Gruppenangebot im Saale-Orla-Kreis für Kinder suchterkrankter Eltern steht auf der Kippe

Pößneck/Schleiz  Projekt braucht mehr Sonne als Regen: Ohne gesicherte finanzielle Basis wird das Gruppenangebot für Kinder suchterkrankter Eltern dieses Jahr eingestellt

Das Angebot der Therapeutischen Kindergruppe „Regen und Sonne“ für Kinder psychisch kranker und suchterkrankter ­Eltern wird in fast allen Ferien um einen erlebnispädagogischen Tag bereichert. In den Winterferien vergangene Woche führte dieser Tag die Gruppe auf die Eislaufbahn in Neustadt.

Das Angebot der Therapeutischen Kindergruppe „Regen und Sonne“ für Kinder psychisch kranker und suchterkrankter ­Eltern wird in fast allen Ferien um einen erlebnispädagogischen Tag bereichert. In den Winterferien vergangene Woche führte dieser Tag die Gruppe auf die Eislaufbahn in Neustadt.

Foto: Gisela Külkens

Dem „Projekt zur Unterstützung für Kinder psychisch kranker und suchterkrankter Eltern“, auch „Regen und Sonne“ genannt, droht Mitte des Jahres das Aus, wenn für dieses keine fundierte Finanzierung gefunden wird. Einhellig wird im Jugendhilfeausschuss des Saale-Orla-Kreises die Notwendigkeit dieses Projektes gesehen und dessen ­finanzielle Unterstützung durch den Landkreis befürwortet. Dahingehend hat der Ausschuss, ebenfalls einstimmig, einen ­Antrag an den Kreistag gestellt.

„Das Projekt ist uns eine Herzensangelegenheit und wir ­haben rechtskreisübergreifend nach Möglichkeiten geschaut. Es sollte eine Mischfinanzierung gefunden werden, um das Projekt zu erhalten und zu verstetigen, sonst wird es Mitte des Jahres eingestellt“, beschrieb ­Gisela Külkens, Leiterin der Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses die Situation und die bisherigen Anstrengungen.

Das Projekt „Regen und Sonne“ existiert seit Juli 2014 und ist ein gemeinsames Angebot der Erziehungs-, Ehe-, Familien- und ­Lebensberatung sowie der ­Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete, Suchtkranke und Angehörige im Saale-Orla-Kreis des Diakonievereins Orlatal.

Entstanden sei es aus einem Ärztestammtisch, bei dem beraten wurde, wie Kindern von suchtkranken Eltern geholfen werden könne. Für sie gab es bis dahin keine Möglichkeit der persönlichen Entlastung. ­Daraufhin wurde das Gruppenangebot für diese Mädchen und Jungen eingerichtet.

„Kinder aus diesen Familien merken spätestens im Schulalter, dass durch die Erkrankung bei ihnen zu Hause etwas anders läuft. Sie wissen nicht, was sie zu Hause erwartet, wenn sie von der Schule kommen“, verdeutlichte Gisela Külkens das Erleben der Kinder. Auch die Einzelfallarbeit hatte gezeigt, dass ­Bedarf für ein spezielles Angebot zu diesem Thema besteht.

Einmal pro Woche treffen sich die Mädchen und Jungen der Gruppe „Regen und Sonne“. Allein die Regelmäßigkeit, mit der die Treffen stattfinden, und das Wiedersehen der immer gleichen Kinder gebe ihnen Stabilität. Neben dem Erfahrungsaustausch erhalten die Mädchen und Jungen Informationen zu den psychischen Erkrankungen ihrer Eltern. Parallel dazu erfolge die Arbeit mit den Eltern, die bereits vor der Teilnahme der Kinder an dem Gruppen­angebot intensiv stattfinde. Denn die Einsicht der Eltern, dass sie krank seien, sei eine ­wesentliche Voraussetzung.

„Das Projekt war für ein halbes Jahr angedacht. Dann wollten wir sehen, wie es weitergeht“, erläuterte Gisela Külkens. Doch die Kinder hielten an der Gruppe fest. Hier erlebten sie, dass sie Kind sein dürfen und auch die Eltern nahmen wahr, dass ihrem Nachwuchs die Treffen gut tun.

