"Gerbergasse 18": Jürgen Haschke attackiert Geschichtswerkstatt

Der langjährige Vorsitzende der Geschichtswerkstatt ließ sich privat den Zeitschriftentitel "Gerbergasse 18" schützen.

Vorstandssitzung in der Geschichtswerkstatt, Henning Pietzsch 2.v.r. Foto: Frank Döbert

Vorstandssitzung in der Geschichtswerkstatt, Henning Pietzsch 2.v.r. Foto: Frank Döbert

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Jena. Es war einmal... So beginnt nicht nur jedes Märchen, sondern auch manche Vereinsgeschichte. Eine von diesen Geschichten nahm 1996 ihren Anfang. Gleichgesinnte, nämlich an der Aufarbeitung der DDR-Geschichte Interessierte und Engagierte aus Jena und dem ganzen Bundesgebiet, trafen sich bis dahin regelmäßig in der evangelischen Studentengemeinde bei Uta und Gotthardt Lemke in der Ebertstraße 4. Sie fassten den Beschluss, einen Verein zu gründen, die Geschichtswerkstatt Jena e.V., verbunden mit der Herausgabe einer Vereinszeitschrift, der "Gerbergasse 18". Die Adresse beherbergte zu DDR-Zeiten die Kreisdienststelle des MfS und war dann lange Zeit der Sitz des Vereins.

Inzwischen gibt es das Stasi-Gebäude nicht mehr und auch die Eintracht im Verein, der für viele als das wache Gewissen der Opfer der Willkür der SED-Diktatur galt und als moralische Instanz, hat sich längst verabschiedet. Nachdem der seit 2012 schwelende Streit um die Konstituierung eines neuen Vereinsvorsitzes durch Neuwahlen vor einem Jahr beendet wurde, widmeten sich die Mitglieder der Geschichtswerkstatt, darunter willkommene Neuzugänge aus studentischen Kreisen, wieder mit voller Kraft dem eigentlichen Vereinszweck. Doch jetzt sehen sie sich mit einem neuen Problem konfrontiert: Der langjährige Vereinsvorsitzende Jürgen Haschke, ehemals Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen und politisch als Mitglied des Stadtrates tätig, hat sich, wie jetzt erst bekannt wurde, im vergangenen Jahr als Privatperson den Markennamen "Gerbergasse 18" vom Patentamt Jena schützen lassen.

Laut der für jedermann auch im Internet einsehbaren Registerauskunft des Patent- und Markenamtes erfolgte die Anmeldung der Wort-Bildmarke in den Farben blau, weiß,rot am 7. Mai 2013. Der Eintrag in das Register erfolgte dann zum 15. August 2013. Am 20. September wurde dies im Register bekanntgegeben. Die Widerspruchsfrist lief am 20. Dezember ab, so dass die Marke "Gerbergasse 18" jetzt bis zum 31. Mai 2023 geschützt ist.

Für Henning Pietzsch, Vorstandsvorsitzender der Geschichtswerkstatt und zugleich Vize-Direktor der Stiftung Point Alpha, ist der nur zufällig bekannt gewordene Vorgang beispiellos: "Wir sind entsetzt über das Vorgehen von Herrn Haschke. Er hat sich damit endgültig ins Abseits gestellt."

In überregionalen Medien wurde sogleich die Nachricht verbreitet, dass der Vereinszeitschrift damit das "Aus" drohe. Das sei, erklärte Henning Pietzsch, eine erste Konsequenz dieses vereinsschädigenden Verhaltens. Ob die seit 18 Jahren bundesweit gelesene Zeitschrift, eine von lediglich drei zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, zumindest den Titel wechseln müsse, werde sich zeigen. Mögliche finanzielle Auswirkungen auf den Verein seien derzeit noch gar nicht absehbar.

Völlig überrascht zeigten sich die Mitglieder, die am Sonnabend zu einer außerordentlichen Versammlung zusammentrafen. Die hatte sich wegen einer Satzungsänderung notwendig gemacht. Natürlich war Haschkes private Patentanmeldung vorrangiger Gesprächsstoff. Henning Pietzsch teilte mit, dass auch die Fördermittelgeber, der Landesbeauftragte für Aufarbeitung der DDR-Diktatur (seit kurzem der Ex-Jenaer Christian Dietrich) und die Bundesstiftung Aufarbeitung ebenfalls nicht über den Schritt Haschkes informiert waren und sich der Landesbeauftragte vermittelnd einschalten wolle. Pietzsch lehnt das ab: "Da gibt es nichts mehr zu vermitteln." Gegen Haschke wurde ein Verfahren zum Ausschluss aus dem Verein eingeleitet. Eine Strafanzeige wird geprüft. Haschke selbst hat sich dem Verein gegenüber bisher nicht geäußert und war am Sonntag für OTZ nicht zu erreichen.

Die Geschichtswerkstatt sieht die Attacke als Ansporn, jetzt erst recht in die Offensive zu gehen. Befördert wird dies auch dadurch, dass der Verein erstmals eine institutionelle Förderung durch das Land Thüringen erhalten hat. Die Ausgabe Nr. 70 der "Gerbergasse 18" werde wie geplant im März erscheinen, versicherte Pietzsch.

Frank Döbert kommentiert zu Geschichtswerkstatt 18: Alles was Recht scheint

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