Podiumsdiskussion in Gera zum 35. Todestag von Matthias Domaschk: Hoffnung auf Wahrheit

Gera  35 Jahre nach dem Tod des Jenaer DDR-Opposi-tionellen Matthias Domaschk arbeiten sich Historiker und Freunde an die Aufklärung heran. Dafür wird es aus ihrer Sicht auch der Mitarbeit der Täter bedürfen. Und eines erweiterten Blicks auf eine Diktatur, die nicht nur aus Stasi und SED bestand.

Podiumsdiskussion in Gera zum 35. Todestag von Matthias Domaschk (von links): Roland Jahn, Chef der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen, Peter „Blase“ Rösch, ein Freund Domaschks und selbst als DDR-Oppositioneller verfolgt, Moderator Frank Karbstein vom Verein Amthordurchgang Gera, Christian Dietrich, Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, und Historikerin Katharina Lenski. Foto: Jens Voigt

Podiumsdiskussion in Gera zum 35. Todestag von Matthias Domaschk (von links): Roland Jahn, Chef der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen, Peter „Blase“ Rösch, ein Freund Domaschks und selbst als DDR-Oppositioneller verfolgt, Moderator Frank Karbstein vom Verein Amthordurchgang Gera, Christian Dietrich, Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, und Historikerin Katharina Lenski. Foto: Jens Voigt

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Es geht ihm nicht so gut, sagt er. Er war ein bisschen krank, naja, das Alter. 62 ist er jetzt, noch ein Jahr muss er schaffen als Restaurator im Technikmuseum Berlin. Der Andere, sein Freund, ebenfalls verhaftet am 10. April 1981 in Jüterbog, ist seit 35 Jahren tot.

Matz und Blase. Die Spitznamen von damals, aus ihrer Jugend in Jena, sind geblieben. Auch an diesem Abend im alten Schwurgerichtssaal von Gera, wo früher durch ein Seitenfenster die Staatssicherheit die Prozesse der Politischen belauschte. 35 Jahre, seit die Stasi „Selbstmord durch Erhängen“ in den Totenschein vom Matthias Domaschk schrieb und er, Peter Rösch, es nicht glauben wollte. Bis heute nicht.

„Ich habe wieder ein Stück Hoffnung“, sagt er ins Mikrofon. Hoffnung, dass Domaschks Tod doch noch aufgeklärt wird. Weil es seit einem Jahr diese Arbeitsgruppe gibt, wie der Ministerpräsident es Renate Elmenreich, Mutter von Domaschks Tochter Julia, versprochen hat. Auch Rösch gehört der Gruppe an. „Ich habe sogar zum ersten Mal angefangen, meine Stasiakte zu lesen“, sagt er.

Stasi-Akten selbst sehr widersprüchlich

Sein Freund hat sich nach vorläufigen Erkenntnissen nicht selbst getötet, heißt es in einer wenige Stunden zuvor veröffentlichten Erklärung der Arbeitsgruppe.

Sowohl Dokumente des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als auch Zeugenaussagen in einem Prozess widersprächen dieser von der Stasi verbreiteten „Legende“. Die Fakten deuteten eher auf einen „Unfall“ mit Todesfolge und nachgestelltem Suizid oder auf eine „ungewollte Gewalthandlung“ durch MfS-Leute, in deren Folge Domaschk zu Tode kam, heißt es in dem Zwischenbericht. Die Stasi-Akten selbst hätten sich als sehr widersprüchlich erwiesen, seien offensichtlich manipuliert worden. Anders gesagt: Matthias Domaschk, damals noch nicht einmal 24 Jahre alt, ist nicht so gestorben, wie die Stasi es darstellte.

„Die Obduktionsergebnisse in der Todesakte deuten auf Fremdeinwirkung“, erklärt Katharina Lenski in ihrem Vortrag zum Auftakt der Podiumsdiskussion. Die Historikerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Verfolgung Oppositioneller in der DDR. Auch der Druck der Stasi auf Domaschks Eltern, den Leichnam nur vier Tage nach der Beerdigung einäschern und nicht noch einmal obduzieren zu lassen, sei ein Fingerzeig der Vertuschung.

Allein aus den Akten heraus werde die Wahrheit aber nicht zu erhellen sein, urteilt sie. Offenbar habe das MfS selbst keine wirkliche Untersuchung über Domaschks Tod geführt.

Aus Sicht der Arbeitsgruppe seien dringend Zeugengespräche mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern nötig, um die genauen Umstände zu erhellen.

