„Nichts zu verbergen“: Jenaer Gerichtsmediziner hat zur Todesurache von Matthias Domaschk keine Zweifel

Jena  Seit dem Tod von Matthias Domaschk beim MfS im April 1981 gibt es viele Vermutungen über die Todesumstände. Der Gerichtsmediziner Sascha Rommeiß beschreibt die Befunde aus der Sektion vom 13. April 1981 in der Jenaer Gerichtsmedizin.

Gerichtsmediziner Sascha Rommeiß: Er untersuchte 1981 zusammen mit Oberarzt ­Manfred Disse den Leichnam von Matthias Domaschk. Foto: Frank Döbert

Gerichtsmediziner Sascha Rommeiß: Er untersuchte 1981 zusammen mit Oberarzt ­Manfred Disse den Leichnam von Matthias Domaschk. Foto: Frank Döbert

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„Ihr habt Matthias ­Domaschk ermordet“. Nach der Erstürmung der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße im Januar 1990 stand diese Anklage, von einem Unbekannten in großen Buchstaben an eine Wand geschrieben, für lange Zeit sichtbar im Raum. Daran hat sich, 26 Jahre später auch nach zwei Prozessen gegen ehemalige Mitarbeiter des MfS nichts geändert. Nach wie vor ist nicht zweifelsfrei geklärt, wie der 23-jährige Jenaer am 12. April 1981 in der U-Haftanstalt des MfS in Gera zu Tode kam. Mit dem Abstand von 35 Jahren dürfte es auch der Arbeitsgruppe, die seit 2015 im Auftrag der Landes­regierung erneut den Fall untersucht und im Sommer 2017 einen Abschlussbericht vorlegen will, nicht leichter fallen, das Geschehen unmittelbar vor dem Tod von Matthias Domaschk exakt zu rekonstruieren. Neue Befunde ließen sich wohl nur extrahieren, wenn ehemalige Mitarbeiter des MfS ihr Schweigen brechen. Die Last von sich zu nehmen, mitschuldig gewesen zu sein an diesem Tod, ermunterte Superintendent Sebastian Neuß am Sonnabend auf der Gedenkveranstaltung für Matthias Domaschk auf dem Nordfriedhof.

Am Tod beim MfS nicht zu rütteln

Ungeachtet dessen, was vielleicht noch die Anklage erhärten könnte, steht doch eines seit 35 Jahren fest: dass der Jenaer Oppositionelle in „Obhut“ des Geheimdienstes den Tod erlitt. Daran ist nicht zu rütteln.

Nun hat sich der damals an der Obduktion beteiligte Jenaer Rechtsmediziner Sascha Rommeiß zum „Fall Domaschk“ öffentlich geäußert. Veranlassung gab ihm die aus seiner Sicht nicht akzeptable Darstellung einer Jenaer Historikerin, die, im Oktober 2015 von ihm in Kenntnis der Obduktionsergebnisse gesetzt, dennoch von „naheliegender Fremdeinwirkung“ ausgeht und unter anderem den Obduzenten vorwirft, bis heute nicht den Mut aufgebracht zu haben, Verantwortung zu übernehmen. Ebenso hatten er und der damalige erste Obduzent Oberarzt Manfred Disse bereits im Juni 2015 die Umstände des Todes von Matthias Domaschk ausführlich mit der Arbeits­gruppe der Landesregierung erörtert.Darüber hinaus seien beide zu der Sektion im Zuge von Ermittlungen nach 1990 im Institut für Rechtsmedizin durch Kriminalbeamte der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) aus Berlin ausführlich befragt worden. Dabei wurde der originale Obduktionsbericht aus den Ermittlungsakten mit dem im Archiv des Institutes archivierten Durchschlag verglichen. Die Echtheit des Originals bestätigte sich dabei. Sascha Rommeiß: „In dieser Befragung erläuterte ich, dass als Todesursache ein Erhängen festgestellt wurde und wir bei der Obduktion keinerlei Hinweise auf eine andere Todesursache hatten und keine Befunde erhoben wurden, die auf ­todesursächliche Gewalteinwirkung durch fremde Hand weisen könnten.“

