Rot-rote Regierung von 1923 als Aufreger von heute in Thüringen

Erfurt  Wie sich Staatskanzleiminister Benjamin Hoff (Linke) um eine klare historische Einordnung des kommunistischen Putschversuchs vor 92 Jahren in Thüringen herumwindet.

Reichstreffen des Rotfrontkämpferbundes am 5./6. Juni 1927 im Schiller-Park in Berlin-Wedding: Ernst Thälmann (links) und Willy Leow an der Spitze des Demonstrationszuges. Foto: Bundesarchiv

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Ein scheinbar nur launiger Wunsch von Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) ließ den geschichtsbewussten Teil der CDU im Landtag hellhörig werden.

Der Staatskanzleiminister hatte in einem Zeitungsinterview auf die Frage, welches Ereignis in Thüringens Geschichte er gern miterlebt hätte, geantwortet: „Als Staatskanzleichef würde ich natürlich gern einmal schauen, wie die zwei Wochen der SPD/KPD-Regierung verliefen, bevor diese demokratisch gewählte Regierung 1923 durch die so genannte Reichsexekution aus dem Amt getrieben wurde. Mit Heinrich Brandler gab es ja zeitgleich im benachbarten Sachsen auch einen linken Staatskanzleichef.“

Hoffs Neugier ist insofern verständlich. Die rot-roten Landesregierungen in Sachsen und Thüringen wurden auch damals als politisches Experiment mit gewünschter Auswirkung auf die Reichspolitik gesehen.

Aus Sicht der Kommunisten war ihre erstmalige Regierungsbeteiligung aber viel mehr, nämlich die Vorstufe zum Sturz der Weimarer Republik.

Die kurze, gleichwohl dramatische Episode des „Deutschen Oktober 1923“ hat in der DDR-Geschichtsvermittlung kaum Beachtung gefunden. Womöglich, weil der Umsturzversuch der KPD im Ansatz steckenblieb und deshalb wenig hergab für proletarisch-revolutionäre Heldenerzählungen.

Außerdem hätte man das Thema Schuld und Mitschuld an der fatalen Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung ein bisschen ehrlicher aufarbeiten müssen. Auch daran hatte die DDR-Führung kein Interesse.

Im noch jungen Freistaat Thüringen versuchte sich seit der Landtagswahl im September 1921 eine Minderheitsregierung aus SPD und ihrem linken Ableger USPD an der parlamentarischen Demokratie. Minderheitsregierung, weil sie sich von der KPD tolerieren lassen musste, um Mehrheiten zu sichern.

Regierungschef August Frölich (SPD) drängte die Kommunisten mehrmals zur Koalitionsbeteiligung, um Stabilität ins wackelige Gefüge zu bekommen. Dies scheiterte an KPD-Forderungen aus dem ideologischen Wolkenkuckucksheim.

Bis sich Moskau anders entschied. Bei einer Geheimkonferenz des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), an der Ende September 1923 auch der von Minister Hoff erwähnte Heinrich Brandler teilnahm, wurde der Beschluss zu einem allgemeinen Aufstand in Deutschland gefasst. Ein erster Schritt hierfür sollte die Regierungsbeteiligung der KPD in Sachsen und in Thüringen sein.

Walter Ulbricht hat Kompromiss erreicht

Für den Regierungssitz Weimar bedeutete das, zunächst auf eine Kompromisslinie mit der SPD einzuschwenken. Bewerkstelligt hat das ein Leipziger. Er hieß Walter Ulbricht.

Mit dem Eintritt dreier KPD-Leute ins Kabinett Frölich kam es am 16. Oktober 1923, eine Woche nach Rot-Rot in Sachsen, zur SPD/KPD-Koalition in Weimar. Aus demokratischer Sicht stand sie unter keinem guten Stern. Einerseits, weil die Reichsregierung in Berlin, eine Große Koalition unter dem nationalliberalen Reichskanzler Gustav Stresemann, bereits im September den militärischen Ausnahmezustand im gesamten Reich verhängt hatte. Nicht wegen Mitteldeutschland, sondern wegen Bayern, das die Reichsregierung von der erzreaktionären und rechtsextremen Seite her bekämpfte. Doch auch für Thüringen bekam ein Reichswehr-Befehlshaber das Sagen.

Vom fernen Stuttgart aus durfte er für Ordnung, Recht und Gesetz im Freistaate sorgen. Das untergrub das ohnehin geringe Ansehen der Weimarer Landesregierung noch mehr.

