Vor der Stichwahl: Vonarb und Laudenbach zu wichtigen Themen in Gera

Gera  Die beiden verbliebenen Kandidaten um das Amt des Oberbürgermeisters von Gera, Julian Vonarb (parteilos) und Dieter Laudenbach(AfD)beziehen Stellung.

Symbolbild

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Foto: Peter Michaelis

Julian Vonarb (parteilos) kam im ersten Wahlgang auf 23,5 Prozent. 9182 Geraer wählten ihn. Dieter Laudenbach (AfD) erreichte im ersten Wahlgang 21,3 Prozent. 8305 Geraer wählten ihn.

Hat der Wahlkampf aus Ihnen einen anderen Menschen gemacht?]

Vonarb: Nein. Mir war von Anfang an klar, dass ich mit der Erklärung meiner Kandidatur eine öffentliche Person sein werde. Während des Wahlkampfes habe ich tausende gute und wichtige Gespräche geführt, wesentlich mehr als mein Mitbewerber. Das hat mich neugieriger gemacht, neugieriger auf die Menschen, ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Lebensfreude. Auch die Art, wie ich Inhalte formuliere, hat sich nicht verändert. Da ist es wichtig, dass man eine Sprache spricht, die auch alle verstehen. Sachlich und ohne Polemik.

Laudenbach: Der Wahlkampf hat mich verändert. Ich habe durch die positiven Rückmeldungen eines starken Unterstützerkreises erfahren, was ich zu leisten vermag. Die Herausforderungen der letzten Wochen haben mich in organisatorischer und fachlicher Hinsicht stärker werden lassen. Wenngleich meine öffentlichen Reden nicht dem Standard der Berufspolitiker entsprachen, waren sie doch Ausdruck meiner Bodenständigkeit und Ehrlichkeit, auf die ich großen Wert lege. Ich wollte mich auch nicht verbiegen und zum Phrasendrescher werden. Das entspricht nicht meinem Naturell und stößt mich von jeher ab. Die Zusammenarbeit mit kompetenten Partnern hat mich Demut, Dankbarkeit, Hochachtung und Zuversicht gelehrt.

Soll die Wirtschaftsförderung Teil der Stadtverwaltung bleiben?

Vonarb: Nein. Ich sehe die Wirtschaftsförderung perspektivisch nicht als Teil der Verwaltung, sondern als Dienstleister mit klaren Aufgaben. Für die Unternehmen, die schon hier sind, muss gewährleistet sein, dass uns keines davon wegen fehlender Flächen oder fehlender Unterstützung verlässt. Für Neuansiedlungen muss intensiv geworben werden. Darunter verstehe ich offensiveres Handeln. Die letzten Jahre haben nur ganz wenige Investoren nach Gera gefunden. Ich bin der Überzeugung, dass wir viel mehr auf die großen Unternehmen zugehen und uns als unternehmensfreundliche Stadt präsentieren müssen.

Laudenbach: Auf jeden Fall. Diesen für uns so eminent wichtigen Bereich möchte ich unbedingt in der Kernverwaltung angesiedelt wissen. Voraussetzung sind einige Veränderungen. Der Begriff „Willkommenskultur“ für Investoren muss mit Leben erfüllt werden, indem sich die Verantwortlichen als Dienstleister begreifen. Darüber hinaus müssen sich an dieser Einstellung zu jedem Bürger die Mitarbeiter der Verwaltung künftig messen lassen. Jedoch ist nicht nur Reagieren gefragt, sondern aktives und eigenverantwortliches Agieren ist geboten. Jedoch werden auch externe Hilfen zur Entwicklung dieser Aufgabe gerne in Anspruch genommen.

Werden Sie dem Stadtrat vorschlagen, die Gewerbesteuer von 470 % zu senken?