Geringfügige Gewalteinwirkung

Die bei der Obduktion laut dem der OTZ vorliegenden Protokoll festgestellten „geringfügigen, kaum unterbluteten Schleimhautverletzungen an der Innenseite der Lippen“ seien ebenso wie die „streifenförmige Hautrötung am rechten Oberarm“ Folge geringfügiger Gewalteinwirkung und durch Anstoßen, aber auch leichtere Schläge gegen die Lippen entstanden. „Ob diese Verletzungen mit dem Erhängungsvorgang oder Stunden zuvor entstanden, konnte nicht geklärt werden. Zu den Verhandlungen wurden wir durch die Gerichte nicht gehört“, erklärte er weiter. Laut Protokoll war die Sektion am 13. April 1981 um 10 Uhr begonnen und Matthias Domaschk „nach Angaben des MfS am 12. April um 14.15 Uhr im Besucherzimmer der ­Bezirkshaftanstalt tot aufgefunden“ worden.

Dem im Archiv des Institutes aufbewahrten Protokoll der Sektion Nr. 238 zufolge kam die Anordnung zur „gerichtlichen Leichenöffnung“ vom Staats­anwalt des Bezirkes Gera, „im Auftrag Benndorf“. Darin heißt es: „[...] Dabei sind neben der Bestimmung der Todesursache die feingewebliche und toxikologische Untersuchung durchzuführen. Das Sektionsprotokoll ist der Untersuchungsabteilung der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Gera zu übersenden.“ Im Institut verblieb nur ein Durchschlag des Protokolles.

Die Anordnung durch den Staatsanwalt sei das übliche Verfahren bei allen nicht natürlichen und unklaren Todesfällen gewesen. Zur Sektion waren dann ein Staatsanwalt anwesend, Kriminaltechniker der Volkspolizei und Mitarbeiter des MfS, von denen Fotos der Sektion angefertigt wurden. ­Sascha Rommeiß: „Uns war bewusst, dass hier etwas Besonderes vorlag, ein Todesfall bei der Stasi. Ich war ziemlich betroffen, denn wir hatten Freunde, die auch zur Stasi geholt worden waren.“ „Seltsam, auffällig“ sei es schon gewesen, dass sich jemand mittels eines Hemdes als Strangwerkzeug erhängt habe. Das vom MfS mitgelieferte, farbig karierte Hemd („Daran kann ich mich noch genau erinnern.“) konnte die „zwei Zentimeter breite, unscharf begrenzte rotbraune Strangmarke in Höhe des Kehlkopfes mit Anstieg an beiden Halsseiten und Auslaufen im dortigen Bereich“ verursacht haben. Das mit ausgebreiteten Ärmeln etwa 1,50 Meter messende Hemd war in ­seiner Länge ausreichend, die Strangmarke zu verursachen. Allerdings musste der Anknüpfungspunkt sehr nahe am Hals gewesen sein. Verletzungen wie Griffspuren, Befunde für Würgen oder Drosseln fanden sich nicht. Die toxikologische Untersuchung verlief negativ. Sascha Rommeiß: „Es fand sich keinerlei Hinweis, dass zur Zeit des ­Todeseintrittes Herr Domaschk in seiner Handlungsfähigkeit durch Medikamente der untersuchten Stoffgruppen oder ­Alkohol oder Drogen eingeschränkt war. Aus rechtsmedizinischer Sicht ist von einem Suizid durch Erhängen auszugehen. Die Örtlichkeiten haben wir nie gesehen. Fotos habe ich erstmals meiner Erinnerung nach bei dem Treffen mit der Untersuchungskommission 2015 gesehen.“

„Das kann sich kein Gutachter leisten“

Sascha Rommeiß stellte noch einmal klar: „Es gibt keine Befunde, die für eine andere Gewalteinwirkung sprechen. Für eine Verschleierung hätten wir uns nicht hergegeben. Wir haben damals im Protokoll der Obduktion nichts verborgen, und wir haben heute nichts zu verbergen. Das konnten wir uns als rechtsmedizinische Gutachter weder in diesem Fall noch in jeglichen anderen leisten. Dies ist auch heute noch so.“ Gutachter seien verpflichtet wahrheitsgemäße Angaben zu machen, alles andere wäre strafbar.

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