Spurensuche in der "Hölle von Ohrdruf"

Vor 65 Jahren befreiten Soldaten der 89. Infanteriedivision der 3. US-Armee das KZ-Nebenlager von Buchenwald - Aufarbeitung und Gedenken.

Luftbild vom Truppenübungslager Ohrdruf.

Luftbild vom Truppenübungslager Ohrdruf.

Foto: zgt

Jena/Ohrdruf. Ein Waldstück bei Crawinkel an der alten Straße nach Ohrdruf. Der schmale Fahrweg trifft bald auf eine ausgebaute Waldstraße. Links und rechts die Überreste gesprengter Hallen aus Stahlbeton – so zeigen sich die ersten Überreste des in den 30er Jahren errichteten Munitionsdepots, bis heute Muna genannt. Nur der Eingeweihte weiß, dass hier während des Zweiten Weltkrieges Bomben aller Art gelagert wurden für die Luftwaffe, um über den besetzten Ländern Europas abgeworfen zu werden.

Zwischen dem Wildwuchs an Bäumen tauchen bald in regelmäßigen Abständen andere Ruinen auf, Betonüberreste, zumeist unter Erdaufschüttungen verborgen. Es sind die Bunker, in denen die Bomben bis zum Abtransport lagerten. Über 100 waren es, bis zu Beginn des Jahres 1945 etwa 50 der Bunker geräumt, umfunktioniert und von Stacheldrahtzäunen umgeben wurden: KZ-Häftlinge wurden einquartiert. In die 15 mal 15 Meter großen Betonräume wurden bis zu 80 Häftlinge gepfercht, vielleicht auch noch mehr.

Für die Männer war es eine furchtbare Qual, in diesen stickigen, feuchten Löchern ohne Fenster und Heizung auf Holzpritschen mit etwas Stroh und Lüftung nur durch zwei Ventilatoren die Nächte im kalten Winter überstehen zu müssen. Doch noch viel ärger waren die Sklavenarbeit, der allgegenwärtige Hunger und der Sadismus der Wachmannschaften. Bis zu 6000 in dieses Lager verbrachte Häftlinge aus vielen Ländern Europas schufteten im Jonastal zwischen Crawinkel und Arnstadt, am Kienberg und weiteren Baustellen, um in einem vom SS-Sonderbaustab S III befohlenen mörderischen Tempo unterirdische Tunnel für eine Rüstungsfabrik und Hitlers letztes Hauptquartier zu bauen. Die Zahl der dafür insgesamt eingesetzten Häftlinge war jedoch noch weitaus größer.

In Ohrdruf, auf dem Kasernengelände des Truppenübungsplatzes, hatte man bereits im November 1944 die Pferdeställe geräumt, um dort unter primitivsten Bedingungen tausende Häftlinge einzuquartieren. Dem selben Zweck diente auch das 1940 nördlich davon errichtete Barackenlager. Die ersten Häftlinge kamen aus dem KZ Auschwitz, dann lieferten weitere Konzentrationslager, vor allem aber Buchenwald, die von der SS bestellten Arbeitskräfte. Insgesamt durchliefen bis zu 24 000 Häftlinge die drei Lager sowie das Zeltlager Espenfeld oberhalb des Jonastales. Wahrscheinlich waren es sogar noch mehr. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht, teils wegen der wechselnden Unterstellungsverhältnisse der Lager unter das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt und das KZ Buchenwald, teils auch geschuldet der Aktenlage.

Etwas mehr Licht in das Dunkel kann eine erst kürzlich bekannt gewordene, ab 1966 angelegte Ermittlungsakte westdeutscher Staatsanwaltschaften bringen, die 1500 Seiten mit umfänglichen Zeugenaussagen und Beschuldigtenvernehmungen umfasst, und seit 1974 unerkannt in den Archiven schlummerte. Die dort dokumentierten, im Zeitraum von 1945 bis in die 70-er Jahren entstandenen Aussagen offenbaren über den bisher bekannten Nazi-Terror hinaus die „Hölle von Ohrdruf“. Zur Vernichtung durch mörderische Zwangsarbeit kamen „Bestrafungen“ bei den geringsten „Vergehen“, Mord durch Erschlagen mit Schaufelstielen, Erhängungen, Verbrennungen von Kranken und geschwächten Häftlingen bei lebendigem Leibe in Abfallgruben des Lagers Ohrdruf, Massenexekutionen von nicht transportfähigen Häftlingen vor Beginn der Evakuierungsmärsche.

Insgesamt mehr als 10 000 Tote in nicht mehr als vier Monaten, dazu eine nicht bekannte, erhebliche Zahl von Toten während der Evakuierungsmärsche - das ist die Bilanz des Schreckensregimes der Nazis rund um das Jonastal. Mit dem Einmarsch von Truppenteilen der 89. Infanteriedivision der 3. US-Armee unter General George Patton am 4. April 1945 ging es zu Ende. Die Alliierten kamen, indem Pattons Armee von der zunächst geplanten Stoßrichtung Berlin aufgrund alarmierender Geheimdienstberichte und der von den Briten abgehörten deutschen Funksprüche über die Verlagerung von Hitlers Stäben in den Raum „Olga“ auf Thüringen umschwenkte, gerade noch rechtzeitig genug, um das Inferno zu verhindern, das Deutschland und die Welt in einen noch schlimmeren Krieg gestürzt hätte.