Im Laufe der Jahre konnten neun Kinder die Gruppe besuchen. Drei warten derzeit auf einen Platz. „Aber uns geht die Luft aus“, so die Leiterin der Familienberatung. Über all die Zeit sei die Gruppe kontinuierlich durch den Lions Club Pößneck mit einem jährlichen Sachkostenzuschuss von 1500 Euro unterstützt worden. Mit diesem konnten beispielsweise Ausflüge oder der erlebnispädagogische Tag, der fast in allen Ferien ermöglicht wird und die Kinder stärkt, realisiert werden. Alles weitere habe der Diakonieverein Orlatal als Träger der beiden Beratungseinrichtungen finanziert, der dies aber nun nicht mehr leisten könne. Einmal seien zudem Stiftungsgelder geflossen. „Wenn die Finanzierung steht, stehen weiterhin jeweils Pädagogen der Familienberatung und der Suchtberatung zur Verfügung“, versicherte Gisela Külkens. Ziel sei es, eine halbe Personalstelle für die Gruppe einzurichten, die aber finanziell untersetzt werden müsse.

„Die Kinder brauchen eine Chance, aus dem Sumpf herauszukommen“, unterstützte Ausschussmitglied Thomas Weidermann (CDU) das Projekt und bat um klare Angaben zur benötigten personellen und finanziellen Hilfe, damit diese in den Haushalt des Landkreises ein­gebracht werden könne.

„Wir haben im Saale-Orla-Kreis eine erhebliche Drogenproblematik“, bestätigte Corina Fügmann, Netzwerk-Koordinatorin Frühe Hilfen/Kinderschutz im Jugendamt, den Bedarf eines solchen Angebotes. Allein 2016 seien im Haushalt des Landkreises 1,7 Millionen Euro eingestellt gewesen für Kinder, die aufgrund der Suchtbelastung ihrer Eltern in verschiedene Hilfeformen gegeben werden mussten. „Und dahinter steht noch eine Dunkelziffer“, wies sie hin. Im Saale-Orla-Kreis hätten sich aber inzwischen gut arbeitende Strukturen innerhalb des Netzwerkes „Courage gegen Drogen“ herausgebildet und auch wissenschaftlich habe sich der Landkreis dem Thema gewidmet.

„Der Saale-Orla-Kreis wird in ganz Thüringen angefragt. Ich stelle das Netzwerk in Erfurt und im Jugendhilfeausschuss im Saale-Holzland-Kreis vor. Wir sind Vorreiter beim Versuch, dem Problem präventiv zu begegnen. Finanzielle Hilfe vom Land gibt es keine“, ­zeigte sie aber auch hier das ­große Manko auf.

Daraufhin sprach sich Ausschussmitglied Wolfgang Kleindienst (UBV) dafür aus, dass der Landrat vom Kreistag den Auftrag erhalte, „im Landkreistag auf das Problem aufmerksam zu machen, damit auf Landesebene Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen werden. Man muss das mittel- und langfristig sehen: was ich frühzeitig verhindere, fällt uns später bei anderen Ausgabestellen nicht auf die Füße“, sagte er. Holger Lorenz bestätigte für die stationäre Jugendhilfe, dass die psychischen Erkrankungen immer mehr zunähmen.

Der Jugendhilfeausschuss wird im Ergebnis im Kreistag den Antrag einbringen, den diesjährigen Haushalt um 20 000 Euro für das Projekt „Regen und Sonne“ aufzustocken. Zudem soll eine weitere finanzielle Planung für die folgenden Jahre vorgenommen werden.

Angebote zur derzeitigen Aktionswoche

Kinder von Suchtkranken sind selbst einem höheren Risiko ausgesetzt, ein Suchtverhalten oder andere psychische Störungen zu entwickeln.

Mit der jährlichen Aktionswoche „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“ für Kinder aus Suchtfamilien wird die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit seit Montag und noch bis Sonntag auf die Thematik gelenkt. Dazu werden Veranstaltungen und Aktionen angeboten.

Im Saale-Orla-Kreis gehörten dazu ein offener Sprechtag in den Beratungsstellen des Diakonievereins Orlatal, des Jugendamtes im Landratsamt und beim Kinderschutzdienst „Huckepack“ des Bildungswerkes Blitz sowie eine gemeinsame Tagung des „Netzwerkes gegen häusliche Gewalt im Saale-Orla-Kreis“, des „Netzwerkes Frühe Hilfen / Kinderschutz“ und „Courage gegen Drogen“ am heutigen Mittwoch.

Hier stellt Verena Zeltner aus Neunhofen ihren Roman „ICEzeit – in den Klauen des weißen Drachen Crystal“ vor. In dem Buch ist es eine junge Mutter zweier Kinder, die in die Drogenabhängigkeit gerät und das Leben der ganzen Familie aus den Angeln reißt.