Vonarb: Aber selbstverständlich. Die Gefahr bei dem hohen Gewerbesteuersatz liegt darin, dass bereits ansässige Unternehmen Gefahr laufen abzuwandern und Neuansiedlungen werden abgeschreckt. Wir dürfen uns nichts vormachen, der Gewerbesteuerhebesatz ist für mögliche Investoren ein sehr wichtiges Kriterium. Natürlich reicht der einfache Senkungsvorschlag nicht. Dazu gehört, nicht zuletzt auch gegenüber den zu genehmigenden Behörden, dass wir den Vorschlag auch unterlegen. Dieses werde ich mit überprüfbaren Fakten und Erfahrungen tun.

Laudenbach: Das Geschenk würde ich den fleißigen Mittelständlern sehr gerne machen. Doch leider sind mir da die Hände gebunden. Solange wir als Stadt noch von Bedarfszuweisungen des Landes abhängig sind, besteht für eine Steuersenkung überhaupt keine Möglichkeit. Aus diesem Grunde ist eine Haushaltskonsolidierung das anzustrebende Ziel. Erst dann kann die Gewerbesteuer dem Umland angepasst werden.

Wollen Sie, dass die Stadtbahnlinie nach Langenberg weiter gebaut wird?

Vonarb: Zur Stadtbahnlinie nach Langenberg gibt es meines Wissens nach mehrere Beschlüsse und Vorgaben des Stadtrates, zuletzt vom Dezember des vergangenen Jahres. Natürlich muss man überprüfen, ob die Voraussetzungen, die seinerzeit kalkulierten Kosten, usw. noch passen. Auch die aktuelle Diskussion zu Dieseldebatte spielt hier für die Zukunft eine Rolle. Einfach nur starr umsetzen liegt mir nicht. Wichtig ist, dass wir aber baldmöglichst Klarheit schaffen.

Laudenbach: Die Grundlage für eine Entscheidung in dieser Frage ist eine vorausgegangene Prüfung der Wirtschaftlichkeit des Unterfangens. Im Moment gebührt der Wiesestraße der Vorrang. Zudem hat der Stadtrat noch über einen Einwohnerantrag der Langenberger zu entscheiden. Erst dann kann ich mich dazu äußern.

Wo sehen Sie Orte, an denen für Ordnung und Sicherheit mehr getan werden muss?

Vonarb: Ich denke, an dieser Stelle werde ich zuerst mit meinem Sicherheitskonzept ansetzen. Ein Konzept für die gesamte Stadt und nicht nur für einzelne Punkte. Es gilt jetzt, die Aufenthaltsqualität in unserer Stadt spürbar zu verbessern. Dazu ist eine Abstimmung zwischen Polizei, Ordnungsamt, Jugendamt, Ortsteilräten, aber auch zum Beispiel mit dem Stadtjugendring notwendig. Wichtig ist auch, nicht immer nur die Symptome zu behandeln, sondern auch präventiv an den Ursachen zu arbeiten. Mit zunehmender Besorgnis verfolge ich auch die Verschmutzung von Elsterufer und Hofwiesenpark sowie vielen Bereichen in der Stadt und den dazugehörigen Stadtteilen. Das ist mir besonders bei unserer Aktion „Saubere Elster“ aufgefallen.

Laudenbach: Der Brennpunkt ist zweifellos die Zentrale Umsteigestelle in der Heinrichstraße, einschließlich der angrenzenden Tal- und Schülerstraße sowie der Sachsenplatz. Von dort liegen auch die meisten Beschwerden aus der Bevölkerung vor. Des Weiteren sind sämtliche Parks in der Innenstadt und in den Stadtteilen vom Problem betroffen. In Absprache mit der Polizei wird das Ordnungsamt in seinen Kompetenzen zu stärken sein, im gleichen Maße, wie seine Präsenz zu erhöhen ist. Die großen Stadtteile sind mit je einem Bürgerbeauftragten auszustatten, nach dem Muster des Abschnittsbevollmächtigten (ABV) in der DDR.

Was hat für Sie den Vorrang? Geras Neue Mitte oder die Einkaufsstraße Sorge?

