Thüringen macht global Schule: Warum Lehrpläne aus dem Freistaat weltweit gefragt sind

Erfurt/Berlin  Rund 900 allgemeinbildende Schulen gibt es im Freistaat. Doch während ihre Zahl sinkt, legen andere Einrichtungen, die Thüringer Lehrpläne verwenden, stetig zu – die Deutschen Auslandsschulen.

Die Deutsche Schule in der US-Hauptstadt Washingtons D.C. Foto: DSW

Die Deutsche Schule in der US-Hauptstadt Washingtons D.C. Foto: DSW

Foto: zgt

Carola Förster ist wieder mal am Kofferpacken. Am Wochenende fliegt sie für rund eine Woche nach Washington. Nicht, um neugierig ums Weiße Haus zu schlendern oder Old Abe Lincoln in seinem Memorial einen Besuch abzustatten. Ihr Weg führt sie zum Chateau Drive in den grünen Hügeln des nordöstlichen Stadtrands über dem Potomac-Fluss. Dort öffnet seit über 50 Jahren die Deutsche Schule Washington allmorgendlich ihre Pforten, derzeit mit über 600 Schülern und knapp 60 Lehrern.

Thüringen hat Schulaufsicht bis 2016

Es ist Prüfungszeit, auch an den rund 140 Deutschen Auslandsschulen in aller Welt. Und weil das Thüringer Bildungsministerium noch bis 2016 die Schulaufsicht über die Prüfungsregion 1 in Nordamerika hat, düst Förster als Referentin für das Auslandsschulwesen über den Großen Teich. Um gemeinsam mit den Kollegen vor Ort die mündlichen Abiturprüfungen abzunehmen und auszuwerten, die Prüfungsprotokolle durchzusehen, mögliche Beschwerden von Eltern oder Schülern zu prüfen. Insgesamt fünfzig mehr oder weniger aufgeregte Abiturienten werden Förster von ihrem Wissen zu überzeugen versuchen; inklusive mit der Nachbereitung erwartet die Erfurterin deshalb „sehr intensive“ Tage am Potomac. Einen Vorteil freilich bringt sie mit: Sie kennt die Lehrpläne, nach denen in Washington unterrichtet wird – es sind die Thüringer.

Nicht nur am Potomac richtet sich das Kerncurriculum für die gymnasiale Oberstufe an den Lehrplänen des Freistaats aus. Auf der Nordhalbkugel nutzen rund 90 Prozent der Deutschen Auslandsschulen Thüringer Lehrpläne, also etwa 70 Bildungseinrichtungen insgesamt. Wie es dazu kam, erklärt Andreas Jantowski, Direktor des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm), so: Mitte der 1990er Jahre begann Thüringen seine Lehrpläne auf den so genannten kompetenzorientierten Unterricht umzustellen, der weniger auf das reine Faktenwissen als vielmehr die wissensbasierten Fähigkeiten der Schüler gerichtet ist. Mit der Umstellung aller Fächer im Jahr 1999 war Thüringen eines der ersten Bundesländer, das kompetenzorientierte Lehrpläne über alle Klassenstufen und Schulformen hinweg vorlegte. „Viele Deutsche Schulen im Ausland haben sich deshalb zu einem Zeitpunkt, da eine Überarbeitung der eigenen Curricula anstand, oder als sie sich neu gegründet haben, für die in Deutschland damals modernsten Grundlagen entschieden und ihre schuleigenen Curricula an den Thüringer Lehrplänen orientiert“, erläutert Yvonne Büscher, im Berliner Sekretariat der Kultusministerkonferenz zuständig für Auslandsschulen. Oder anders formuliert: Als auch die deutschen Auslandsschulen pädagogisch und didaktisch auf den neusten Stand durchlüften wollten, kam Thüringens frische Lehrplan-Reform gerade recht. Wobei auch sicherlich geholfen haben dürfte, dass mit Försters Vorgänger Reinhard Köhler ein Thüringer über etliche Jahre als Ländervorsitzender im zuständigen Bund-Länder-Ausschuss wirkte und ein gewisser Christoph Matschie (SPD) ausgerechnet 2009 dessen Vorsitzender war, als die Vorgaben für das noch heute gültige Kerncurriculum erarbeitet und verabschiedet wurden. Auch in der Bildungspolitik, so heißt es im inzwischen von Birgit Klaubert (Linke) geführten Ministerium, gehöre Klappern nun mal zum Handwerk.

