Mit dem Fernbus von Gera nach Berlin: Ein Praxistest

Gera  Wie praktikabel ist eine Tagestour mit dem Anbieter „MeinFernbus FlixBus“ in die Bundeshauptstadt? Lohnt sich der Trip mit nur drei Stunden Aufenthalt? Schafft man es, shoppen zu gehen?

Busfahrer Kevin Kosubenko (rechts) checkt am Startpunkt in Gera am Hauptbahnhof gemeinsam mit Frank Ziebart (3.v.l.) die Tickets von Passagieren. Foto: Steffen Beikirch

Busfahrer Kevin Kosubenko (rechts) checkt am Startpunkt in Gera am Hauptbahnhof gemeinsam mit Frank Ziebart (3.v.l.) die Tickets von Passagieren. Foto: Steffen Beikirch

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Da kommt er. Kurz vor 9 Uhr biegt der große grüne Fernbus am Busbahnhof in Gera ein. Die Haltestelle ist schlecht beschildert, aber wenn man weiß, wo man suchen muss, findet man sie. Dort hinten, wo die Linienbusse parken.

Bislang steht nur einer an der Haltestelle: Kevin Bachmann aus Falkenstein im Vogtland. Der 26-Jährige will zu seiner Freundin nach Kiel, hat eine Tagesreise vor sich. Über Berlin und Hamburg wird die Fahrt gehen, 13 Stunden, davon zweieinhalb Stunden Aufenthalt in der Hauptstadt. Die Nacht hat er bei seinen Großeltern in Ostthüringen verbracht, kam am Morgen von Berga nach Gera.

Der Busfahrer heißt auch Kevin, Kevin Kosubenko. Er steigt mit einem Lächeln aus seinem Arbeitsgerät der Marke Setra. Und kündigt an, es gehe heute 15 Minuten später los. Der Bus stand über Nacht in der Werkstatt, wo ihn der andere Fahrer, Frank Ziebart aus Gera, am Vorabend abgegeben hat.

Kevin, der in Leipzig wohnt, arbeitete zuerst als Koch bei der Bundeswehr, wurde schließlich Busfahrer im städtischen Linienbetrieb. Jetzt endlich hat er seine Berufung gefunden. Es ist angenehm auf der Langstrecke, die Fahrgäste sind entspannter, er selbst sei wesentlich ausgeglichener als früher, erzählt der 27-Jährige freimütig. Am Morgen kam er mit seinem Dienstwagen nach Gera und nahm den Bus hier in Empfang. Er fährt über Zeitz, Weißenfels, Merseburg und Halle bis Berlin.

Fahrer, Schaffner, Service-Kraft

Auf der Linie 052 ist Gera der Startpunkt. Als der Fernbus da ist, kommen plötzlich weitere Fahrgäste gelaufen. Zum Beispiel Madeleine Krahl (34), die noch kein Ticket hat und nach Merseburg will. Für den Fahrschein muss sie 9,50 Euro zahlen, hätte sie ihn vorab im Internet gebucht – oder im Pressehaus der Ostthüringer Zeitung – wären nur 5 Euro fällig gewesen.

Leise und gut gefedert schiebt sich der Setra jetzt durch die Geraer Innenstadt. Es geht nicht Richtung Autobahn, sondern über die Bundesstraße 2 nach Zeitz. Kevin schwärmt von den Überlandfahrten, er ist erst seit dem Frühjahr auf dieser Linie.

Man wünscht sich als Fahrgast eine Begrüßungsdurchsage, die auch über das Angebot an Bord informiert. Kaum haben wir die Ortsgrenzen von Gera hinter uns, greift Kevin zum Mikrofon. Er ist alles: Fahrer, Schaffner, Service-Kraft. Kevin erklärt das kostenlose Internet und das Multimedia-Center mit Gratis-Kinofilmen, TV-Serien und Musik. Er sagt, wo der Mülleimer steht, bittet um Sauberkeit auf der Toilette, verweist auf die Steckdosen über den Köpfen und auf die Anschnallpflicht. Er wirbt für Getränke und Snacks und bietet sich bei Fragen als Gesprächspartner an.