Vonarb: Solche Entweder-Oder-Fragen zur Stadtentwicklung sind kontraproduktiv. Zumal wir hier von einem Neubauprojekt (Neue Mitte) und einem Bestandserhaltungsprojekt (Sorge) sprechen. Das eine kann ohne das andere nicht harmonisch umgesetzt werden. Zur Sorge nur so viel: Ohne die Belebung des oberen Abschnittes bis zum Zschochernplatz und Steinweg wird die Sorge aussterben. In diesem Kontext gilt es auch, das Horten-Kaufhaus zu betrachten. Wie eine belebte Sorge aussehen kann, hat jeder gesehen, als wir das Horten für einen Nachmittag geöffnet hatten. Ich werde den Weg über eine Bürgerstiftung für Sorge/Zschochern/Steinweg gehen, da ich nur so eine realistische Umsetzung kombiniert mit Städtebauförderung sehe.

Laudenbach: Die Fragestellung entspricht nicht dem, was Gera jetzt braucht. Es ist bekannt, dass durch die Verwaltung ein Innenstadtkonzept für alle Bereiche erarbeitet werden muss. Das derzeit vorliegende innerstädtische Handelskonzept reicht nicht aus. Es wäre falsch, einer Maßnahme jetzt den Vorrang zu geben. Vielmehr geht es darum, die Innenstadt im Komplex zu betrachten, als ein notwendiges Zusammenspiel verschiedener Bereiche wie Handel und Gewerbe, Kultur, Sport, Erholung, Straßen, Wohnungsbau usw. Da ist der Zentrale Platz ebenso ein Baustein wie die Sorge, der Zschochernplatz, die Leipziger Straße, der Steinweg, der Markt, bis hin zum Bahnhof. Nach Vorliegen des Konzeptes werden wir viel Diskussionsstoff haben.

Wann wird die Regelschule 4 in Lusan saniert?

Vonarb: Um die Frage seriös beantworten zu können, benötige ich erst einmal Einblick in die relevanten Unterlagen. Derzeit arbeitet die Stadtverwaltung bereits an den Planungen für unterschiedliche Standorte. Ich bin mir der besonderen Verantwortung bewusst, die auf den Schultern der Stadt in den nächsten Jahren zur Sanierung der Schulen lastet. Es gilt jetzt, für alle dringend sanierungsbedürftigen Schulen mit maximaler Energie alle möglichen und zur Verfügung stehenden Fördertöpfe abzugreifen, sei es aus Landes- oder Bundesmitteln, um zügig voran zu kommen. Gerade für alle Kinder unserer Stadt müssen wir die passenden Rahmenbedingungen schaffen.

Laudenbach: Es gibt ein beschlossenes Schulsanierungsprogramm, das eindeutige Prioritäten festgeschrieben hat. Danach stehen auf der Dringlichkeitsliste ganz oben das Rutheneum, die Ostschule und das Liebe-Gymnasium. Wenn das Land Thüringen, wie zugesagt, für Schulsanierung erhöhte Fördermittel zur Verfügung stellt, wird gewiss auch die Regelschule 4 in die ganz enge Wahl kommen. Die Notwendigkeit ist erkannt, dennoch möchte ich keine falschen Hoffnungen nähren. Es ist ja nicht so, dass nur die priorisierten Schulen einen Bedarf an Modernisierung haben. Es gibt Reparatur- und Investitionsstaus in großem Umfang.

Mit welchen Schwerpunkten wollen Sie Gera vermarkten?

Vonarb: Wer mein Wahlprogramm aufmerksam gelesen hat, wird erfahren haben, dass eine Vermarktung in erster Linie im Verbund mit den Nachbarkreisen und den Kommunen stattfinden muss (Beispiel Tourismus). Ich glaube, die Zeit ist vorbei, wo man sich für seine eigene Kommune oder Kreis einsetzt. Gemeinsam kann man deutlich mehr erreichen und dadurch sogar den ein oder anderen Euro einsparen. Was Gera anbetrifft: Von der wirtschaftlichen Seite her stehen vor allen Dingen die zentrale Lage, die hervorragende Verkehrsanbindung direkt an der A4. Das sind Standortvorteile, die man stärker herausstellen kann. Voraussetzung für alles ist, dass wir für Gera zügig das Stadtmarketingkonzept auf die Beine stellen.

