Mögliches Gefängnis bei Zwickau: Protest nur im Stillen

In Großenstein bei Gera kämpft eine Bürgerinitiative gegen den Bau der gemeinsamen Justizvollzugsanstalt für Thüringen und Sachsen. Die Bürger in Zwickau reagieren gelassener - oder haben es noch gar nicht mitbekommen.

Favorit als Standort des neuen Gefängnisses für Sachsen und Thüringen: das ehemalige Plattenwerk im Zwickauer Ortsteil Pöhlau. Fotos: Tino Zippel

Favorit als Standort des neuen Gefängnisses für Sachsen und Thüringen: das ehemalige Plattenwerk im Zwickauer Ortsteil Pöhlau. Fotos: Tino Zippel

Foto: zgt

Zwickau. Karl Franke wartet auf seinen Linseneintopf mit drei geschnittenen Wienern. "Da fühle ich mich doch gleich viel sicherer", kommentiert der 64 Jahre alte Fuhrunternehmer Pläne, gleich in Sichtweite vom Landgasthof Lippoldsruhe eine Justizvollzugsanstalt zu bauen. Heute befindet sich das alte Zwickauer Plattenwerk auf der Fläche, die mit Großenstein bei Gera um den Knast konkurriert, den Sachsen und Thüringen gemeinsam bauen wollen.

Renate Weber (62) reicht die Suppe über den Tresen. Die Imbissmitarbeiterin befürwortet den Standort für das bis zu 160 Millionen Euro teure Projekt. Angst, dass ein Straftäter fliehen könne, habe sie keine. "Da kommt doch keiner raus", sagt sie und schüttelt unterstützend den Kopf. "Unserem Imbiss würde es helfen", spekuliert sie auf hungrige Bauarbeiter, die vier, fünf Jahre lang sicheren Umsatz bringen.

Jähe Wendungen haben sie hier auf dem Hügel über Zwickau schon mehrfach erlebt. Als einst die Steinkohle ausging, bauten sie als Ersatz das Plattenwerk, in dem viele Bergleute einen neuen Job fanden. Die Teile für viele Wohnblöcke der Region stammen von hier.

Doch heute? Statt einem Werk für monotone Betonplatten haben sich eine Reihe von Unternehmen auf dem Gelände angesiedelt. Einer produziert Container, ein anderer nutzt die monumentalen Hallen als Lager. Von den Plänen, hier einen Gefängnisneubau zu errichten, bekamen sie nur durch Zufall mit, als sie Probebohrungen beobachteten. Die sollten zeigen, ob der bergmännische Untergrund für einen Neubau dieser Größenordnung taugt. Ein wenig verwundert reagieren sie schon auf die Pläne, haben sie doch langfristige Mietverträge in der Tasche. Die Flächen selbst befinden sich in Privatbesitz. Volkswirtschaftlich sinnvoller wäre es gewesen, die Fläche des alten Reichsbahnausbesserungswerkes zu nutzen, sagt ein Unternehmer hinter vorgehaltener Hand.

Die Stadt Zwickau hatte auch das Gelände ins Auswahlverfahren eingebracht, jedoch erhielt der andere Standort mehr Punkte bei der Bewertung. Zehn Minuten dauert die Autofahrt vom Stadtzentrum auf den Hügel. Bis zum Geraer Landgericht ist mit 40 Minuten Fahrzeit zu rechnen.

Keine zwei Minuten vom möglichen Standort entfernt liegt die Tankstelle von Michael Ernst, die er schon seit DDR-Zeiten betreibt. Der 51-Jährige hörte nur aus dem Buschfunk von den Plänen. "Von mir aus können sie das Gefängnis gern in Thüringen bauen", sagt er. Positive Effekte auf sein Geschäft erwarte er nicht, rechnet dagegen mit einer steigenden Kriminalität durch die Freigänger. Bis zu 80 Plätze im offenen Vollzug sollen bereitstehen. "Ob ich sie als Kunden möchte, weiß ich nicht so recht. Am Ende nehmen sie mehr mit, als sie bezahlen", sagt der Tankstellen-Eigentümer. Unter seinen Kunden sei ein möglicher Knastneubau in der Nachbarschaft noch kein Thema. "Meist ist es schon zu spät, wenn sich die Bürgerinitiativen gründen."

Von organisierten Proteststürmen hat Mathias Merz nichts mitbekommen, eher gebe es vereinzelte kritische Stimmen, sagt der Pressesprecher der Stadt Zwickau. Die Kommune habe sich wegen der neuen Arbeitsplätze beworben und weil eine "JVA eine Stärkung und Aufwertung des Oberzentrums Zwickau bedeuten würde". Mit der Eröffnung wird die bestehende Haftanstalt im Stadtzentrum geschlossen, die Großinvestition wertet einen Altstandort auf, sagt Merz.

Einen weiteren Grund nennt er nicht: Die 940 Häftlinge zählen als Einwohner der Stadt, die so zusätzliche Schlüsselzuweisungen vom Land kassieren könnte. Aktuell bekommt Zwickau jährlich pro Kopf 420 Euro, es geht um fast 400.000 Euro im Jahr.

Karl Franke putzt seinen Teller ab. Vielleicht, so denkt er beim Löffeln nach, könne ja eine Familientradition wieder aufleben. Bis 1967 habe sein Vater das damalige Gefängnis auf Schloss Osterstein beliefert - mit Kohlen. Die, so scheint es sicher, wird die neue Haftanstalt weder in Thüringen noch in Sachsen benötigen.

Zwei Länder, ein Knast

  • Thüringen und Sachsen wollen gemeinsam eine Justizvollzugsanstalt mit 940 Plätzen bauen und betreiben. Sie dient auch als Ersatz für die Gefängnisse in Gera und Hohenleuben (Landkreis Greiz).
  • Aus den Bewerbern sind nach einer grundlegenden Analyse zwei geeignete Standorte übrig geblieben: Zwickau-Pöhlau und Großenstein nahe Gera.
  • Zwickau führt die Analyse mit einem halben Punkt Vorsprung an. Ein Spitzentreffen zwischen den Ministern beider Freistaaten soll noch im August klären, welche Kommune den Zuschlag erhält.
  • Die Eröffnung der Haftanstalt ist 2017 geplant.