Stasi-Unterlagen-Chef Jahn in Probstzella, wo er einst abgeschoben wurde

Rückkehr an den Ort der Willkür: 29 Jahre, nachdem Roland Jahn in einen Interzonenzug gesperrt und aus der DDR abgeschoben wurde, kehrte er am Freitag nach Probstzella zurück. Mit dabei waren zwei Schulklassen aus Kronach und Suhl, die einen Schnellkurs in deutsch-deutscher Geschichte erhielten.

Roland Jahn auf dem Bahnhof Probstzella im Gespräch mit Theresa Marr (links) und Sandra Schmitt von der Kinderpflegeberufsfachschule Kronach. Foto: Thomas Spanier

Foto: zgt

Probstzella/Ludwigsstadt. Auf dem Parkplatz am Norma-Markt in Probstzellas Bahnhofstraße steht ein mit Deutschland-Fahnen geschmückter Golf 4. Der jugendliche Fahrer wirft einen neugierigen Blick hinüber zum Grenzbahnhofmuseum, wo sich Fotografen und Kamerateams tummeln. Der Verursacher des Auflaufs, Roland Jahn, ist heute Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). Auch die Geschichte seines ersten Probstzella-Besuches begann mit einer Fahne.

Nachdem Jahn als renitenter Student 1977 von der Uni Jena geflogen war und immer wieder phantasievoll die Zustände in der DDR angeprangert hatte, gab eine rot-weiße Fahne mit der Aufschrift "Solidarnos'c' z polskim narodem" (Solidarität mit dem polnischen Volk), die er an seinem Fahrrad durch Jena spazieren fuhr, den Anlass zur Festnahme. Er kam in Untersuchungshaft, wurde später wegen "Missachtung staatlicher Symbole" zu 22 Jahren Haft verurteilt. Weil er und seine Freunde aus der "Friedensgemeinschaft Jena" auch danach keine Ruhe gaben, wurde er am 8. Juni 1983, kurz vor seinem 30. Geburtstag, gewaltsam aus der DDR ausgebürgert. Jahn wurde unter einem Vorwand zum Wohnungsamt bestellt, wo ihn ein Stasi-Kommando festnahm, in Knebelketten zum Grenzbahnhof Probstzella brachte und in das letzte Abteil des nächsten Interzonenzugs nach Bayern einschloss.

An den Ort der Willkür kehrte er gestern, fast auf den Tag genau 29 Jahre später zurück. Mit dabei waren zwei Schulklassen aus Suhl und Kronach, die sich bei ihrer dreitägigen Exkursion einen anschaulichen Schnellkurs in deutsch-deutscher Geschichte verpassten. Mödlareuth, Wanderung zum Grenzturm auf dem Hopfsberg und ein Zeitzeugengespräch mit Zwangsausgesiedelten hießen die Stationen, die sie vom Bauhaus-Hotel "Haus des Volkes" in Probstzella aus ansteuerten. Der Publizist Roman Grafe, der das Grenzbahnhofmuseum initiierte und inhaltlich gestaltete, begleitete sie dabei.

"Am meisten haben mich die Flüchtlingsgeschichten beeindruckt", sagt Carolin Lotz, die in die 11. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums Suhl geht. Und Leah Geuther von der Berufsfachschule für Kinderpflege in Kronach sagt: "Das ist alles so emotional. Gestern war ich kurz davor zu weinen". Sie habe zwar zuvor schon einiges über die DDR gehört, aber "nie gedacht, dass es so extrem war", meint die 18-Jährige.

Roland Jahn, den die rund 50 Mädchen und Jungen im Grenzbahnhofmuseum treffen, bemüht sich um Einordnung. Ja, seine Situation sei hart gewesen. In Hose und Hemd in einen Zug gesteckt zu werden und nicht zu wissen, ob man Familie und Freunde jemals wieder sieht. Er habe aber auch schöne Stunden in der DDR erlebt. "Nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates", sagt Jahn.

Unrecht und Abschiebungen gebe es auch heute noch, so der 58-Jährige, der nach seiner Ausbürgerung viele Jahre als Journalist arbeitete. Sie sollten genau hingucken, was passiert, mahnt der Nachfolger von Joachim Gauck und Marianne Birthler an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde: "Der Blick in die Unfreiheit macht sensibel, wenn es um Gefahren für die Freiheit geht".

Dann steigen alle gemeinsam in den Zug nach Ludwigsstadt. Auf den 1300 Metern vom Bahnhof Probstzella bis zur früheren Staatsgrenze hatte die Stasi 1983 hundert Leute postiert, falls Roland Jahn die Notbremse zieht und aus dem Zug springt, weiß Roman Grafe aus den Akten.

In Ludwigsstadt, dem ersten Halt auf fränkischer Seite, wartet bereits Hans Messer auf dem Bahnhof. Der heute 76-jährige Kriminalbeamte im Ruhestand hat Roland Jahn damals auf der Polizeidienststelle Ludwigsstadt befragt, nachdem Bundesgrenzschützer ihn aus dem Abteil befreit hatten.

Im Rathaus gibt es ein Abschlussgespräch mit den Schülern. "Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?", wollen die jungen Thüringer und Franken wissen. "Wie stehen Sie zur Vorratsdatenspeicherung?" "Wie verarbeiten Sie das Erlebte?" Bei der letzten Frage lächelt Roland Jahn: "Indem ich drüber rede. Man muss Lebenslust und Lachen dagegen setzen. Macht den Mund auf und wehrt euch!"

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