Kritik an Demontage: Akt-Plastik vor Flüchtlingsheim in Gera weggeräumt

Gera  Kunst als mögliche Provokation? Ausgerechnet diese Woche wurde das nackte Paar am alten Krankenhaus abgebaut. Am Montag sollen erste Flüchtlinge kommen.

Plastik „Heilkraft und Heilkunst" von Harri Schneider am alten Standort. Foto: Manfred Otto Taubert

Plastik „Heilkraft und Heilkunst" von Harri Schneider am alten Standort. Foto: Manfred Otto Taubert

Foto: zgt

Noch bevor voraussichtlich am Montag die ersten von bis zu 2000 Asylbewerbern in das ehemalige Bergarbeiterkrankenhaus einziehen, hat die Stadtverwaltung Gera diese Woche eine Bronzeplastik und eine Sonnenuhr entfernen lassen.

Diese Entfernung beklagt der Geraer AfD-Landtagsabgeordnete Stephan Brandner in einer Pressemitteilung. Er verstehe nicht, dass „die beiden unbekleideten Gestalten ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aufstellung nun aus Rücksicht vor mittelalterlichen Moralvorstellungen oder befürchteter Zerstörungswut der zukünftigen Bewohner des Objektes“ abgebaut wurden. „Wir wollen unsere Kultur behalten, ob in Bronze gegossen oder sonst wie und damit basta!“, erklärt Brandner.

"Nacktheit ist der Inbegriff der europäischen Kunst."

Volkmar Kühn, Bildhauer aus Wünschendorf

Auf die Frage, warum die vermutlich im Jahr 1963 dort zwischen Kulturhaus und Haupthaus aufgestellte lebensgroße Plastik ausgerechnet jetzt vom Sockel geholt wurde, beantwortet die Stadtverwaltung auf OTZ-Anfrage nicht. Vielmehr wird der denkmalpflegerische Wert der 1962 in Bronze gegossenen Plastik „Heilkraft und Heilkunst“ von Harri Schneider (1929-1992) aus Magdeburg im angestammten Ensemble betont.

Plastik und Sonnenuhr sollen als Dauerleihgabe auf dem Gelände des SRH Wald-Klinikums aufgestellt werden. Das sei schon länger der Wunsch der Klinikleitung. Ursprünglich wollte man das bronzene Paar direkt umsetzen, aber weil die Figuren einen Sporn haben, der in die Erde spießen würde und unklar sei, ob auf der Fläche vor dem über 90-jährigen Klinikgebäude Leitungen verlaufen, wurde das Kunstwerk zunächst von der Stadt eingelagert, so eine Kliniksprecherin auf Nachfrage.

Bei Manfred Otto Taubert, dem Geraer Autor des 2014 erschienenen Buches „Plastiken und Skulpturen in Gera“ haben sich unterdessen aufgeregte Geraer gemeldet. Er selbst war am Ort des Geschehens, wurde aber nicht bis zum Standort vorgelassen. Das wurde auch unserer Redaktion für ein Foto verwehrt. Selbst auf Rückfrage des Objektleiters beim Landesverwaltungsamt blieb das so. Dort sei nur noch ein Erdhaufen, sagten Mitarbeiter der Wachschutzfirma.

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Das Paar soll ganz in die Nähe der Plastik „Mädchenakt“ von Carl Kuhn und „Junger Student“, auch nackt, von Heinz Beberniß seinen Platz finden.

„Ich fand das Paar dort ideal. Ich könnte nicht verstehen, wenn es nur deshalb umgesetzt wurde, weil die Asylbewerber hierher kommen“, sagt Bildhauer Volkmar Kühn aus Wünschendorf, der 2013 in Zwickau selbst erleben musste, wie sein „Ikarus“ vor einer Schule als Provokation verstanden wurde. „Es braucht sicher Hilfeleistungen, den Flüchtlingen unsere Kunst zu erklären“, sagt er, denn im Islam beispielsweise sei figurative Kunst überhaupt nicht gegenwärtig.

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