Laudenbach: Mit dem Schwerpunkt Kultur (5-Sparten-Theater, Museen, Höhlersystem unter der Altstadt – mit Höhler Biennale, Musikschule, Kultur- und Kongresszentrum, Bibliothek, Einrichtungen der Soziokultur uvm.) Dem Hofwiesenpark mit nahem Stadtwald, der Gastronomie mit Thüringer Küche, den zahlreichen Villen im Stadtbild, den Hochschulen, der günstigen Autobahnanbindung in zwei Richtungen, also all den weichen Standortfaktoren, die auch für Investoren durchaus interessant sind. Vorausgesetzt, es stehen attraktive Gewerbeflächen zur Verfügung. Zur Erschließung derselben ist der Flächennutzungsplan zu überarbeiten. Einem Marketing-Konzept obliegt es, diese Vorzüge ins rechte Licht zu rücken und nach außen zu tragen.

Stichwort Transparenz: Wie werden Sie die Geraer in Ihre Arbeit einbeziehen?

Vonarb: Ich werde mit Sicherheit den Weg über soziale Medien weiter intensiv nutzen. Ich kann so schnell, direkt und ohne Umschweife viele Menschen direkt erreichen. Und das auch in Zukunft mit klarer, einfacher und verständlicher Sprache. Aber ich habe aus dem Wahlkampf gelernt: Ein persönliches Gespräch ist viel mehr wert, als mancher Post im Internet. Grundsätzlich sind die Bürger über bereits bestehende Vereine, Initiativen und Projekte in die Mitarbeit ganz gut eingebunden. Dies werde ich weiter unterstützen und auch in Zukunft einfordern.

Laudenbach: Das Geraer Wochenmagazin mit den Öffentlichen Bekanntmachungen der Stadt Gera werde ich verstärkt nutzen, um über Vorhaben, Planungs- und Realisierungsstände zu informieren. Bürgerforen zu aktuellen Themen wird es geben, und die jetzt schon durch die OB praktizierte Bürgersprechstunde vor den Stadtratssitzungen ist zeitlich zu erweitern. Von stärkerer Einbindung der Ortsteilräte in Entscheidungen und deren unmittelbarem Kontakt zum Bürger erhoffe ich mir ein Mehr an Transparenz. Darüber hinaus schwebt mir die Schaffung einer Planstelle für einen Bürgerbeauftragten im Rathaus vor.

Was wird im Juli Ihre erste Amtshandlung als Oberbürgermeister sein?

Vonarb: Ich werde mich als Erstes den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt vorstellen. Sie sollen schnell und direkt von mir erfahren, dass ich auf sie zähle. Dazu gehören die Gespräche mit allen im Stadtrat. Auch der Dialog mit der Landesregierung wird sehr wichtig sein sowie den umliegenden Kreisen und Kommunen. Ich werde allen die Hand reichen, damit man gemeinsam für die Zukunft gute Ergebnisse erzielen kann. Dazu gehören auch ein Kassensturz und vieles mehr. Kurzum, es gibt viel zu tun, ich bin bereit dafür. Ich hoffe, dass alle am Sonntag von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und zur Wahl gehen. Für Veränderung haben sie im ersten Durchgang gesorgt, jetzt gilt es, auch Vernunft für Gera zu wählen. Und dafür stehe ich.

Laudenbach: Ich möchte bei der gemeinsamen Arbeit ein Wir-Gefühl als Dienstleister erzeugen, das auch und vor allem nach außen sichtbar wird. Dazu werde ich im Falle meiner Wahl die Runde durch das Rathaus drehen, um jeden Mitarbeiter persönlich aufzusuchen und mich vorzustellen. Ich möchte ein nahbarer Chef sein. Das schließt jedoch nicht aus, dass Regeln einzuhalten sind, Kompetenzen klar abgesteckt sind, die Erfüllung der Arbeitsaufgaben oberste Priorität hat und Verstöße geahndet werden.

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