Thüringer Kommunen haben wenig Lust auf einen Zukunfts-Test

Ettersburg/Wiesbaden  Der „Zukunftspass“ für Gemeinden wird bislang vor allem in Hessen nachgefragt. In Thüringen will die Stiftung Schloss Ettersburg nun mehr Werbung machen.

Die Frankfurter Ex-Oberbürgermeisterin Petra Roth auf Schloss Ettersburg 2012. Von dort aus sollten Impulse in die Thüringer Kommunen gegeben werden mit einem Zukunftsatlas. Doch die Reaktion ist verhalten. Archivfoto: Sascha Fromm

Die Frankfurter Ex-Oberbürgermeisterin Petra Roth auf Schloss Ettersburg 2012. Von dort aus sollten Impulse in die Thüringer Kommunen gegeben werden mit einem Zukunftsatlas. Doch die Reaktion ist verhalten. Archivfoto: Sascha Fromm

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Vor gut einem Jahr war eigens Petra Roth, bis 2012 CDU-Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main und lange Zeit Präsidentin des Deutschen Städtebunds, ins liebliche Schloss Ettersburg bei Weimar gereist, um einer Premiere Glanz und Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Es ging um den „methodischen Leitfaden Zukunftsfähigkeit ländlicher Strukturen“, mit dem sich Kommunen und Landkreise selbst einen „Zukunftspass“ erarbeiten sollten, um nach einer objektiven Analyse von Stärken und Schwächen zu entscheiden, wie und was sie verbessern müssen, um im demografischen Wandel auf lange Sicht Chancen zu haben.

Thüringer Zurückhaltung bei der Nutzung

Eigentlich hätte der „Zukunftspass“ ein Hit werden müssen, könnte er doch die zuweilen abgehobene, oft auch rein emotionale Diskussion über die Perspektiven von Dörfern und Kleinstädten versachlichen, gerade mit Blick auf die sich abzeichnende Gebietsreform. Ein bisschen hatte die Stiftung Schloss Ettersburg, begründet vom Bauindustrieverband Hessen-Thüringen, sogar auf eine ziemlich heftige Debatte reagiert, die sich an einer 2011 veröffentlichten Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung entzündet hatte, die die Lage im Vogelsberg-Kreis mit jener im Landkreis Greiz verglichen hatte und zu nicht eben freundlichen Schlüssen gekommen war.

Geht also seither der Demografie-Leitfaden weg wie geschnitten Brot? Norbert Mager, Mitglied im Stiftungsvorstand und Referatsleiter im hessischen Landesentwicklungsministerium, weiß um die Grundregeln politischer Kommunikation. Also vorweg das Positive: In Hessen läuft die Nachfrage, „zahlreiche“ Kommunen und Landkreise hätten den Leitfaden abgefordert, teils um Unterstützung gebeten, etliche auch ihre Ergebnisse mitgeteilt. Auf konkrete Zahlen oder gar Namen verzichtet Mager; die Betroffenen hätten Sorge, ein Bekanntwerden des Tests könnte sogleich als Eingeständnis gewertet werden, dass man dem demografischen Zug noch hinterherlaufe.

Wesentlich lockerer beschreibt der Stiftungsvorstand, der selbst am Leitfaden mitgearbeitet hat, die inzwischen vorgenommenen Verbesserungen des Systems. So wurden zum Beispiel Schnittstellen zu anderen Datenbanken eingefügt, die automatisch Angaben beispielsweise zu den Beschäftigungsmöglichkeiten im Ort und im 20-Kilometer-Umkreis einlaufen lassen. Auch bei anderen der über ein Dutzend Orts-Kriterien sei nachgearbeitet worden, etwa bei der Bewertung, welcher Internet-Anschluss verfügbar und wünschenswert sei. Noch wichtiger: Inzwischen müssen Bürgermeister oder Gemeinderäte ihren „Zukunftspass“ nicht mehr aus Dutzenden Seiten mit Begehungsprotokollen und für den Laien kryptischen Formeln errechnen lassen, sondern erhalten ein fertiges und selbsterklärendes Excel-Instrument, mit dem sie nach Magers Einschätzung den Puls ihrer Gemeinde ohne Hilfe von außen messen können.

Im Unterschied zum alten „Leitfaden“ lässt sich das Programm aber nicht von den Stiftungsseiten herunterladen, sondern muss abgefordert werden von Bürgermeistern oder anderen kommunalen Entscheidungsträgern. „Wir wollen damit absichern, dass das Instrument von jenen benutzt wird, die wirklich Zugang zu kommunalen Daten haben und nicht nur schätzen, wie viele Vereine und Kita-Plätze es beispielsweise gibt“, erläutert Mager.

Und Thüringen? Leichtes Stöhnen am anderen Ende der Telefonleitung in Wiesbaden. Man müsse die Anwendung wohl „breiter anbieten“, vom zuständigen Infrastrukturministerium könnte Kommunen, die sich zum Beispiel zur Dorferneuerung bewerben, das Zukunfts-Testat „offensiver empfohlen“ werden, sagt Mager; bislang jedenfalls sei eine „gewisse Zurückhaltung“ leider zu konstatieren. „Wir haben Abrufe aus Thüringen, aber bislang keine Rückmeldung zu den Ergebnissen oder gar Folgemaßnahmen“, räumt der Stiftungsvorstand ein. Immerhin, im Ilm-Kreis, wo um die 90 Orte beim Erstellen des Leitfadens analysiert wurden, habe es wohl einige Nachfolge-Gespräche gegeben. Ja, sagt Mager, man werde wohl offensiver werben müssen im Freistaat, zum Beispiel bei den kommunalen Demografie-Beauftragten.

Wenig später lüpft er dann doch die Decke der Anonymität: Ausgerechnet der Vogelsberg-Kreis, dem das Berlin-Institut vor vier Jahren nur trübe Aussichten aufgezeigt hatte, hat nicht nur vom „Zukunftspass“ Gebrauch gemacht, sondern selbst weitere Analysen betrieben und Schritte eingeleitet, der demografisch drohenden Versenkung zu entkommen. Vom Aktionsprogramm zur Sicherung der regionalen Daseinsfürsorge über Fachkräftesicherung und Abwasser-Optimierung bis zur Elektromobilität hänge der Kreis inzwischen in etlichen Sonderprogrammen drin, berichtet Mager: „Da ist richtig Dynamik im Spiel.“

Zukunftskennzahlen errechnet

Im Mai 2014 hatte die Stiftung den Leitfaden vorgestellt. Er untersucht und bewertet 14 Merkmale, die je nach Ausprägung entscheidenden Einfluss auf die Attraktivität eines Ortes als Wohnsitz und Lebensmittelpunkt nehmen, das Lebens­gefühl der Einwohner prägen und auch langfristig wirken. Neben Bevölkerungsdaten gelten auch das Vorhandensein von Schule, Kita, Dorfladen und -kneipe als Merkmal, ebenso Vereinsleben und die Erreichbarkeit des nächsten Zentrums. Aus all diesen Daten, entweder aus Statistiken oder durch Befragen vor Ort gewonnen, wird eine „Zukunftskennzahl“ errechnet, deren Wert zwischen null und eins liegt – 1,0 wäre der Bestwert. Bei knapp 100 Orten im Ilmkreis, die zum Erarbeiten des Programms untersucht wurden, lag die Kennzahl zwischen 0,4 und 0,9.

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