Zum Start in Gera sind nur sechs Leute eingestiegen, weitere sechs folgen in Zeitz. Darunter Lieselotte Schlesiger (73). Sie will mit ihrer Tochter und dem Enkelkind nach Berlin, sich die Hauptstadt anschauen. Am Freitag geht es zurück. Mit dem Fernbus, sagt sie, das sei doch eigentlich ganz bequem. Und preiswert noch dazu.

Die zwei angekündigten Fahrgäste in Weißenfels haben es sich offenbar anders überlegt. Keiner steht da, Kevin fährt weiter. In Merseburg sind 12 Zustiege gebucht. Doch es gibt ein Problem: Eine Familie hat zwei Kleinkinder dabei, aber keinen Kindersitz. Erst ab 4 Jahren dürften sie ohne die Sitzerhöhung mit. Die Familie spricht kein Deutsch, Kevin zum Glück Russisch, sein Vater kam als Soldat nach Leipzig, er wuchs deshalb zweisprachig auf. Kevin ruft die Zentrale an – und muss die Familie schließlich abweisen. Er macht auch manchen Reisebüros einen Vorwurf, sie würden offenbar nicht immer das Alter der Passagiere abfragen. Sonst hätten sie die Fahrgäste auf diese Vorschrift hinweisen müssen. Als er in Merseburg startet, ärgert er sich: „25 Minuten Verspätung hatte ich noch nie.“

In Halle füllt sich der Bus merklich, 23 Passagiere steigen ein, vor allem junge Leute. 11.33 Uhr passieren wir die Ortsausfahrt, Kevin wiederholt seine Durchsage für alle Neuen. Gibt die Verspätung bekannt und verspricht: „Da sollte noch etwas gehen.“ Vorausgesetzt, die Autobahn ist frei.

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Um 11.46 Uhr fahren wir kurz vor dem Rasthof Köckern auf die Autobahn 9. Das Navi zeigt noch 141 Kilometer, eine Fahrzeit von einer Stunde und 34 Minuten an. Geschätzte Ankunft: 13:20 Uhr, das wäre genau eine halbe Stunde zu spät. Auf einem Nebenplatz gönnt sich Ingeburg Mahler eine Milchschnitte. Die 77-Jährige sitzt direkt hinter dem Fahrer und beschäftigt sich mit dem Plan des Berliner S- und U-Bahnnetzes. Sie kommt aus Spergau bei Leuna, reist allein, das dritte Mal schon, weil es so günstig ist. In Berlin wird sie Verwandte besuchen, am Wochenende geht‘s zurück.

Die Tachonadel zeigt konstant auf 100, wir ziehen an Lkws vorbei. Draußen herrscht schönstes Sommerwetter, die Temperatur im Bus könnte einen Tick niedriger sein. Da kommt aus dem hinteren Teil eine Frau nach vorn, bittet dringend um frische Luft. Kevin ärgert sich: Weil die Klimaanlage kaputt war, stand der Bus ja über Nacht in der Werkstatt in Gera. Jetzt leistet sie schon wieder nur 50 Prozent.

12.48 Uhr erreichen wir den Berliner Ring. Zur planmäßigen Ankunftszeit in Berlin – 12.50 Uhr – sind wir erst an der Abfahrt Michendorf. Das Navi zeigt noch 33 Kilometer. Tatsächlich sind wir dann mit 22 Minuten Verspätung auf dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Funkturm – sprich: der Messe und dem ICC. Ein paar Fahrgäste applaudieren Kevin, als er sich verabschiedet.

