Saalfeld hat die Wahl: Gespräch mit dem parteilosen Kandidaten Roland Beyer

Am 15. April wählt Saalfeld einen neuen Bürgermeister.

Saalfelds Bürgermeister-Kandidat Roland Beyer im OTZ-Interview.

Saalfelds Bürgermeister-Kandidat Roland Beyer im OTZ-Interview.

Foto: Guido Berg

Herr Beyer, in Reschwitz, woher Sie stammen, höre ich den Satz: „Jede Ruine ist hier mit dem Namen Roland Beyer verbunden.“ Gemeint ist etwa der Edelhof. Was sagen Sie dazu?

Der Edelhof, die Perle von Reschwitz, ist ein Opfer der Gebietsreform von 1996. Ich als Reschwitzer Bürgermeister wollte, dass daraus ein Gemeindezentrum wird. Mit der Eingliederung in die Saalfelder Höhe waren diese Pläne obsolet. Der Bürgermeister der Saalfelder Höhe hat den Edelhof als Ballast gesehen und an drei Architekten für einen Euro verkauft. 2008 hat ihn ein Südtiroler für 10 000 Euro ersteigert, ohne ihn gesehen zu haben. 2013 habe ich mich des Edelhofes wieder angenommen und es ist mir 2014 gelungen, die Uhr von fünf nach zwölf auf fünf vor zwölf zurückzudrehen, indem ich dafür sorgte, dass das Dach des Edelhofes wieder dicht ist.

Nun, damit ist der Edelhof noch keine Erfolgsgeschichte. Warum glauben Sie, ein erfolgreicher Bürgermeister von Saalfeld sein zu können?

In den letzten 28 Jahren habe ich Erfolge und Niederlagen gesehen. Ich bin für Reschwitz und für Saalfeld auch ins Risiko gegangen. Ohne mich gebe es zum Beispiel die Reschwitzer Saugbagger-Produktion nicht. Ich habe 1992 mit Hilfe eines Kredites von einer Million DM in alleiniger Haftung das Patent angezahlt und fast ein Jahr bis zur Firmengründung gesichert. Sonst hätten es andere gekauft. Allerdings hat man mich dann im Zuge der Abwicklung als Gesellschafter rausgedrängt. Und es gibt weitere Beispiele. So ist es mir gelungen, 1992 in Reschwitz die Zufahrt zum Ort aus Richtung Saalfeld zu erneuern.

Sie verweisen also auf einen hohen Erfahrungsschatz?

Und auf eine entsprechende Reife. Die Hauptmotivation für meine Kandidatur ist mit durch meine 18-jährige Tochter gewachsen. Sie und die Jugend Saalfelds fragen sich: „Haben wir hier überhaupt eine Zukunft?“ Im Augenblick bilden wir sie in guten Kitas und Schulen aus und dann lassen wir sie gehen? Wenn wir die jungen Leute fragen, was habt ihr für Bindungen zur Tradition und Heimat, dann stehen sie da und haben gar kein Geschichtswissen über unsere wunderschöne Stadt.

Tradition und Heimat, mit diesen Themen sind Sie eng verbunden. Wie kommt das?

Von der Kindheit her, durch den Großvater. Wir haben viel Bayerischen Rundfunk gehört. Das ging schon früh los mit Bayerischer Volksmusik. Wir sind ländlich geprägt. Das Leben ist wie ein Baum, wenn die Wurzeln gesund sind, kommt der Saft durch den Stamm und durch die Äste zur Blüte. Traditionen sind Alleinstellungsmerkmale für jede Region. Man sollte immer wissen, wo man herkommt. Dann hat man eine Herzensverbindung zur Heimat.

Nun muss eine Heimatliebe nicht mit monarchistischen Sympathien einhergehen...

Geschichte ist hinter uns, aber die darf man nicht verleugnen. Jede Zeit hat seine Zeit. Geschichte sollte nicht ideologisiert und in gut und schlecht eingeteilt werden.

Eine österreichisch-monarchistische Organisation hat ihre Facebook-Posts geteilt. Wie kommen Sie zu solchen Freunden?

Das sind Traditionsverbände und die haben traditionelle Namen. Ich bin auch Mitglied in einem Traditionsregiment in Feldkirch am Vorarlberg. Da bin ich im Januar zum Hauptmann ernannt worden.

Sie sind also österreichischer Hauptmann?

