Lutz Rathenow am Montag: Wieso immer Jena?

OTZ-Kolumnist Lutz Rathenow meint, das Nazi-Trio könnte von überall her stammen.

Lutz Rathenow. Foto: Matthias Rietschel/dapd

Lutz Rathenow. Foto: Matthias Rietschel/dapd

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Liebe Leser,

also heute ein Thema, das fast unvermeidlich ist, wenn einer aus Jena stammt und sich für Politik interessiert. Vielleicht gibt es Städte, die Aktivisten verschiedenster Richtungen begünstigen. Orte wie Tübingen oder Freiburg oder eben Jena: Nicht zu klein, nicht zu groß, eine Landschaft, die Gestaltungswünsche herausfordert oder wenigstens begünstigt. Eine geistig anregend wirkende Geschichte, die von der hochinnovativen Industrie, über Emanzipations- und Vergewisserungsbewegungen, die Reformpädagogik und kleinteilige politische Energiezentren ihre Echos formt und in die Gegenwart ausstrahlt. Ausscheren nach ganz rechts oder ganz links ist nicht identisch, führt aber zu ähnlichen Aktivitätsmustern.

Die intellektuelle Umgebung akzeptiert das eine, das andere (aus verständlichen Gründen) nicht. Die Ganz-Rechten mögen ja im Grunde einen starken Staat und starke Polizisten. Das spüren jene und meinen, das sind halt Leute, die uns schon nicht gefährlich werden. Während die militante Linke polizeifeindlich auftritt, korrumpiert vielleicht der Respekt der realen Rechtsradikalen die Beamten auch vom Verfassungsschutz. Das Jenaer Trio wandelte sich zur Zwickauer Zelle. In Jena ziehen sich die Anfang der Neunziger überall vorhandenen Jung-Nazis Ende der Neunziger an die Ränder der Stadt zurück. In den größeren Städten Sachsens und Thüringens haben die Nicht-Rechtsradikalen klar gesiegt, auch wenn sie mit alljährlichen Provokationsversuchen Dresden und Jena nicht aufgeben möchten.

Ein Fernsehteam aus München schickte jetzt einen Autoren mit Migrationshintergrund nach und durch Jena, um zu erfahren wie gefährlich es dort sei. Das war auf die betriebene Weise vor allem borniert. In keiner Stadt Thüringens geht es so nazifeindlich zu wie im innerstädtischen Bereich Jenas.

Vor über zehn Jahren flüchtete das Trio gewissermaßen aus der ihnen zu gegnerisch gewordenen Umgebung, den Rat ihrer Feinde beherzigend, die "Nazis raus!" forderten und fordern.

Über das wohin dann mit ihnen, darf einmal nachgedacht werden, ganz konkret und praktisch, wenn nicht Internierungslager für potenziell gewalttätige Nazis gemeint sind.

Draußen blieben die Drei bis zum Schluss, ob ein NPD-Verbot gegen solche von aktivistischer Selbstbestätigungs-Hinrichtungslust getriebene Verbrechens-Ketten hilft, ist fraglich. Das NPD-Verbot ist nur eine Hilflosigkeit, aber mitunter sind (wie in der Finanzpolitik) inkonsequente Hilflosigkeiten richtig, weil es die konsequent richtige Hilfe nicht gibt: Große Probleme können wenigstens minimiert werden, es würde den Staat entpflichten, der Partei Wahlkampfgelder zu zahlen.

Wie kommen noch DDR-geprägte Menschen zu diesem in der politischen Zielsetzung fast irren Verbrechen? Was sie übrigens auch schwer als gezielt politische erkennen ließ, wenn die Bekennerbriefe fehlten. Rache für die Anpassung ihrer Eltern in der DDR oder ihr Scheitern nach der DDR? Eine Botschaft ist klar: Wir sind nicht so wie ihr und werden es nie sein. Natürlich die immense und bis heute in ihren Auswirkungen nicht begriffene Werte-Desorientierung gerade in den Neunzigern – wir reden, wenn wir über diese kriminelle Bande und ihren nicht nur kriminellen Hintergrund reden, vor allem über die Situation um 1990 und dann jene um die Jahrtausendwende – die Zeit ihres Einstiegs in die Illegalität. Legal sahen sie auch in der NPD-Arbeit (immerhin in Sachsen im Landtag) keine Perspektive. Die Drei und ihre Morde könnten von überall in Deutschland stammen. Der Fall verfügt aber doch über einige spezielle Ost-Komponenten, man ist eben nicht in die als feindlich erlebte westliche Gesellschaft hineingeboren. Soll ich an das Refugium des weißen Mannes ohne Asylrecht und mit prozentual sehr wenig fremd wirkenden Menschen erinnern: die DDR? Nein, das sollte Sozialarbeiter nicht davon abhalten, tabulos darüber nachzudenken, welche Ausstiegsszenarien man rechtsradikal gefährdeten Jugendlichen anbieten kann. Und nicht nur Sozialarbeiter. Und es darf Verfassungsschutz und Polizei nicht abhalten, über ihre eigenen Befangenheiten und Ermittlungspannen nachzudenken und in der Auswertung heute auch nachzuhandeln.

Liebe Leser, das ist keine ausreichende Pointe am Schluss, ich weiß.

Ihr Lutz Rathenow

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren