Immer mehr Familien brauchen im Altenburger Land Hilfe vom Jugendamt

Der Landkreis Altenburger Land lässt sich Hilfen für Familien und die Erziehung von Kindern und Jugendlichen schon jetzt einiges kosten. Und er muss künftig noch mehr Geld dafür einplanen. Denn die Fallzahlen steigen zum Teil explosionsartig.

"Die Prognosen sind düster. Für uns muss das Ansporn sein, die Ärmel hochzukrempeln." Dirk Nowosatko

"Die Prognosen sind düster. Für uns muss das Ansporn sein, die Ärmel hochzukrempeln." Dirk Nowosatko

Foto: zgt

Altenburg. Immer mehr Familien brauchen die Hilfe des Jugendamtes. Das geht aus der Statistik hervor, die Dirk Nowosatko, Chef des Fachbereiches Soziales, Jugend und Gesundheit, gestern präsentierte. Während im Vergleichszeitraum von 2005 bis 2013 die Zahlen praktisch explodieren - und ebenso die Kosten dafür -, stimmt ein Blick in die Zukunft nicht wirklich optimistisch. Denn der Trend, dass immer mehr Kinder und Jugendliche samt ihrer Familien Hilfe des Jugendamtes benötigen, wird sich bis 2019 fortsetzen.

Fallzahlen und Kosten - Tendenz steigend

So stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Heimen, bei Pflegeeltern oder in Tagesgruppen betreut werden seit 2005 auf 361. Das ist ein Plus von 60 Prozent in nur acht Jahren. Entsprechend wuchs auch die Summe, die der Landkreis für Betreuung dieser Art aufbringen musste. Von 3,4 Millionen Euro auf rund sechs Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Bei den ambulanten Hilfen ist im gleichen Zeitraum Ähnliches zu verzeichnen. Mehr Kinder und Jugendliche nahmen diese Unterstützung des Jugendamtes in Anspruch. Waren das 2005 noch 78 Kinder und Jugendliche, müssen aktuell 134 vom Jugendamt ambulant betreut werden. Die Kosten dafür wuchsen von 500 000 auf 764 000 Euro an.

Und Besserung ist nicht in Sicht. Die Prognosen sehen sowohl für die stationäre als auch die ambulante Betreuung düster aus. Bis zum Jahre 2019 nimmt laut Nowosatko die Zahl jener Kinder und Jugendlichen zu im Altenburger Land, die stationär betreut werden müssen. Diese errechneten Steigerungen schwanken zwischen 14 und 27 Prozent, was an der Bevölkerungsentwicklung liegt. "Wir wissen nicht genau, wie sehr sie schrumpfen wird im Altenburger Land", sagt Nowosatko. Aber dass die Fallzahlen steigen werden im Bereich des Jugendamtes, das steht außer Frage. Ebenso für die ambulante Hilfe für Kinder und Jugendliche. Hier rechnet die Behörde mit einem Mehr zwischen 17 uns 31 Prozent bis 2019. Und auch die Kosten werden sich parallel dazu entwickeln: Bis zu einer Million Euro mehr muss der Landkreis im schlechtesten Fall aufbringen für die ambulante Betreuung der Problemkinder und ihrer Familien.

Von einer geradezu unheimlichen Dynamik spricht Nowosatko außerdem von einem weiteren Bereich, der in seinen Verantwortungsbereich fällt. Die Betreuung seelisch behinderter Kinder und Jugendlicher. Hier schnellte die Zahl von drei auf aktuell 35, Tendenz steigend. Gleiches trifft auf die Kosten zu. Ein Stichwort als Begründung speziell dieser Entwicklung nennt Nowosatko Inklusion. Seelisch behinderte Kinder haben verbrieftes Recht auf gleiche Bildungschancen. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch noch nicht überall gegeben an den Bildungseinrichtungen im Landkreis. Weshalb Eltern von seelisch behinderten Kindern diesem Recht über das Jugendamt Geltung verschaffen. Nowosatko rechnet, dass diese Zahl in den kommenden fünf Jahren auf 70 Fälle im Altenburger Land ansteigt.

Warum gerade im östlichsten Zipfel Thüringens all diese Zahlen sprunghaft steigen und immer mehr Geld in die Hand genommen werden muss für Erziehungshilfen jeder Art, darüber kann Nowosatko nur spekulieren. Allerdings kann er auch logische Zusammenhänge zur Gesamtsituation der hiesigen Region herstellen. Per Thüringer Sozialstrukturatlas nämlich, der mögliche Erklärungsansätze liefert. Laut dem ist die Erwerbs- und ökonomische Situation der Menschen im Altenburger Land kritisch. Das Altenburger Land altert schneller, als andere Regionen in Thüringen. Und hier leben die wenigstens Jugendlichen, die unter 18 Jahre sind. Das Altenburger Land hat den geringsten Anteil von Kindern, allerdings die drittniedrigste Kaufkraft. Dem gegenüber steht der zweithöchste Wert an Verbraucherinsolvenzen. Und im Altenburger Land leben die meisten Kinder unter 15 Jahre, die von Hartz IV betroffen sind. "Übersetzt heißt das, dass ein Viertel der Jugendlichen unter 15 Jahre in Armut leben", sagt Nowosatko zu diesem Punkt.

Zu viele Faktoren kommen zusammen

Armut, so betont der Behördenchef im gleichen Atemzug, würde jedoch nicht automatisch dazu führen, dass Familien ihre Kinder nicht mehr erziehen können. Im Altenburger Land sei es vielmehr problematisch, dass so viele negative Faktoren aufeinander treffen. Faktoren, die die Mitarbeiter im Jugendamt nur schwer oder gar nicht beeinflussen können. "Und unser Anspruch kann es nicht sein, nur Feuerwehr zu spielen", sagt der Fachbereichsleiter. Kommentar

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