Runder Tisch will Gesamtstrategie zur Medienkompetenz in Thüringen erarbeiten

Erfurt  Thüringen war einst Vorreiter in der Medienkunde für Schüler. Ein Runder Tisch will nun eine Gesamtstrategie zur Medienkompetenz erarbeiten, die Wirtschaft, Vereine und Hochschulen einbindet. Und nimmt sich dafür erstaunlich viel Zeit.

Jochen Fasco. Foto: Tino Zippel

Jochen Fasco. Foto: Tino Zippel

Foto: zgt

Das Smartphone, das seinem Besitzer sagt, ob er zum Termin in Erfurt oder München besser einen Regenschirm mitnehmen sollte. Das Haus, das einen Einbruch automatisch meldet. Die Werkhalle, deren Licht und Heizung sich nur dann einschalten, wenn sie die Sensoren von Beschäftigten registrieren.

All das, sagt Jochen Fasco, gibt es längst. Und ist doch nur ein winziger Teil dessen, was als umfassende Vernetzung und Mediatisierung aller Lebens- und Gesellschaftsbereiche längst losgebrochen ist.

Das „Leben 3.0“ durchzieht den Alltag

Fasco, im Hauptberuf Chef der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM), soll zum Auftakt des Runden Tisches Medienkompetenz in der Staatskanzlei eigentlich zu „Medienbildung im Kindermedienland“ referieren.

Vor ein paar Jahren hätte er einen leichten Stand gehabt. Dank Kika-Fernsehen und Kindermedienzentrum verortete sich Thüringen an der Spitze der Bewegung. Seit 2001 gibt es Medienkunde als fächerübergreifenden Kurs in den Schulen, die von der TLM bezuschussten Bürgersender zeigen Schülern, wie Fernsehen und Hörfunk funktionieren.

Doch die digitale Welt dreht sich schneller, als Lehrpläne umgeschrieben werden können. Längst haben Facebook, Twitter und WhatsApp das als Unterrichtsthema noch fixierte Jugendportal StudiVZ verdrängt, jugendliche Youtube-Blogger haben Hunderttausende Fans und lassen Kika-Streifen so alt aussehen wie die Sendung mit der Maus.

Das „Leben 3.0“ durchzieht den Alltag, möglicherweise, so Fasco, sind wir schon morgen bei 5.0 oder 8.0, so rasend wälzt sich die Welt um.

Schon stehe zu befürchten, dass der Rundfunk nicht mehr auf UKW-Frequenzen senden könne, weil die sämtlich für das Internet der Dinge gebraucht werden, zum Beispiel für die automatischen Auto-Notrufe, die laut EU schon ab 2018 verpflichtend via Internet zu erfolgen haben.

Wie aber will man Kindern noch einen geschützten Raum garantieren, wenn jeder neue Staatsvertrag dazu, wie er gerade entsteht, im Grunde eine Beschreibung des Gestern ist? Wenn zu den ohnehin kaum zu kontrollierenden Kanälen, Portalen, Bilderdiensten sich fast täglich neue öffnen? Und eben auch solche, die Gewalt, Kriege, Morde aufs Smartphone oder Tablet schicken, als puren Sadismus, vermeintliche Wahrheit oder Propaganda?

„Wir erleben einen Tsunami der Mediatisierung“, betont der TLM-Chef. Verantwortliche Politik müsse sich dem stellen. Und Medienbildung umfassend als digitale Bildung verstehen. Und zwar nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Ist Thüringen dafür gerüstet?

Ist Thüringen dafür gerüstet, und sei es wenigstens an den Schulen? Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) sieht den Freistaat „gut aufgestellt“, verweist auf die fächerübergreifende Medienkunde, das 2011 verabschiedete Landeskonzept zur Entwicklung von Medienkompetenzen, die ein Jahr später gebildete interministerielle Arbeitsgruppe dazu.

Uwe Klemm aber schüttet gehörig Wasser in den politischen Wein. „Bei der Medienkunde rumpelt und knarzt es ganz gewaltig“, sagt der Lehrer aus Weimar, selbst zuständig für diesen Teil der schulischen Arbeit.

2001 sei Thüringens Konzept zur Medienkunde noch ein großer und innovativer Wurf gewesen. Inzwischen aber inhaltlich in vielen Aspekten überholt.

Zudem sei es nie durch entsprechende Ressourcen bei Personal und technischer Ausstattung untersetzt worden.

Ohne entsprechende Pflicht-Lehrbefähigung und verpflichtendes Zusatz-Stundenvolumen verkomme die Medienkunde bei vielen Lehrern zur ungeliebten Mehraufgabe, lade zu „kreativer Buchführung“ ein, indem etwa das Einbinden eines Hörspiels in den Deutschunterricht oder das DVD-Gucken in Geschichte als Medienkunde abgehakt werde. „An vielen Schulen ist Medienkunde Verschiebemasse, um Ausfall in regulären Fächern abzufangen“, hat Klemm beobachtet. Auch, weil sich etliche Pädagogen mangels eigener Qualifikation schwer tun. Bei lediglich zwei Fortbildungskampagnen dazu in den letzten Jahren sei das kein Wunder.

Klemm wünscht sich, dass Medienkunde zumindest bis zur fünften oder sechsten Klasse ein eigenständiges Unterrichtsfach sein sollte, damit es für den späteren fächerübergreifenden Umgang eine verbindliche Basis für alle Schüler gibt. Und, wie weitere Teilnehmer des Runden Tisches, baldmöglichst einen gesicherten Zugang zu E-Learning-Portalen, wie das in anderen Bundesländern bereits funktioniert. Die geben im Unterschied zu Thüringen bereits Haushaltsgelder für die Medienkompetenz-Bildung aus, Niedersachsen zum Beispiel rund 1,2 Millionen Euro. Für den Freistaat, zumal in der akuten Fokussierung auf die Bewältigung der Flüchtlingsaufnahme, eine schwierige Vorgabe. Einerseits würde zum Beispiel ein barrierefreier Wlan-Zugang an allen Schulen auch Flüchtlingskindern E-Learning ermöglichen und ihre Integration befördern.

Diskussion in nächsten zwölf bis 18 Monaten

Andererseits dürfte sich die bisherige Vorstellung, Medienkunde nur am schuleigenen Computer oder Tablet zu unterrichten, mangels Finanzen in Luft auflösen. Sondern damit umgehen, was jeder Jugendliche ohnehin in die Schule mitbringt: das eigene Smartphone. Ob auch das explizit in der Landeskooperationsvereinbarung oder einem Kabinettsbeschluss zu finden sein wird, die den Diskussionsprozess der nächsten zwölf bis 18 Monate abschließen soll, steht dahin. Doch nicht nur Thüringens Landesdatenschutzbeauftragter Lutz Hasse findet, dass dieses Tempo ziemlich schwach wäre, um im Digitalisierungs-Tsunami auf Augenhöhe zu bleiben.

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