Leiche am Bleilochstausee – So starben Menschen an der innerdeutschen Grenze

Berlin/Gera  Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin recherchierte die Todesumstände von 327 Grenzopfern.

Kilometerlang Zaun und Stacheldraht – Hunderte Menschen mussten ihr Leben lassen beim Versuch, die innerdeutsche Grenze zu überwinden.

Kilometerlang Zaun und Stacheldraht – Hunderte Menschen mussten ihr Leben lassen beim Versuch, die innerdeutsche Grenze zu überwinden.

Foto: Reinhard Kübrich

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„Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949 - 1989“ ist der Titel eines Buches, das jüngst in der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße in Berlin vorgestellt wurde. Eine Projektgruppe des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Professor Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt haben in akribischer Arbeit die Lebensläufe und die Begleitumstände des Todes von 327 Personen recherchiert.

Knapp fünf Jahre lang haben die Forscher die einzelnen Fälle untersucht. Das sogenannte „Totenbuch II“ umfasst die Biografien von Bürgern aus dem ehemaligen Ost- und Westdeutschland, denen das DDR-Regime zum Verhängnis wurde. Berichtet wird auch über die Schicksale von Polizisten und Soldaten, die sich das Leben nahmen oder im Dienst erschossen wurden.

Ausführlich schildern die Autoren die jeweiligen Lebensumstände, Flucht- und Todesursachen der Grenzopfer. Das jüngste war keine sechs Monate alt – der Junge erstickte bei der Flucht seiner Eltern im Kofferraum eines PKW. Das älteste Opfer war ein 81-Jähriger aus Niedersachsen, der 1967 irrtümlich in ein Minenfeld geriet und verblutete. 80 Prozent der Verstorbenen waren jünger als 35 Jahre.

Das Forscherteam wertete Dokumente in Archiven und der Stasiunterlagenbehörde aus. Außerdem wurden Zeitzeugen zu Zwischenfällen an der innerdeutschen Grenze befragt. Die Publikation knüpft an die im Jahr 2009 herausgegebene Studie „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989“ des Zentrums für Zeitgenössische Forschung Potsdam und der Gedenkstätte Berliner Mauer an. Die Zahl der Mauertoten wird mit 139 angegeben. Nicht endgültig geklärt bleiben vorerst die Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder in ehemalige andere Ostblockstaaten.

Der Forschungsverbund wurde 1992 gegründet und hat sich die wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR-Geschichte zur Aufgabe gemacht. Gefördert wurde das Projekt mit rund 500 000 Euro von Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, sowie der Länder Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen.

Die Vorderseite des Buches zeigt den durchschossenen Sozialversicherungsausweis eines Bürgers, der am 21. April 1973 bei einem Fluchtversuch am DDR-Grenzübergang Marienborn starb.

Leiche am Bleilochstausee – Jürgen Fuchs stirbt bei Fluchtversuch 1977

Schon dreimal hatte Jürgen Fuchs versucht, über die DDR-Grenze in den Westen zu flüchten. Beim ersten Versuch war der 1947 geborene 16 Jahre alt. Den zweiten verriet ein Stasi-Spitzel. Fuchs wurde inhaftiert, und der dritte Versuch bei Hasenthal 1967 endete mit zehn Monaten Gefängnis. Dennoch entschloss er sich erneut zur Flucht. Fuchs hatte bis zum 2. November 1977 in einer Gaststätte in Wesenberg als Kellner gearbeitet und verschwand. Mit einer Postkarte verabschiedete sich von seinem Kollektiv: Er sei nur noch neun Kilometer von der BRD entfernt, wolle in Freiheit und nicht hinter Mauern und Stacheldraht leben. Sein bisheriger Chef übergab der Volkspolizei die Karte. Die landete dann bei der Stasi, die eine Fahndung auslöste. Am Morgen des 4. November 1977 teilte das Grenzregiment 10 dem Kommando der Grenztruppen in Peetz mit, dass ein Grenzverletzer 0.15 Uhr den Zaun zwischen Göritz und Sparnberg überwunden und dabei Alarm ausgelöst habe. Grenzsoldaten hörten die Hilferufe aus der Saale, die an jenem Tag Hochwasser führte. Am Nachmittag meldeten die Grenztruppen, offenbar sei niemand im Westen angekommen – es bestehe die Möglichkeit, dass der Grenzverletzer ertrunken sei. Am 5. Juli 1978 fand man am Ufer der Bleiloch-Talsperre eine stark skelettierte Leiche. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass es sich um Jürgen Fuchs handelte.

Gezielter Schuss – Drei Männer aus Neustadt wollen 1964 fliehen

Kurt W. (26), Jürgen R. (20) und Siegfried S. (23) aus Neustadt an der Orla heirateten jung, hatten familiäre Probleme und träumten von einem Neuanfang in der Bundesrepublik. In der Nacht zum 18. Juli 1964 stahlen sie ein Krad mit Beiwagen, ließen es dann in der Lückenmühle stehen, übernachteten in einer Scheune und liefen nach Lobenstein. Am Abend des 20. Juli erreichten sie das unmittelbare Grenzgebiet. Doch zwei Schüler aus Kießling hatten die jungen Männer gesehen und einen Offizier der Grenzkompanie Schlegel über die Ortsfremden informiert. Diese löste Grenzalarm aus. Mehrere Postenpaare riegelten den Bereich zwischen Schlegel und Blankenstein ab.

