Jenaer Neonazi-Trio bezog Sprengstoff nicht aus Großeutersdorf

Der Einbruch in das NVA-Depot bei Großeutersdorf, bei dem Sprengstoff entwendet wurde, konnte 1996 aufgeklärt werden. Woher stammte dann das TNT für die Rohrbomben des Jenaer Neonazi-Trios?

In den 80-er Jahren fertigte die Kreisdienststelle des MfS von dem NVA-Lager bei Großeutersdorf eine Fotodokumentation an, die zur Verhinderung von Spionage durch die Alliierten Militärmissionen diente (Foto). 1990 war es offenbar kein Problem, in die Stollen zu gelangen. Foto: BStU/Frank Döbert

In den 80-er Jahren fertigte die Kreisdienststelle des MfS von dem NVA-Lager bei Großeutersdorf eine Fotodokumentation an, die zur Verhinderung von Spionage durch die Alliierten Militärmissionen diente (Foto). 1990 war es offenbar kein Problem, in die Stollen zu gelangen. Foto: BStU/Frank Döbert

Foto: zgt

Jena. Woher stammt der Sprengstoff, den das Jenaer Neonazi-Trio 1997 für drei Bombenattrappen und vier Rohrbomben nutzte? Das ist eine der Fragen, die im Komplex der bundesweiten Ermittlungen zum "Nationalsozialistischen Untergrund" derzeit geklärt werden sollen. In das Visier ist dabei ein Sprengstoff-Diebstahl gerückt, der sich 1990 in Großeutersdorf zugetragen hat. Zeitungen berichteten am Wochenende, dass Ermittler inzwischen wüssten, dass das von den Jenaer Tätern verwendete Sprengstoff identisch sei mit dem, den Unbekannte bei dem Einbruch in ein "Bundeswehr-Munitionsdepot" bei Großeutersdorf gestohlen hätten. Der Einbruch wird allerdings auf das Jahr 1991 datiert und die gestohlene Menge auf 40 Kilogramm TNT beziffert.

"Das stimmt so definitiv nicht", sagt Markus Gleichmann, der Vorsitzende des Walpersbergvereins e.V., der sich seit langem mit der Geschichte der unterirdischen Rüstungsfabrik "Reimahg" bei Großeutersdorf befasst. Ein Teil dieser Anlagen im Walpersberg war Anfang der 70-er Jahre nach einem erneuten Ausbau von der NVA genutzt worden als Bestandteil des so genannten Komplexlagers 22. Zuletzt lagerten in den etwa 600 Meter langen Stollen bei Großeutersdorf Waffen, Munition und Sprengstoff in großer Menge. Das Gelände war streng abgeschirmt und ebenso bewacht.

In der Wende, Anfang Mai 1990, so konnte später rekonstruiert werden, stiegen vier Personen, die aus Kahla stammten und offensichtlich über genaue Ortskenntnis verfügten, dennoch durch einen Luftschacht in die unterirdischen Stollen ein. Sie stahlen dort eingelagerte Sprengkapseln und Schneidladungen, wie sie Pioniertruppen verwenden, 18 Kilogramm insgesamt. Nachdem der Diebstahl bemerkt wurde, ermittelten Volkspolizei und die damalige Militärstaatsanwaltschaft. Von den Tätern fehlte jede Spur. Die fand sich erst 1996 durch einen Hinweis, den ein Kahlaer aus dem Kreis der Täter gab. Sehr schnell ermittelte die Polizei die weiteren Täter. Auch der Sprengstoff wurde gefunden. Die Täter waren nicht der rechten Szene zuzuordnen. 1998 wurden die reuigen Einbrecher zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Die Generalstaatsanwaltschaft Jena, die den Sachverhalt anhand noch vorhandener Akten prüft, will voraussichtlich heute zu dem Vorgang Stellung nehmen, wie deren Sprecher Stefan Tilch erklärte.

Es erhebt sich nun erneut die Frage, woher die 1,4 kg TNT aus den vier Rohrbomben des Jenaer Trios stammten, wenn nicht aus NVA-Beständen. Offenbar hat es aber auch nach Übernahme des ehemaligen Komplexlagers durch die Bundeswehr Diebstähle in das Rothensteiner Depot gegeben. So soll dort nach OTZ-Informationen ein Bundeswehrangehöriger vier Maschinenpistolen des tschechischen Typs "Skorpion" entwendet haben.

Klarer erscheint nun auch der Hergang der Wohnungs- und Garagendurchsuchungen im Januar 1998, bei der Uwe Böhnhardt entwich. Der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft bestätigte einen diesbezüglichen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Sonnabend. Danach war Böhnhardt (geboren 1977) 1993 zum ersten Mal verurteilt worden, am 21. April 1997 ein weiteres Mal. Diesmal jedoch wegen rechtsextremer Straftatsbestände. Unter anderem wurde ihm die mit einem "Judenstern" und Bombenattrappe an der Autobahn 4 installierte "Puppe" zur Last gelegt. Gegen die Strafe von dreieinhalb Jahren Haft legte Böhnhardt Berufung ein. Die hatte Erfolg, die "Puppe" wurde ihm nicht angelastet. Es verblieb ein Urteil von zwei Jahren und drei Monaten. Dieses war ab 10. Dezember 1997 rechtskräftig, wurde aber vor Weihnachten nicht mehr vollstreckt. Die Akten gingen so erst am 23. Januar 1998 vom Landgericht Gera bei der Staatsanwaltschaft Gera ein, danach wurden sie an den Jugendrichter in Jena weitergeleitet.

Zu der Zeit wurde gegen Böhnhardt sowie Uwe Mundlos und Beate Zschäpe nach Hinweisen des Verfassungsschutzes jedoch bereits wegen der drei Bombenkoffer - ein dritter war im Jenaer Stadion entdeckt worden - ermittelt. Am 26. Januar kam es zur Durchsuchung, bei der Uwe Böhnhardt anwesend war. In einer Garage nahe Böhnhardts Wohnung fanden sich keine Beweise. Da die Akten aus Gera noch zum Jugendrichter unterwegs waren, lag so (noch) kein Anlass zur Vollstreckung der Strafe vom Dezember vor.

Die Brisanz der "Bombenkoffer" war offensichtlich nicht erkannt worden - Böhnhardt durfte mit dem Auto davonfahren. Als dann in einer zweiten Garagenanlage die Rohrbomben und die 1,4 kg TNT entdeckt wurden, gab die Staatsanwaltschaft Gera sofort grünes Licht für die Verfolgung und Festnahme von Böhnhardt - zu spät. Am 28. Januar wurde der internationale Haftbefehl gegen das Trio ausgestellt.

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