In Tradition, ja. Das ist traditionelle Kultur in Österreich, die an Gedenktagen gelebt wird. Ob das der 300. Geburtstag von Kaiserin Maria Theresia war oder 2017 hundert Jahre Franz Josef oder 2018 hundert Jahre Republik. Ich finde es zehn Mal besser, man feiert seine Geschichte als etwa in Rudolstadt, wo kein Gedenktag für Fürst Günther und seine Frau stattfindet, aber zum irischen Nationalfeiertag die Heidecksburg grün angestrahlt wird. Wir haben eine eigene Geschichte, und die gehört zu unserer Identität.

Wie werden Sie das Bürgermeister-Amt nutzen, um Ihre Geschichtsaffinität zu leben?

Die Saalfelder Geschichte ist eine zinslose Hypothek, um den Tourismus auf einem hohen Kulturniveau zu bereichern. Herzog Johann Ernst von Sachsen-Saalfeld baute das schöne Schloss fertig und Saalfeld war bis 1735 Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Saalfeld. Er ist der Stammvater fast des gesamten europäischen Hochadels. Wenn wir im nächsten Jahr seinen 290. Geburtstag mit einer Festwoche begehen und über meine Kontakte als Botschafter der „Flame of Peace“-Nachfahren eingeladen werden, dann wird Saalfeld in Europa bekannter. In Europa kennt Saalfeld fast niemand. Diese Geschichte wird uns kulturell bereichern. Kultur ist nicht die Sahne im Kaffee, sondern die Hefe im Teig. Kultur ist nicht nur Theater und Sinfonie-Orchester, sondern wie wir leben, wie man sich gibt, auf welchem Niveau. Ich kann mir übrigens im Meininger Hof einen Hofball vorstellen mit Unterstützung aus Wien.

Welchen Politikstil werden sie pflegen als Bürgermeister?

Lösungen suchen und finden. Es ist wichtig, miteinander zu sprechen und nicht übereinander.

Eines der größten Probleme in Saalfeld ist die Entwicklung der Bahnhofsbrache. Was denken Sie sich da?

Ich sehe das Bahnhofsgebiet als Gesamtes inklusive des Lokschuppens mit der Drehscheibe. Touristisch hat der Dampflokbetrieb in Europa eine Zukunft. Wo es gelebt wird, sind die Züge nie leer. Hier gilt es, ein Projekt auf Basis des Euregio-Egrensis-Programms zu entfalten, ein EU-Programm zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Tschechien und Deutschland. Darüber ließen sich Stationen für Dampfloks etablieren inklusive der Ausbildung von Lok-Führern und -Heizern.

Sie sehen nach dem ICE-Wegfall im Saalfelder Bahnhof ein Cluster für Dampfloks?

Für Traditionszüge in der Region Saalfeld, Oberfranken, Vogtland und Egerland. Das geht natürlich nicht mit Saalfelder und Erfurter Geld allein. Dazu braucht es ein stimmiges Konzept, was durch das Förderprogramm „Euregio Egrensis“ mit gefördert wird.

Ist das eine Investition in die Zukunft?

Abgeschnittene Verkehrswege müssen wieder geöffnet werden. Das haben schon die alten Römer gewusst: Erst kamen die Straßen, dann die Ansiedlungen und Investitionen.

Wie sehen Sie Saalfeld im Jahr 2050?

Es ist mein Wunsch, dass die Demografie wieder umgeschlagen wird. Dass es wieder ein gesundes Verhältnis zwischen Alt und Jung gibt und ein Mehrgenerationsdenken mit einem starken Zusammenhalt in der Familie. Dass die Leute stolz auf ihre Stadt und ihre Traditionen sind. Zukunft braucht Grundwerte. Geld wird in regionalen Wirtschaftskreisläufen verdient, die Wertschöpfung findet in der Heimat mit statt. Aber das kann ein Bürgermeister nicht allein schaffen. Da bedarf es missionarischer Überzeugungsarbeit. Der Gedanke ist der Funke.

Was ist das ausschlaggebende Wahlargument zugunsten von Roland Beyer?

Ich bin der Kandidat, der über Parteidenken hinaus schaut und die Menschen motivieren will, dass Licht am Ende des Tunnels wieder zu erkennen.

Was sind Sie für ein Mensch?

Ich bin sehr durchsetzungskräftig. Ich habe Rückgrat und stehe zu meinen Aussagen und falle nicht um. Meine Schwäche ist: Ich mache sehr viel und vergesse dabei das eigene Geldverdienen.

Was wäre ihre erste Amtshandlung als Bürgermeister?

Ich werde mir Einblicke in die Planungsstände verschaffen. Zudem würde ich zu Bürgerversammlungen laden, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir brauchen Zukunft.

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