Lieselotte Schlesiger und ihre Begleiterinnen brauchen am ZOB erstmal Orientierung, müssen schauen, wie sie ins Zentrum kommen. Auskunftsmöglichkeiten gibt es genug. Schnell ist klar: Wer zum Kurfürstendamm will, muss rund 300 Meter bis zur U-Bahn-Station Kaiserdamm laufen und dann die U12 in Richtung Warschauer Straße nehmen. Die U-Bahn ist rasch da, nach fünf Stationen steigt man am Zoologischen Garten aus, steht nach ein paar Metern auf dem Ku‘damm, hat die Gedächtniskirche vor sich und jede Menge Einkaufsmöglichkeiten.

Reicht die Zeit zum Shoppen am Ku‘damm?

Aber reicht die Zeit? Für alle, die noch am selben Tag zurück wollen, wird es eng. Wegen der Verspätung ist es mittlerweile 13.45 Uhr geworden, um 16 Uhr startet der Bus nach Gera am ZOB. Man kann bis dahin in Ruhe zu Mittag essen – zum Beispiel beim Italiener an der Ecke Rankestraße, dann in der Tauentzienstraße bummeln gehen. Gegen 15.25 Uhr sollte man sich auf den Rückweg machen, rund 20 Minuten sind es bis zum ZOB, MeinFernbus FlixBus empfiehlt, eine Viertelstunde vor Abfahrt da zu sein.

Vorsicht, Falle! Die U-Bahn-Eingänge Kurfürstendamm und Zoologischer Garten liegen direkt nebeneinander, gehören aber zu verschiedenen Linien. Zoologischer Garten ist in diesem Fall korrekt, es geht wieder zur U12, jetzt in Richtung Ruh­leben bis zur Haltestelle Kaiserdamm. Dort nimmt man den Ausgang in Richtung Messegelände, Messedamm. Dann ist man gegen 15.45 Uhr wieder am ZOB. Dort muss man ein bisschen suchen, es stehen unheimlich viele grüne Fernbusse herum – nach Mainz, Leipzig, Dresden, Euskirchen und Kiel. Der Bus nach Gera wartet an diesem Tag am Bussteig 10.

Fahrer Manfred Lorenz (65) schreitet bereits davor auf und ab. Er braucht nur den Namen, dann kann man hinein. Obwohl 15.50 Uhr noch als pünktliches Erscheinen gelten kann, ist der Bus schon so gut wie voll, die Luft steht.

Die ersten Fahrgäste nölen herum: Keine Steckdosen hier, und was für eine Wärme! Aber kaum rollt der Wagen, strömt kühle Luft aus den Düsen. Die Klimaanlage scheint diesmal zu funktionieren, und es geht auch auf die Minute los. Rein in die Rush-Hour von Berlin.

16.11 Uhr, die gute alte Avus ist erreicht, es rollt. Leider nur eine halbe Stunde lang, dann reihen wir uns bei Beelitz in den Stau ein, den wir schon auf der Hinfahrt gesehen haben. Geschlagene 30 Minuten heißt es Schritttempo und einfädeln. 17.12 Uhr nehmen wir wieder Fahrt auf. Die Klimaanlage kühlt schonungslos, eine Frau zieht sich die Jacke über. Wer jetzt müde wird, den klappert und knarzt das Interieur des etwas betagten Busses in einen Dämmerzustand.

Am hinteren Ausstieg liegt ein Merkblatt, das die Nutzung des W-Lan erklärt und Bordverpflegung offeriert, die hier aber niemand nutzt. Snacks und Getränke zum Herausnehmen, die Kasse des Vertrauens befinde sich vorn beim Fahrer, steht da. Die meisten haben ihre eigenen Speisen und Getränke dabei.

Wir rollen die A9 in Richtung Süden, ehe es gegen 18.10 Uhr bei Halle auf der B100 in die Abendsonne geht. Eine ältere Dame versucht, über ihr Smartphone fernzusehen. Hat aber keine Kopfhörer mit. Die Mitreisenden sind wenig begeistert, ermahnen sie irgendwann.

