Katzenjammerkarneval: Brasilien im Blues

Brasilien hat in den vergangenen Jahren weit über seine Verhältnisse gelebt. Doch erst jetzt werden die Rechnungen präsentiert.

Demonstranten nehmen Ende Januar an einer Kundgebung gegen Präsidentin Dilma Rousseff und deren Politik vor dem Finanzministerium in Brasilia teil. Foto: Fernando Bizerra Jr/dpa

Demonstranten nehmen Ende Januar an einer Kundgebung gegen Präsidentin Dilma Rousseff und deren Politik vor dem Finanzministerium in Brasilia teil. Foto: Fernando Bizerra Jr/dpa

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Rio. Stell Dir vor, es ist Karneval und keiner geht hin! Ganz so schlimm ist es nicht; aber die Chefs von Rios Tourismusbehörde und der Liga der Sambaschulen haben allen Grund zur Sorge: die Logen für die Schönen und Reichen im Sambodrome verkaufen sich schlecht. Schlimmer noch, die bekannten Marken und Firmen, die bislang noch in jedem Karneval großzügig Star und Sternchen bei der Mega-Show bewirteten - um mit ihrem Logo in die Klatschpresse zu kommen - kneifen. Sie haben abgesagt!

In diesem Jahr müssen deshalb alle, die sich zu den Prominenten zählen, ihren Logenplatz selber kaufen! Der Preis für einen Platz in der Loge für VIP-Gäste kann da schon mal auf dreitausend Euro steigen, Getränke inklusive. Da schmeckt der Schampus bitter.

Die Fastenzeit hat aber schon vor der Fußball-Weltmeisterschaft begonnen, nicht erst nach dem demütigenden 7:1. In Wahrheit hat Brasilien in den vergangenen Jahren weit über seinen Verhältnissen gelebt; aber erst jetzt werden die Rechnungen präsentiert. Die Nation rutscht in die Rezession, ein gewaltiges Leistungs-, Handels- und Zahlungsbilanzdefizit tut sich auf, das Wirtschaftswachstum geht gegen Null, die Staatseinnahmen decken nicht die Ausgaben, die Teuerung steigt auf offiziell sieben Prozent, bloß die Arbeitslosigkeit hält sich (noch) in Grenzen weil die Kürzungen in den Etats der Regierungen wie der Unternehmen noch nicht wirken.

Dass bei dieser düsteren Lage die Landeswährung, der Real, hart bleibt, hat schlicht damit zu tun, dass Milliarden von spekulativem Kapital nach Brasilien fließen weil dort die Zinsen ­astronomisch hoch sind. In Europa oder den USA bekommt man ja nur minimale Beträge.

Dass die Rohstoffpreise unter anderem wegen der lahmen Konjunktur in China und Europa gefallen sind, macht sich in der Exportnation für Eisenerz, Kaffee, Fleisch und Soja negativ bemerkbar. Aber alle diese äuß­eren Faktoren sind nicht die wichtigste Ursache für Brasilien schwächelnde Wirtschaft: Es ist die eigene Politik.

Die Prestige-Bauten für die ­Fußball-WM, die nun ungenutzt vor sich hinbröckeln, sind dabei noch das kleinste Übel. In den Boom-Jahren 2010 bis 2013 als Brasilien Wachstumsraten von mehr als 2,5 Prozent verzeich­nete und sich schon im Klub der sechs größten Industrie­nationen wähnte, floss das Geld in den privaten Konsum statt in ­öffentliche Investitionen für die Zukunft. Die Brasilianer stopften ihre Wohnungen voll mit elektronischen Kram - der­weil wuchsen die Schlaglöcher auf den Straßen. Und es fehlt an Wasser und Strom.

Nun hat ein Jahrhundertsommer die Metropolen São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte heiß erwischt. Seit zwei Monaten fällt kaum ein Tropfen vom Himmel, die Talsperren sind zu Schlammlöchern de­generiert. Viele Betriebe müssen ihre Produktion einstellen, weil das Wasser fehlt und der Strom immer wieder ausfällt, der zu 80""Prozent durch Wasserkraftwerke erzeugt wird. Wasserknappheit in einem Land, das - in Amazonien - über ein Drittel der Süßwasserreserven der Erde verfügt! In São Paulo lassen ­einige Villenbesitzer im Garten Brunnen bohren. In Rio de ­Janeiro sind seit einem halben Jahrhundert keine neuen ­Zisternen mehr gebaut worden - obgleich sich die Bevölkerung in dieser Zeit verdoppelt hat.

Jetzt sollen die Brasilianer den Gürtel enger schnallen. Tariferhöhungen, Etatkürzungen und Entlassungen hat die ­Präsidentin Dilma Rousseff zu Beginn ihrer zweiten Amts­periode angesagt: in ihrem ­Kabinett von 39 (!) Ministern. Ist das glaubwürdig? Und wird der neue Kongress die Ankündi­gungen zur Bekämpfung der Korruption mittragen? Wo mehr als die Hälfte der Abgeordneten und Senatoren über familiäre Bindungen seit ­Generationen in der Politik ­mitmischen? Viele von ihnen haben natürlich auch dabei ­mitgemischt, dass ihre Mischpoke die besten Posten und ­Pöstchen abbekommt, die die Regierung in den aufgeblähten Ministerien, Behörden, Organen und Staatsbetrieben unterbringt.

Petrobras, der staatliche Ölkonzern und das weitaus größte Unternehmen, war schon immer ein Staat im Staate. Aber nun stellt sich heraus, dass der Konzern auch ein Schweizer ­Käse war, in den korrupte Beamte und Politiker mit Hilfe von Bauunternehmern so große ­Löcher gerissen haben, dass der gesamte volkswirtschaftliche Schaden sich auf über drei ­Milliarden Dollar beziffert. Das Flaggschiff der Nation - ein ­einziger Sauhaufen, dessen ­Aktien ins Bodenlose abgestürzt sind.

Es wird Jahre dauern bis der Konzern, dessen technische Kompetenz unbestritten ist, wieder auf die Beine kommt; das wird aber nur dann erfolgen, wenn das Unternehmen von der Politik abgeschottet wird.

Ob das gelingt, ist fraglich. Denn nach wie vor blockieren die politischen Seilschaften in Brasilia jede Reform, die ans Eingemachte geht, also an den gewohnten Filz zwischen ­öffentlichen Aufträgen und privaten Taschen. Schlimm genug, dass man jetzt auch noch den Champagner selber zahlen soll im Sambodrome, im Karneval.