Die von Gotha her vorrückenden Soldaten und Offiziere fanden in den Lagern nur noch wenige Überlebende vor und Massen von Leichen, von vielen nur noch die auf Schienenrosten verbrannten sterblichen Überreste. Zum ersten Mal auf deutschem Boden hatten die West-Alliierten ein Konzentrationslager befreit, Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower besuchte deshalb am 12. April das Lager. Mit Stolz tragen die Männer der 89. Infanteriedivision daher den Titel „Liberators“, Befreier. Eine Gruppe von Veteranen, die damals dabei waren – unter ihnen der Großonkel von US-Präsident Barack Obama, Charles Payne/Soldat im 355. Infanterieregiment, Kompanie K –, wird am Montag das ehemalige Lagergelände aus Anlass des 65. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald besuchen.

Als authentische Orte der Häftlingsqualen sind heute nur noch die Bunkerreste in der Muna verblieben, alles andere existiert nicht mehr, denn im Kalten Krieg ging es wiederum nur um Bomben und Raketen auf den von der Roten Armee militärisch weiter genutzten Sperrgebieten des Truppenübungsplatzes. Eine Aufarbeitung ist erst in den 90-er Jahren mühselig und meist auf Privatinitiative zustande gekommen. Rührig sind hier vor allem der Geschichts- und Technologieverein GTGI e.V. in Arnstadt und der Förderverein Alte Mühle e.V. in Crawinkel, um nur zwei zu nennen.

Die Forschungsarbeit, der sie sich widmen, hat viele Facetten. Zum einen besteht sie in der Erforschung des KZ-Systems in der Region und der Bewahrung der Erinnerung, wie sich eindrucksvoll im Dokumentationszentrum des GTGI zeigt. Zum anderen in der wissenschaftliche Erforschung des „Mysteriums“ Jonastal und S III – jenseits aller Schatzsucher-Fantasien. Denn noch immer weiß man relativ wenig darüber, was die Nazis mitten im „Grünen Herzen Deutschlands“ tatsächlich im Schilde führten.

Immer deutlicher wird, dass es nicht nur um Hitlers letztes Refugium ging. Dafür sprechen die Angaben von Häftlingen, deutschen Zivilarbeitern und US-Militärs über kilometerlange Tunnel und eine unterirdische Rüstungsfabrik, in der u.a. eine verbesserte V 2 gebaut werden sollte. Angehörige der britischen Spezialeinheit 30 Assault Unit, die noch vor den Stoßtrupps der 89. Division am 4. April 1945 in das Jonastal vordrangen, gelangten durch einen unterirdischen Stollen in die dreistöckige Zentralhalle eines Tunnelsystems, in dem sie auch einen Zug auf Normalspur vorfanden.

Der Historiker Dr. Rainer Karlsch, der 2005 in seinem Buch „Hitlers Bombe“ Atombombenversuche auf dem Truppenübungsplatz bei Ohrdruf nachwies, kann dies inzwischen mit weiteren Details erhärten. Was immer auch Hitlers Wissenschaftler ohne Moral an „Wunderwaffen“ für den Endsieg planten - ob mehrstufige und Feststoff-Raketen, Nurflügler Horten IX, die Horten XVIIIB als Amerika-Bomber, die „Natter“ und Atomsprengköpfe –, sie wurden bis „5 vor 12“ mit dem Blut und dem Leiden Hunderttausender von KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bezahlt.

Informationen zum Jonastal

Anlaufpunkte für die Erkundung des Jonastales zwischen Arnstadt und Crawinkel:

• Geschichts- und Technologiegesellschaft Großraum Jonastal e.V. Dokumentationszentrum in Arnstadt
Rehestädter Weg 4, Tel. 03628-589083
Der Verein veranstaltet regelmäßig auch Führungen

• Förderverein Alte Mühle Crawinkel, Bahnhofsstraße10, mit Museum zum Mühlensteinhauergewerbe und zum Waggon vom Compiegne sowie Jonastal, Tel. 03524-3200011.


Der Vereinsvorsitzende Klaus-Peter Schambach führt auf Anfrage durch die Muna Crawinkel und das Jonastal mit vielen Infos auch zur Geschichte der Region über den zweiten Weltkrieg hinaus.

• Die Veteranenorganisation der 89. Infanteriedivision der US-Armee unterhält eine eigene Webseite mit vielen Infos zur Befreiung 1945

Internetseite: 89. Infanteriedivision der US Armee

Internetseite: Geschichts- und Technologiegesellschaft Großraum Jonastal e.V.

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