Jena-Göschwitz ist der Favorit für einen IC-Knoten

Jena  Der Bau eines IC-Knotenbahnhofes in Jena-Burgau ist vorerst vom Tisch. Stattdessen soll das dezentrale Bahnhofssystem in Jena verbessert werden. Wie Stadt und Land betonen, steht dabei der Westbahnhof im Vordergrund.

Der Bahnhof in Göschwitz ist schon jetzt ein Knoten für Nord-Süd- und Ost-West-Routen. Jetzt soll er zum neuen IC-Knoten ausgebaut werden.

Der Bahnhof in Göschwitz ist schon jetzt ein Knoten für Nord-Süd- und Ost-West-Routen. Jetzt soll er zum neuen IC-Knoten ausgebaut werden.

Foto: Emil Beier

OB Thomas Nitzsche begrüßt das Ergebnis. „Die Deutsche Bahn hat zudem zugesichert, dass die Fernverkehrshalte in Jena-Paradies und Göschwitz in der Nord-Süd-Richtung sowie in Jena-West und Göschwitz in Ost-West-Richtung erhalten bleiben. Ob dies im Falle eines neuen Knotenpunktes in Jena-Burgau möglich gewesen wäre, ist fraglich.“

Was gegen Burgau spricht

Die am Donnerstag öffentlich gemachte „Variantenuntersuchung eines IC-Knotens Ostthüringen in Jena“ vergleicht Stärken und Schwächen sowie Chancen und Risiken. Weil vor allem die Kosten nicht kalkulierbar und keine Finanzierung durch Bund und Deutsche Bahn zu erwarten sind, rät der Gutachter Matthias Gather, keine weiteren, kostspieligen Voruntersuchungen für Burgau anzustellen, zumal auch nur vergleichsweise geringe Chancen für die Stadtentwicklung zu erwarten sind. Für Burgau hätte voraussichtlich ein dreistelliger Millionenbetrag investiert werden müssen.

Stattdessen schlägt der Erfurter Professor für Verkehrspolitik und Raumplanung vor, die vorhandenen personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen von Stadt und Land dazu zu nutzen, das dezentrale Jenaer Bahnhofssystem weiterzuentwickeln und zu verbessern. Es funktioniere nämlich besser als gedacht.

Westbahnhof

Schon wegen der Zeiss-Investition müsse zunächst der Westbahnhof im Mittelpunkt stehen, sagt OB Thomas Nitzsche (FDP). Es sei „charmant“, sagte Gather über das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und über das Bild des Areals, das so gar nicht zu einer pulsierenden Stadt passe. Nitzsche sprach von einem städtebaulichen Wettbewerb für den Westbahnhof. Dabei soll auch die Frage geklärt werden, ob der Haupteingang nicht an die westliche Seite der Bahngleise zu verlegen sei. Dabei geht es um den ÖPNV, Stellflächen für Fahrräder und anderes mehr.

Fakt ist: Als Visitenkarte der Stadt ist der Bahnhof im Westen ebenso ungeeignet wie Göschwitz im Osten.

Göschwitz

Der Bahnhof in Göschwitz ist schon jetzt ein Knoten für Nord-Süd- und Ost-West-Routen. Jetzt soll er zum neuen IC-Knoten ausgebaut werden. „Jena wird sich in den nächsten Jahren zu einem Knoten zweier IC-Linien entwickeln. Ab 2019 wird die Anbindung auf der Mitte-Deutschland-Verbindung und ab 2023 auf der Saalbahn schrittweise zu einem Zweistundentakt verdichtet. Das bringt für Jena viele Chancen, die es jetzt zu nutzen gilt“, sagt Klaus Sühl, Staatssekretär für Infrastruktur und Landwirtschaft. Der Gutachter schlägt folgende Maßnahmen vor:

Modernisierung und Aufwertung des Bahnhofsumfeldes in Göschwitz;

Prüfung der Möglichkeiten einer neuen Gleisgeometrie und Verlängerung der Bahnsteigkanten, um die Umsteigemöglichkeiten zu verbessern;

gegebenenfalls einen neuen Haltepunkt für den Schienenpersonennahverkehr in Burgau, sofern eine städtebauliche Erschließung der angrenzenden Gebiete gewünscht ist.

Die Ausgangslage

Im Herbst 2017 überraschte Ministerpräsident Bodo Ramelow mit der Ankündigung, dass das Land sich finanziell an einem neuen Hauptbahnhof in Burgau am Gleisdreieck beteiligen werde. An diesem Bahnhof könnten sich künftig die IC-Linien Karlsruhe – Leipzig und Düsseldorf – Chemnitz kreuzen. Ab 2030 sollen auf beiden jeweils acht Zugpaare pro Tag fahren. Voraussetzung für die Ost-West-Linie ist die Elektrifizierung der Mitte-Deutschland-Schiene.

Im Frühjahr 2018 gab es dazu einen Kabinettsbeschluss. Ein vom Land initiierter Lenkungskreis „IC-Knoten für Ostthüringen in Jena“, an dem Vertreter der Städte Jena und Gera, der Ostthüringer Landkreise, Vertreter der Bahnen und von Verbänden sowie von den verschiedenen Fernverkehrsbündnissen teilnahmen, begann mit der Arbeit. Daneben gab es drei Arbeitsgruppen, die sich mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigen. Zum Beispiel mit der Verknüpfung von ÖPNV und Regionalverkehr. Dort sei auch die Idee besprochen worden, die Pfefferminzbahn zu reaktivieren, sagt der Staatssekretär.

Ramelows Angebot hat einen Hintergrund: Mit der Fertigstellung des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nummer 8 wurden die über die Saalbahn laufenden Fernverbindungen zum Nachteil von Jena im Dezember 2017 weitgehend eingestellt. Angesichts der Finanzzusage spricht OB Nitzsche von einem Geschenk, das die Stadt Jena nun nicht annehmen werde. Die Finanzzusage stehe, „was immer das heißen mag“, sagt hingegen Staatssekretär Sühl.

Die Knobelaufgabe

OB Thomas Nitzsche nennt die Arbeit des Gutachters eine knifflige Knobelaufgabe: Vor- und Nachteile eines Knotens in Burgau herausarbeiten, die Verknüpfung mit dem Fernverkehr, Anbindung an den ÖPNV, Folgen für die Stadtentwicklung sowie Folgen für den Westbahnhof und Jena-Paradies sowie anderes mehr: Es waren eine Fülle an Faktoren zu berücksichtigen.

Die Hintertür

„Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen, dass die Defizite der Bahnhöfe Göschwitz, Paradies und West nicht zu beheben sind, soll der Neubau eines neuen Zentralbahnhofs erneut bewertet werden. Dies setzt voraus, dass für den Standort Burgau dann auch ein entsprechendes städtebauliches Entwicklungskonzept erarbeitet wird.“ So heißt es in einem Fazit vom April, das zwischen Stadt und Land abgestimmt wurde. Das Gutachten lag bereits im März vor.

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