Zwar bestimmen Thüringer Lehrpläne den Unterricht in Deutschen Auslandsschulen auf der halben Welt – die Südhälfte richtet sich nach Vorgaben aus Baden-Württemberg -, doch die Vorstellung, dass dieser Tage Kuriere mit Prüfungsaufgaben aus dem Ministerium an der Erfurter Werner-Seelenbinder-Straße um den Globus düsen, geht fehl: Verantwortlich für die Examensaufgaben zum Abschluss der Sekundarstufe I (Hauptschulabschluss, Mittlerer Schulabschluss, Berechtigung zum Übergang in die Qualifikationsphase) liegt beim Prüfungsbüro im Sekretariat der KMK. In den Autorengruppen allerdings sind die Länder beteiligt – und Thüringen zurzeit in der Mathematik-Kommission. Die Abituraufgaben wiederum werden in den insgesamt 16 Planungsregionen der Auslandsschulen erstellt – was erklärt, warum Carola Förster nach Nordamerika reist: Die Prüfungsaufgaben, denen sich auch die Abiturienten am Potomac stellen, wurden zuvor in Thüringen begutachtet und freigegeben. Auf Lehrkräfte aus dem Freistaat freilich trifft Förster eher selten: Unterrichteten vor einigen Jahren bis zu 40 Thüringer Lehrer an Auslandsschulen, so sind es aktuell nur noch 25.

Wie lange noch Thüringens Schulwesen quasi Weltbedeutung behält, vermag freilich niemand zu prognostizieren: Die Auslandsschulen sind in der Wahl ihrer Lehrpläne grundsätzlich frei und könnten sie theoretisch jährlich verändern. Allerdings, so heißt es übereinstimmend im Thillm und im KMK-Sekretariat, hätten die Schulen bislang keine Wünsche zur Lehrplan-Änderung gemeldet. Die Thüringer Pläne hätten sich offenkundig bewährt.

Dies dürfte Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) zufrieden registriert haben, die vor einigen Tagen den Weltverband Deutscher Auslandsschulen (WDA) in Thüringens Berliner Landesvertretung zum Empfang geladen hatte. Vor rund 120 Gästen verwies Klaubert denn auch stolz auf Thüringens Lehrplan-Dominanz.

Deutsche Unternehmen profitieren vom Angebot

Die Deutschen Auslandsschulen seien „Botschafter der Sprache, der Bildung, der Kultur und der Wirtschaft“, lobte sie. Die Beschäftigung mit der deutschen Sprache im Ausland bringe Menschen zueinander und fördere das Verständnis füreinander. Auch Mitarbeiter deutscher Unternehmen im Ausland würden von den schulischen Angeboten profitieren. Diesen Aspekt bestätigte auch der für das Top-Management zuständige Volkswagen-Personalchef Andreas Haffner.

„Entsendungen werfen hochkomplexe Fragestellungen auf“, sagte Haffner. Ob sich die Familie eines Mitarbeiters im Ausland wohl fühle, sei dabei ein kritischer Erfolgsfaktor. Die Deutschen Auslandsschulen spielen daher laut Haffner eine zentrale Rolle für den Erfolg globaler Unternehmen.

Anders herum stellen die Auslandsschulen, an denen insgesamt rund 20 000 deutsche und über 60 000 nichtdeutsche Schüler lernen, aber auch ein wichtiges Element für die Zuwanderung qualifizierter junger Leute in die Bundesrepublik, betonte der WDA-Vorstandsvorsitzende Detlef Ernst in Berlin. Der WDA und die Deutschlandstiftung Integration haben deshalb eine Kooperation vereinbart und das Stipendienprogramm „Geh deinen Weg“ der Stiftung auch Absolventen der Auslandsschulen geöffnet. Mit dem Programm wurden bislang jährlich rund 150 Stipendien an deutschen Hochschulen finanziert. Laut WDA absolvieren pro Jahr etwa 3800 Jugendliche an den Auslandsschulen eine deutsche oder internationale Abschlussprüfung.

An 14 Schulen gibt es inzwischen auch berufsbildende Abteilungen. „Die hoch qualifizierten, Deutsch sprechenden und mit der deutschen Kultur vertrauten Absolventen können helfen, Vorurteile abzubauen und die gesellschaftliche Integration zu stärken. Zugleich können sie einen Beitrag dazu leisten, den Fachkräftemangel zu lindern“, betonte WDA-Geschäftsführer Thilo Klingebiel.

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