Andererseits sah die KPD die Zeit des proletarischen „Endkampfs“ gekommen. Die Zeichen standen auf Bürgerkrieg, befeuert durch Massenarbeitslosigkeit und eine irrwitzige Inflation, die auch die Mittelschicht ins Elend stürzte. Der Wert der Reichsmark sank zum US-Dollar im Oktober von 100 Millionen zu eins auf 100 Milliarden.

Die KPD ließ sich nicht viel Zeit damit, parlamentarische Entscheidungsbefugnisse mehr und mehr außerhalb des Parlaments zu installieren. Konkret bei den von ihr beeinflussten Arbeiterkongressen, Betriebsrätekongressen und Kontrollausschüssen. Und sie rüstete zum bewaffneten Umsturz.

Am 7. Oktober beschloss der Betriebsrätekongress für Groß-Thüringen, dass jeder Betrieb „zur Kaserne der kampfentschlossenen Arbeiter“ werden müsse. Für die Bewaffnung der Proletarischen Hundertschaften sei zu sorgen. In Sachsen war der Aufbau solcher paramilitärischen Strukturen schon weit fortgeschritten.

In Thüringen verhinderte vor allem der Sozialdemokrat Hermann Brill aus Ohrdruf die Umsturz-Vorbereitungen. Als hoher Beamter des Weimarer Innenministeriums wies er die Polizeibehörden an, alle Bestrebungen von Rechts- wie von Linksaußen zu unterbinden, die sich gegen Reichs- und Landesverfassung richteten.

Aufstand zündete in Thüringen nicht

Ein erfolgloser Aufstandsversuch am 23. Oktober in Hamburg, auch als Thälmann-Aufstand bekannt, sollte zeitgleich in Thüringen stattfinden, zündete hier aber nicht. Am 8. November um 9.45 Uhr bezog eine MG-Abteilung der Reichswehr vor dem Thüringer Landtag Stellung. Vier Tage später erklärten die drei KPD-Minister ihren Rücktritt – nicht ohne lautes Klagen über den Verrat der SPD an der proletarischen Sache.

Staatskanzleiminister Hoff antwortete nun auf die besorgte Anfrage des CDU-Abgeordneten Herbert Wirkner, es gehöre nicht zu den Aufgaben der Landesregierung, historische Ereignisse zu bewerten. Ungeachtet dessen gab der 39-jährige Linke-Stratege, den ein Doktor- und ein Professorentitel schmücken, seine persönliche Sicht zum Deutschen Oktober 1923 zum besten.

Er relativiert die Geheimkonferenz des EKKI in Moskau als „realitätsferne, extremistische Aufstandspläne“ von „Teilen der KPD-Führung“. Er erwähnt, dass es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auch innerhalb der KPD Ablehnung gegenüber den Putschplänen gab, dass den damaligen EKKI-Vorsitzenden Gregori Sinowjew Stalin später ermorden ließ, und dass Heinrich Brandler aus Sachsen „unter anderem wegen seiner ablehnenden Haltung zum Oktoberputsch aus der KPD ausgeschlossen“ wurde.

Geschichte, sagt Hoff, bringe in komplexen Gesellschaften eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen hervor, was „zum Teil konkurrierende Geschichtsbilder“ erzeuge. Unter pluralistischen Verhältnissen sei das zu akzeptieren, ja sogar zu begrüßen. An Thüringer Regelschulen und Gymnasien sei in den Lehrplänen für die Klassen 9 und 10 das Thema „Die Weimarer Republik – Chancen und Belastungen der ersten Demokratie in Deutschland“ als obligatorisch ausgewiesen.

Die CDU-Anfrage, ob die rot-rote Regierung Thüringens von 1923 geeignet oder ungeeignet ist, eine Identifikation mit der demokratischen Grundordnung zu fördern, bleibt damit weitgehend unbeantwortet.

Der Zeithistoriker Manfred Overesch hat sich für eine Schriftenreihe der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung auch mit dem Deutschen Oktober 1923 beschäftigt.

In seinem Buch „Hermann Brill. Ein Kämpfer gegen Hitler und Ulbricht“ zitiert er eine Auswertung des SPD-Bezirksvorstandes von Groß-Thüringen unmittelbar nach dem Scheitern der rot-roten Koalition.

Dort heißt es: „Die Kommunisten sind mit dem festen Vorsatz in die Regierung eingetreten, die Republik zu zertrümmern . . . Wenn die KPD sagt: Einheitsfront, will sie putschen.“

Und weiter hinten als Fazit: „Die KPD ist die Todfeindin der sozialdemokratischen Partei.“

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