Zwei Grenzsoldaten entdeckten die Flüchtlinge gegen 19 Uhr. Sie gaben Warnschüsse ab. Jürgen R. und Siegfried S. blieben stehen, Kurt W. rannte in Richtung Grenze. Auf ihn wurde gezielt geschossen. Ein Projektil zerriss ihm die Beinschlagader. Er brach schreiend zusammen und blutete stark. Nach einer halben Stunde traf ein Sanitätsfahrzeug der Kompanie Schlegel ein und brachte ihn nach Ebersdorf ins Krankenhaus. Auf der Fahrt dorthin verblutete Kurt W. Sein erster Versuch 1963, in den Westen zu gelangen, hatte mit einer Haftstrafe geendet. Zu einer Bewährungsstrafe von jeweils zwei Jahren wegen Totschlags wurden im Oktober 1999 vom Landgericht Gera die beiden Grenzsoldaten verurteilt.

Schlagbaum durchbrochen – Familie scheitert 1988 mit Ausreiseantrag

Roland F. starb am 15. Mai 1988 am Steuer eines gestohlenen Lieferwagens an einer Sperre des Grenzübergangs Hirschberg. Seine Frau und zwei Kinder saßen auf der Ladefläche. Sie überlebten den Fluchtversuch. Wenige Tage zuvor war ein Ausreiseantrag der Familie aus Gera abgelehnt worden. Der am 29. Dezember 1956 in Ronneburg geborene Roland lebte einige Zeit im Jugendwerkhof Wolfersdorf. In Gera geriet er dann auf die schiefe Bahn. Wegen Autoeinbrüchen, Metall- und Autodiebstahls verurteilte ihn das Kreisgericht Gera 1982 zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis. Seine Ehe zerbrach. Nach vorzeitiger Haftentlassung lernte er eine Mutter von zwei Kindern kennen. Sie heirateten und bekamen einen Sohn. In der Nacht zum 15. Mai 1988 fuhr er mit seinem zweijährigen Sohn und dessen fünfjährigen Bruder über die Autobahn in Richtung Hirschberg. Er durchbrach den Schlagbaum der Vorkontrolle und raste auf den Grenzübergang zu. Gegen einen stählernen Sperrschlagbaum prallte das Fahrzeug ungebremst. Roland F. war sofort tot, seine Frau und die beiden Kinder wurden schwer verletzt ins Krankenhaus Schleiz gebracht. Frau F. wurde im Januar 1989 zu zwei Jahren und acht Monaten Haft sowie 30 000 Mark Schadensersatz verurteilt. Sie trat die Strafe am 18. April 1989 an und konnte nach der Wende am 22. Dezember 1989 das Frauengefängnis Stollberg verlassen.

Von Minen getötet – Peter K. verfasst vor der Flucht 1983 Testament

Der 1957 in Meerane geborene Peter K. schloss die Schule mit der 10. Klasse ab, absolvierte eine Lehre und verpflichtete sich für zehn Jahre bei der Volksmarine. Er wollte bei den Armeetauchern dienen, doch eine Meniskusoperation verhinderte diese Laufbahn. Er verließ 1977 die NVA und wollte Polizist werden. Das wurde aus kaderpolitischen Erwägungen abgelehnt, auch sein Versuch, bei der Handelsmarine zu arbeiten, scheiterte. Zwei Jahre gehörte er der SED an. Seinen Austritt begründete Peter K. schriftlich mit seiner ablehnenden Haltung zur Politik von Partei und DDR-Regierung. Er heiratete 1978, wurde Vater eines Sohnes. Nach der Scheidung 1982 fand er eine neue Partnerin und begann, sich eine Wohnung einzurichten. Gleichzeitig reiften seine Fluchtpläne. Am 5. Januar 1983 verfasste er sein Testament. Beim Besuch seiner Eltern am nächsten Tag fiel dem Vater auf, dass Peter nicht so fröhlich wie sonst war. Am 7. Januar 1983 fuhr er nach Lobenstein, stellte sein Auto ab und lief Richtung Schlegel. Um 0.20 Uhr hörten zwei Grenzer Detonationen. K. hatte beim Versuch, den Grenzzaun zu überklettern, fünf Selbstschussanlagen ausgelöst und Splitterverletzungen erlitten. Der 26-Jährige starb 20.30 Uhr in der Klinik Ebersdorf. Am 22. Juni 1984 erließ Minister Heinz Hoffmann den Befehl, bis 20. Dezember 1984 alle Splitterminen von den Streckmetallzäunen abzubauen.

DDR-Grenztruppen

- Am 1. Dezember 1946 wurde die Deutsche Grenzpolizei in der sowjetischen Besatzungszone gebildet. In der Grenzpolizei waren bis 1958 sowjetische Berater tätig. Der Ministerrat der DDR erließ am 26. Mai 1952 eine Polizeiverordnung. Ein Sperrgebiet wurde eingerichtet.

- Auf Befehl des Nationalen Verteidigungsrates der DDR vom 12. September 1961 wurde die Deutsche Grenzpolizei der Nationalen Volksarmee (NVA) als Kommando Grenze unterstellt. Die Länge der Grenze zur BRD und zu Westberlin betrug zirka 1600 Kilometer. Die Minensperren hatten eine Länge von fast 700 Kilometern. Verlegt wurden über eine Million Personenminen sowjetischer Bauart.

- Im Frühjahr 1971 wurden die Grenztruppen aus der NVA wieder ausgegliedert und fortan als Grenztruppen der DDR bezeichnet.

- Von 1961 an bis zum Sommer 1989 misslangen etwa 75 000 Fluchtversuche. 1989 hatten die Grenztruppen eine Personalstärke von 44 000 Mann.

Das Buch mit 684 Seiten ist bei der Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, erschienen und kostet 49,95 Euro. ISBN: 978-3-631-72594-8

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