten Fällen bei dem Versuch.

„Während die SS-Leute im Biergarten in Lemnitzhammer speisten, haben ihre Hunde die Häftlinge bewacht“, erinnert sich Edith Böckel. Die Tiere waren so abgerichtet, dass sie die KZ-Häftlinge vom Wasser und auch vom Gras wegrissen. Das wiederholte sich auch in Harra, wie ein anderer Augenzeuge ­berichtet.

Edith Böckel erfuhr dann von ihrem Bruder, der damals 14 Jahre alt war, von den weiteren Ereignissen. „Für ihn und ein paar Freunde im selben Alter war es ein Abenteuer, die SS-Leute zu spionieren“, sagt Edith Böckel. Er habe dann auch erlebt, wie sieben Häftlinge beim Aufstieg von Lemnitzhammer nach Harra erschossen wurden und an einem Hohlweg von ihren Mitgefangenen verscharrt werden mussten – mit den ­bloßen Händen.

Dann wurde es Sommer und die im Tal verbreitete sich ein unangenehmer, süßlicher Geruch. „Aus Lichtenbrunn kamen damals viele Arbeiter nach Lemnitzhammer, entweder um dort zu arbeiten oder zum Bahnhof zu gehen“, so Claus Walkowiak vom Heimatmuseum in Harra. Er sammelt seit Jahren Augenzeugenberichte und Quellen über den Todesmarsch durch Harra. „Durch die Arbeiter wurde publik, dass bei Lemnitzhammer Leichen verscharrt worden waren“, erklärt er. Die Amerikaner, die die Region besetzt haben, sollen laut Claus Walko­wiak die NSDAP-Machthaber in Harra dazu gezwungen haben, die Toten auszugraben. Dann wurden sie auf dem Harraer Friedhof zu ihrer letzten Ruhe gebettet. Leider hat am Grabstein der Zahn der Zeit genagt, ,die Inschrift sei kaum mehr zu erkennen. Daher bemüht sich Claus Walkowiak darum, dass der Grabstein wieder hergestellt wird. Entsprechende Anfragen an das Pfarramt Harra, Träger des Friedhofes, und das Thüringer Landesverwaltungsamt sind bereits gestellt.