Ließ der Verfassungsschutz 1995 die Jenaer Polizei auflaufen?

Frank Döbert
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Festnahmen auf dem Jenaer Holzmarkt am 16. September 1995, 0.30 Uhr. Foto: Frank Döbert

Festnahmen auf dem Jenaer Holzmarkt am 16. September 1995, 0.30 Uhr. Foto: Frank Döbert

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"Es hätte eine Riesenpanik gegeben. Ich will mir gar nicht vorstellen, was noch passiert wäre", sagt Jürgen Hellwig. Er erlebte am Freitag, dem 15. September 1995, als Mitarbeiter des Jenaer Planetariums einen Angriff von etwa 50 Neonazis mit, den er bis heute nicht vergessen hat.

Jena. "Es hätte eine Riesenpanik gegeben. Ich will mir gar nicht vorstellen, was noch passiert wäre", sagt Jürgen Hellwig. Er erlebte am Freitag, dem 15. September 1995, als Mitarbeiter des Jenaer Planetariums einen Angriff von etwa 50 Neonazis mit, den er bis heute nicht vergessen hat.

An diesem Abend veranstaltete das Sozio-Kulturelle Jugendzentrum Kassablanca in Jena ein Konzert mit der bekannten Band "Goethes Erben". Aus mehreren Bundesländern waren Jugendliche aus der "Gothic"-Szene angereist, um die Band zu sehen. "Das Planetarium war an diesem Abend mit etwa 600 Leuten völlig überfüllt, sie standen und saßen, wo immer sie Platz fanden", erzählt Hellwig.

Und dann geschah das Unfassbare: Die Rechtsradikalen stürmten das Gelände des Planetariums, versuchten in das Gebäude zu gelangen. Doch die Ordner des Kassablanca, das Anfang der 90er Jahre mehrfach von Neonazis angegriffen wurde, und des Planetariums reagierten blitzschnell, schlossen die Türen des Einganges und die zum eigentlichen Vorführ- und Konzertraum. Letztere waren nur von innen zu öffnen. In ihrer Zerstörungswut versuchten die Angreifer, den gläsernen Planetariumsumgang zu zerstören. Dies gelang nur teilweise, denn der bestand damals schon aus Panzerglas. Dass dennoch Scheiben zu Bruch gingen - später wurde ein Schaden von 10 000 Mark ermittelt - zeigt, mit welcher Gewalt vorgegangen wurde. Im Stadtgebiet waren an dem Abend außerdem Flugblätter der "Volksfront Thüringen - Volkstreue Kameraden" verteilt worden.

Ehe Schlimmeres passieren konnte, erschien die Polizei aus der nahen Polizeidirektion, riegelte die Straße Am Planetarium von zwei Seiten ab. "Wir waren in Minutenschnelle da und haben die Täter fast alle erwischen können", erklärte wenige Tage später der damalige Polizeidirektor Frank Schnaubert, und dass es 31 Festnahmen gegeben habe. Die Personen stammten aus Jena, Saalfeld, Rudolstadt, Gera, Weimar und Ilmenau.

Allerdings habe der Anruf eines außer Dienst befindlichen Polizeibeamten in der Direktion, der den Anmarsch der bis zu 50 Skinheads bemerkt habe, den Überraschungseffekt des Polizeieinsatzes verstärkt. Damit hatten die Neonazis wohl nicht gerechnet, denn die Beamten der PD Jena befanden sich an dem Abend zum Großeinsatz in Weimar. Dort erwartete man am Rande eines Punkertreffens zu Konzerten verschiedener Bands Randale und hatte bis zu 500 Beamte zusammen gezogen. Der Polizeidirektor bestätigte jedoch, dass es in Weimar völlig ruhig geblieben war.

Nach der Festnahme der Neonazis fuhr die Jenaer Polizei im Stadtgebiet präventiv Streife. Nach Mitternacht stellten die Beamten am Holzmarkt eine Gruppe von Neonazis fest, die offenbar den Tätern am Planetarium zugerechnet wurde. Auch diese Personen wurden festgenommen. Wie sich dabei heraus stellte, befand sich unter ihnen Tino Brandt, stellvertretender Vorsitzender der Thüringer NPD. Er tauchte ab 1995 mit zunehmender Intensität in den jährlichen Thüringer Verfassungsschutzberichten auf. Was dort freilich nicht zu lesen war: Der damals 20-Jährige stand seit 1994 auf der Gehaltsliste der Thüringer Schlapphüte und erhielt als V-Mann mit dem Decknamen "Otto" für seine Zuträgerdienste nicht gerade bescheidene Summen. Im selben Jahr 1994 war er einer der Initiatoren des "Anti-Antifa"-Netzwerkes, aus dem 1996 der "Thüringer Heimatschutz" hervorging. Die Truppe machte sich mit zunehmender Militanz in ganz Thüringen bemerkbar, eines der Zentren ihrer Aktivitäten war Jena.

In der Nacht der Festnahme von Tino Brandt entdeckte die Polizei wenige Straße weiter im Stadtzentrum Opel Kadett mit dem Rudolstädter Kennzeichen RU-JN 76 - vermutlich sein Auto. Es wurde sichergestellt. Die wegen "Sachbeschädigung am Planetarium" vorübergehend in Gewahrsam genommenen Personen wurden zumeist wieder auf freien Fuß gesetzt. Nur sechs von ihnen blieben auf richterlichen Beschluss etwas länger in Unterbindungsgewahrsam. Die Ermittlungen liefen wegen Landfriedensbruchs. Ob es tatsächlich zu einem Prozess kam, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Auch im Planetarium hat man davon keine Kenntnis.

Polizeidirektor Frank Schnaubert erklärte damals wenige Tage nach dem Überfall: "Wir gehen davon aus, dass die Aktion über Funktelefon gesteuert war und ermitteln gezielt in dieser Richtung." Über die Ergebnisse dieser Ermittlungen ist in der Öffentlichkeit nichts bekannt geworden.

Aus heutiger Sicht stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle V-Mann "Otto" damals spielte, vor allem aber: Was wusste der Verfassungsschutz von "Ottos" Jenaer Auftritt? Hat der Dienst tatsächlich die Jenaer Polizeibehörde, wenn er denn von der geplanten Aktion wusste, nicht informiert? Hätte man Panik und Verletzte tatsächlich in Kauf genommen? "Unvorstellbar, dass der Verfassungsschutz mit rechtsextremen Gewalttätern zusammen arbeitet", erklärte jetzt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Galt dies auch 1995 in Thüringen?

Jürgen Hellwig noch einmal zu dem denkwürdigen Konzert unter der Planetariumskuppel: "Es war eines der besten von ’Goethes Erben’, unterstützt von unserer Lichtshow".