Jenas OB als "Weltbürgermeister" nominiert

Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter gehört zu den weltweit 26 Finalisten für die alle zwei Jahre von Londoner Stiftung.

Der promovierte Theologe Albrecht Schröter (SPD) Foto: Lutz Prager

Der promovierte Theologe Albrecht Schröter (SPD) Foto: Lutz Prager

Foto: zgt

Jena. Albrecht Schröter staunte nicht schlecht, als er nach seinem Urlaub am Montag die E-Mails in seinem Büro durchsah. "Da fand ich Glückwünsche von Kollegen für eine angebliche Nominierung zum ‚Weltbürgermeister‘", sagt der Jenaer OB.

Was der 59-jährige SPD-Politiker im ersten Moment für einen Scherz hielt, entpuppte sich als eine seriöse Ehrung. Seit 2004 zeichnet die nichtkommerzielle Organisation The City Mayors Foundation (Stadtbürgermeister-Stiftung) alle zwei Jahre den "World Mayor" aus. Laut Satzung der 2003 von Kommunalpolitikern gegründeten Stiftung soll die Auszeichnung das Ansehen von Bürgermeistern weltweit erhöhen und ihre besonderen Leistungen würdigen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem die Stadtoberhäupter von Kapstadt, Melbourne, Mexico-Stadt oder Athen.

Jena in bester Gesellschaft von Weltstädten

Auf der englischsprachigen Internetseite worldmayor.com finden sich die Bilder von 26 Finalisten aus Europa, Nord- und Südamerika, Asien, Australien und Afrika, die aus 126 Vorschlägen für den diesjährigen Wettbewerb hervorgingen. Der Oberbürgermeister der Stadt Jena befindet sich dabei in bester Gesellschaft. Weitere Anwärter sind zum Beispiel die Stadtoberhäupter von Calgary (Canada), Houston (USA), Guatemala City, Gent (Belgien), Bordeaux (Frankreich), Riga (Lettland), Liverpool (Großbritanien) oder Seoul (Südkorea).

"Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich in diesen Kreis von Bürgermeisterkollegen aus Weltstädten komme", sagt Schröter und äußert dann doch eine Vermutung. Einerseits sei da sein Einsatz gegen Rechtsextremismus und andererseits sein Eintreten für lokale Diplomatie bei der Vermittlung zwischen Palästinensern und Israelis. Ein sehr aktuelles Thema in diesen Tagen. Als Präsidiumsmitglied des Deutschen Städtetages hat Schröter Partnerschaften zwischen Hebron und Mannheim, Ramallah und Bonn mit angestoßen. Jena selbst pflegt seit 2011 eine Städtepartnerschaft mit Beit Jala und strebt zusammen mit der französischen Partnerstadt Aubervilliers eine Verbindung zu einer israelischen Stadt an. Seit zwei Jahren gibt es gute Kontakte zur Stadt Gilboa. "Als Deutsche und Franzosen wollen wir zeigen, wie aus einstigen Feinden Freunde werden können. Diesen Geist wollen wir auch in den Nahen Osten tragen", so Schröter.

Eine Anfrage bei der The City Mayors Foundation in London bestätigte das. Tann vom Hove, einer der Mitgründer antwortete per E-Mail, dass die Nominierung von OB Albrecht Schröter vom In- und Ausland unterstützt wurde. "Gemessen an der Größe von Jena erhielt er mehr Nominierungen als andere deutsche Kandidaten", schreibt vom Hove. Etwa die Kollegen aus Dortmund, Münster, Bochum, Köln, Ulm und Nürnberg hatten das Nachsehen. Schröter steht als einziger Deutscher im Finale.

Wer von den 26 Kandidaten am Ende den Titel "World Mayor 2014" erhält, entscheiden aber die Bürger. Bis Oktober kann jeder, der Schröter unterstützen will, eine E-Mail an folgende Adresse schreiben: jena@worldmayor.com. In der E-Mail sollte in einem kurzen Kommentar geschrieben werden, weshalb der Jenaer OB den Titel verdient hat. Einzige Hürde: Die Begründung sollte in englischer Sprache abgegeben werden. An der Wahl zum "World Mayor 2012" beteiligten sich 463 000 Menschen weltweit. Der Sieger erhält eine Skulptur, die vom französischen Künstler Manuel Ferrari entworfen wurde.

Reaktionen von Stadtratsmitgliedern

Die unerwartete internationale Ehrung des Jenaer Stadtoberhaupts löste gestern auch bei den Mitgliedern des Stadtrates große Überraschung aus. Doch selbst die wichtigsten Kritiker Schröters zollten Respekt. Linken-Fraktionschefin Martina Flämmich-Winckler sieht die Auszeichnung als Wertschätzung für Jena insgesamt, lobt aber auch Schröters Engagement gegen Rechtsextremismus und für Völkerverständigung. "Ich wünsche mir allerdings, dass sich diese Nominierung auch in der parteiübergreifenden Lösung kommunaler Probleme vor Ort widerspiegelt und wir nicht nur einen weltreisenden Oberbürgermeister haben", sagt Flämmich-Winckler und benennt die jüngst ausgesprochene Haushaltssperre.

Thomas Nitzsche von der FDP, der auch nicht unbedingt zu Schröters engstem Freundeskreis zählt, lobt das Talent des OB, die Stadt Jena nach außen hervorragend zu vertreten. "Angesichts einer solch hochkarätigen Nominierung, bei der Jena neben Weltstädten auftaucht, gieße ich kein Wasser in den Wein, und die kommunalen Probleme, die klären wir zu Hause", sagte Nitzsche.

Stadtrat Clemens Beckstein von den Piraten sieht in der Nominierung von Schröter ebenfalls eine verdiente Würdigung für dessen Engagement zur Verständigung und zur Internationalisierung der Stadt. Auch Jenas Stadtentwicklung sei vorbildlich, sagt der Informatik-Professor. Nur manchmal, wie beim Eichplatz, hapere es bei der Verwirklichung von vorhandenen Visionen. Da sei viel Porzellan zerschlagen und Vertrauen verspielt worden, befindet der Pirat. "Da ist der Oberbürgermeister im Tagesgeschäft manchmal zu weich, gerade seinen Dezernenten gegenüber", findet Beckstein.

Glückwünsche zur Nominierung gab es auch von der CDU. "Doch ein Oberbürgermeister ist immer nur so stark, wie seine Dezernenten und der Stadtrat", schob Fraktionschef Benjamin Koppe nach, "Auch meine Fraktion sowie vor allem Bürgermeister Frank Schenker mit seinem bildungspolitischen Engagement haben dazu beigetragen, dass Jena erfolgreich ist." Die CDU-Fraktion hofft, dass die Nominierung neuen Schwung erzeugt, um offene Baustellen wie die vor wenigen Tagen verhängte Haushaltssperre, Stadtentwicklungsthemen wie den Eichplatz, den Wohnungsbau oder die verkehrliche Probleme schneller zu lösen.

So stimmt man ab:

  • Bis Oktober 2014 ist die Abstimmung über den World Mayor, den "Weltbürgermeister", ausschließlich im Internet möglich.
  • jena@worldmayor.com lautet die E-Mail-Adresse für Jenas OB Albrecht Schröter.
  • Teilnehmer sollten in die E-Mail die besonderen Leistungen des Bürgermeister schreiben, können aber Unzulänglichkeiten nennen. Bitte Namen und Wohnort nicht vergessen.
  • www.worldmayor.com ist die Homepage der Stiftung.
  • 463.000 Menschen stimmten 2012 ab.

Lutz Prager kommentiert: Kleine Stadt spielt gute Rolle

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