Gastbeitrag von Bodo Ramelow: „Ich bekenne mich zu einer konservativen politischen Haltung“

Zum Leitartikel des Chefredakteurs der Ostthüringer Zeitung vom Sonnabend, 8. Oktober, hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) seine Gedanken aufgeschrieben:

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Foto: Jan Woitas/dpa

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Foto: Jan Woitas/dpa

Foto: zgt

Lieber Herr Riebartsch,

der Begriff des Konservativen sei in Deutschland abhandengekommen, schreiben Sie in Ihrem Leitartikel. Mich regt das zum Nachfragen und Nachdenken an. Allerdings halte ich die These, es gäbe in Deutschland ein „linkes Meinungs- und Handlungsdiktat“ für einen folgenreichen Irrtum, der aber leider gerade bei denjenigen verbreitet ist, deren Aufgabe es wäre, in Deutschland einen selbstbewussten, demokratischen und liberalen Konservatismus stark zu machen. Grund für die Schwäche des Konservatismus in Deutschland, diese These teile ich, ist die Tatsache, dass kaum noch jemand den Versuch unternimmt, zu definieren, was es eigentlich heute heißt, konservativ zu sein. Solange das nicht passiert, können sich Scharlatane mit Tweed-Jackett in Talkshows setzen und mit ihren bräunlich gefärbten Parolen den Begriff des Konservativen auf diskreditierende Art vereinnahmen.

Die meisten Menschen sind konservativ

Die meisten Menschen sind konservativ. Was soll auch daran falsch sein, das zu bewahren, was vertraut, lieb und teuer ist. Ich gehe sogar noch weiter und bekenne mich zu einer konservativen politischen Haltung. Sei fleißig, und du kommst voran. Sei sparsam und vertraue auf die Solidargemeinschaft, dann wirst du keine Armut leiden, wenn du krank oder alt wirst. Sorge für die Bildung deiner Kinder, und es wird ihnen besser gehen.

Zu Jörg Riebartschs Leitartikel: Aufstand der Konservativen

Diese Grundgewissheiten waren die Grundfesten unseres Sozialstaats. Heute haben viele den Eindruck, dass diese Gewissheiten nur noch so lange gelten, wie sie nicht den Profit­erwartungen großer Unternehmen widersprechen. Ein unbefristeter Job ist für Menschen unter 30 wie ein Lottogewinn. Eine schwere Krankheit bringt selbst Mittelschichthaushalte in existenzielle Bedrängnis. Die Rentenerwartung ist selbst für Durchschnittsverdiener jämmerlich. Eine Lebensversicherung hält oft nicht mehr, was sie mal versprach. Und wer sein Kind in ein verwittertes Schul­gebäude bringen muss, das neben einer glänzenden Bank­filiale steht, fragt sich auch mit Recht, ob die Prioritäten richtig gesetzt sind, wenn das Geld besser untergebracht ist, als die Kinder. Ein Konservatismus, der Werte bewahren will, muss auch die sozialen Unwuchten in unserer Gesellschaft zur Kenntnis nehmen.

Konservatismus ist immer dann in der Defensive, wenn er sich auf das Bewahren beschränkt, und umso stärker, je mehr er sich fragt, was verändert werden muss, um die Wertebasis unserer Gesellschaft zu erhalten. Wer nur nach der nächsten Schulter sucht, auf die man klopfen kann, verliert die Hegemonie und irgendwann auch die Macht. Der globale Bezugspunkt für bewahrende Politik mit Veränderungswillen ist der Papst. Er wiederholt in diesen Tagen immer wieder, dass es zu viele Gräben gibt, und zu wenige Brückenbauer.

Auch wir in Thüringen haben allen Grund, unser politisches Handeln und Reden daraufhin zu befragen, ob es Gräben verbreitert oder Brücken baut und dürfen zum Beispiel nicht davor zurück schrecken, die Grenzen der legitimen politischen Auseinandersetzung nach rechts und links klar zu ziehen. Veränderung wagen, soziale, kulturelle und politische Brücken zu bauen, um die Wertebasis unserer Gesellschaft zu bewahren, das ist der Schlüssel für die Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen.

Mit konservativen Grüßen Ihr Bodo Ramelow

*Überschrift und Zwischen­titel von der Redaktion

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