Deutlich geworden sei aber etwas anderes: Dass die Feindbilder, mit denen das MfS Oppositionelle wie Rösch und Domaschk verfolgte, auch nach 1989 de facto fortwirkten.

So habe das erste Domaschk-Verfahren in Gera, in dem im Jahr 2000 beteiligte Ex-Stasi-Mitarbeiter wegen Freiheitsberaubung zu Geldstrafen verurteilt wurden, im Grunde die MfS-Vorwürfe gegen den Oppositionellen aufgegriffen: Landesverrat, „staatsfeindliche Gruppenbildung“. Ein Stasi-Informant, Steinmetz in Gera, hatte berichtet, Domaschk habe vor Freunden gesagt, das System sei nur mit Gewalt zu verändern. Seine und Röschs Verhaftung wiederum soll vor allem dazu gedient haben, sie als „asoziale Elemente“ von Ostberlin fernzuhalten, wo gerade der zehnte SED-Parteitag zelebriert wurde und sie Freunde besuchen wollten. „Matthias Domaschk aber wurde nicht als Terrorist verfolgt oder wegen des Parteitages“, unterstreicht Lenski.

Vielmehr habe die Stasi bei ihm einen „mustergültigen Zersetzungsvorgang“ über Jahre betrieben, beginnend beim verwehrten Abitur und dem Zwangs-Wehrdienst ab 1977, mit dem Domaschk seinen Freunden, seiner Lebensgefährtin und seiner noch kleinen Tochter entzogen werden sollte. Und der möglicherweise gekrönt werden sollte durch die Verpflichtung als Inoffizieller Mitarbeiter (IM): Der Letzte, der Domaschk in seiner Geraer Zelle lebend antraf, war ein „operativer Mitarbeiter“, also ein Anwerber.

Was genau in diesen eineinhalb Stunden geschah, wurde nie aufgeklärt. In den Akten findet sich lediglich die angebliche IM-Verpflichtung Domaschks.

Wird es, kann es eine neue Erzählung über den Jenaer geben wie auch über die anderen Oppositionellen und ihre Verfolgung? Lenski glaubt daran, allerdings mit einer klaren Vorbedingung: „Wir müssen aus der Nabelschau der Opfer und der vermeintlichen Sieger heraus.“

Nötig sei auch, die Position der Täter nachzuvollziehen, sie als Zeitzeugen zu befragen, „ohne sie gleich mit Schuldzuweisungen zuzuschütten“ – aber ihre Verantwortung anzumahnen. „Wir Historiker müssen uns über die Logik der Quellen stellen“, fordert sie.

Auch Roland Jahn sieht in einem neuen Blick auf die Akten Chancen auf Erkenntnisgewinn: „Es ist ein Unterschied, ob man mit dem Ziel strafrechtlicher Ermittlungen liest oder als Forscher.“

Zwar sei die Aufklärung von Einzelfällen weiter wichtig, doch mehr noch gehe es um das Entblößen, das Verstehen des Gesamtsystems, das die Unterdrückung nicht nur praktiziert, sondern auch die Duldung, teils die Zustimmung der Menschen dazu erzeugt habe.

„Wie konnte es sein, dass das Geschwätz eines kleinen Steinmetzes eine solche Kette bis zum Tod eines Menschen in Gang setzen konnte und die Mehrheit dazu schwieg?“, macht Jahn den aus seiner Sicht notwendigen erweiterten Blick auf die DDR deutlich.

Und nimmt denn auch die frisch verkündeten Vorschläge, die von ihm geführte Stasi-Unterlagenbehörde bis 2021 ins Bundesarchiv zu überführen und selbst als „Bundesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen“ weiterzumachen, ziemlich gelassen: Nicht die Behörde sei Symbol und Errungenschaft der friedlichen Revolution, sondern die gesicherten und zugänglichen Akten. Die Arbeit damit werde mit dem Übergang ans Bundesarchiv endlich auf Dauer gesichert, so Jahn.

In Gera lagern die Akten, wo sie gesichert wurden

Und angesichts der Benutzerstatistik sei eine Reduzierung auf nur noch eine Außenstelle je Bundesland nachvollziehbar.

In Thüringen müsste ohnehin an jedem der drei Standorte in bessere Archivbedingungen investiert werden.

Nehme man die Forderung der Expertenkommission ernst, wonach die künftigen Außenstellen an den „authentischen Orten“ der Stasi-Überwindung fortbestehen sollen, habe Gera sicherlich gute Karten – denn hier lagern die Akten dort, wo sie einst vom Bürgerkomitee gesichert wurden.

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