18.25 Uhr stoppen wir in Halle. Die Reihen lichten sich, Busfahrer Manfred drängelt. Zeit für eine Raucherpause gebe es leider nicht, sagt er, da die Verspätung schon 30 Minuten beträgt. Und er meint, man möge beten, dass nicht noch andere Hindernisse dazu kommen. Denn dann könne es sein, dass er vor Gera noch eine 45-minütige Pflichtpause einlegen muss. „Weil ich nur viereinhalb Stunden am Stück fahren darf.“

18.52 Uhr erreichen wir Merseburg, 19.20 Uhr Weißenfels. Dann wird es 19.50 Uhr, eigentlich wäre jetzt planmäßig Ankunft in Gera, wir halten aber erst in Zeitz. Danach bleiben noch acht Leute bis zur Endhaltestelle sitzen.

Fahrer Manfred Lorenz hat den Feierabend vor Augen. Er fährt seit 1978 Bus, wird an diesem Tag in Gera übernachten und dann früh wieder starten. Kurz vorm Ziel scherzt er ein wenig: „Wenn jetzt nicht noch ein paar Schwertransporte kommen“, sagt er übers Mikro, „dann sind wir 20.15 Uhr da“. Genauso traf es ein.

In Gera ging unter anderem für zwei Freundinnen aus Ronneburg ein gemeinsamer Urlaub zu Ende. Sie waren um 11.40 Uhr in Rostock in den Fernbus gestiegen und sind nun – nach knapp achteinhalb Stunden – bald zu Hause. Mit dem Fernbus sind sie zum ersten Mal verreist. Und zeigen sich ausgesprochen zufrieden damit.

Das kann man auch sein, wenn man nicht auf die Uhr, aber aufs Geld schauen muss. Als Fernbus-Passagier braucht man ein bisschen Glück mit dem Fahrzeugmodell, seinem Fahrer – und dazu möglichst freie Straßen. Gleichzeitig sollte man die alte Regel befolgen: Rechtzeitiges Erscheinen sichert die besten Plätze.

Tourdaten:

  • Hinreise:
  • Abfahrt in Gera: 9.00 Uhr
  • Ankunft in Berlin ZOB: 12.50 Uhr
  • 300 Meter Fußweg bis zur U-Bahnstation Kaiserdamm
  • U12 in Richtung Warschauer Straße – fünf Stationen bis Zoologischer Garten (8 Minuten Fahrzeit)

Rückreise:

  • U 12 in Richtung Ruhleben – fünf Stationen bis Kaiserdamm (8 Minuten Fahrzeit)
  • 300 Meter Fußweg bis ZOB
  • Bus-Abfahrt in Berlin ZOB: 16.00 Uhr
  • Bus-Ankunft in Gera: 19.50 Uhr

Kosten

  • Busfahrt hin und zurück bei rechtzeitiger Buchung 30 Euro
  • U-Bahn hin und zurück 5,60 Euro

Bordtoilette im Test

Es ist verdammt eng, man braucht Standsicherheit, um in der kleinen Kabine am Hinterausgang des Busses nirgends anzuecken. Es ist sauber und alles da, nur die Inbetriebnahme des Wasserhahnes verlangt durchaus akrobatisches Können.

Will man beide Hände unter fließendes Wasser bekommen, braucht man das linke Knie, um dem Hahn das kühle Nass zu entlocken.

Es empfiehlt sich außerdem, für den Toilettengang eine einigermaßen gerade Autobahnstrecke abzuwarten. Und zu hoffen, dass der Fahrer nicht gerade zum Überholen ausschert.

Internet an Bord im Test

Die Verbindung zum W-Lan ist sofort hergestellt, beim Aufruf einer Internetseite muss man sein Alter und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen bestätigen. Dann meldet sich als erstes das Mediacenter mit dem Film- und Musikangebot. Filme zu starten, geht schnell und unkompliziert. Anders sieht es mit dem „freien Internet“ aus. Gibt man hier eine Adresse ein, dauert es lange, bis die Seite geladen ist. Hat man Pech, kommen weder iPhone noch Android-Smartphones bis zum Anmeldevorgang. Die Rückmeldung vom Server dauert zu lange, melden sie.

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