Warum Stadtwerke Gera vor dem Ruin stehen und Stadtwerke Jena Millionen erwirtschaften

Hunderte Demonstranten überbringen 8064 Unterschriften an Geras Stadtrat. Sie wollen eine Fusion der Stadtwerke Gera mit den Stadtwerken Jena-Pößneck verhindern. Fünf Jahre ist diese Nachricht alt. Die Unternehmen haben sich seitdem höchst unterschiedlich entwickelt.

Geraer Marktplatz mit historischem Rathaus. Foto: Martin Gerlach

Geraer Marktplatz mit historischem Rathaus. Foto: Martin Gerlach

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Gera. Während die Stadtwerke Gera Insolvenz anmelden, erwirtschaften die Stadtwerke Jena Gewinne in Millionenhöhe. Wir ziehen einen Vergleich zwischen den Konzernen, worin die Gründe liegen.

Die Ausgangslage

Die Ausgangsbasis ist klar: Beide Städte waren vor zehn Jahren mit etwa 100 000 Einwohnern gleich groß. Doch während Jena inzwischen 105 000 Einwohner zählt, sind es in Gera nur noch 95 000. Jena profitiert von den Studenten und jungen Wissenschaftlern, die Familien gründen. 35 Kilometer östlich sterben hingegen doppelt so viele Menschen pro Jahr, wie neu geboren werden. Trotz Zuwanderung sank die Bevölkerungszahl allein 2012 um 390 Personen.

Beide Kommunen sind Alleingesellschafter ihrer Stadtwerke-Konzerne, die in Gera als Aktiengesellschaft (1000 Mitarbeiter), in Jena als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (1500 Mitarbeiter) bei gleicher Grundkonstruktion organisiert sind: Beide haben Tochterfirmen, die Gewinne erwirtschaften, aber auch zuschuss­bedürftige Beteiligungen wie die Nahverkehrsgesellschaften. Der Querverbund soll dafür bürgen, dass Dienstleistungen für die Bevölkerungen bereitstehen. Und läuft alles gut, erhalten die Städte einen Haushaltsbeitrag.

Die Praxis funktioniert nicht in Gera

Soweit die Theorie, die in der Praxis nur in Jena funktioniert. Für die kommenden Jahre plant die Stadt jeweils 6,1 Millionen Euro aus den Überschüssen der Stadtwerke Jena ein. Davon fließen 1,55 Millionen Euro in die Entschuldung, 100.000 Euro ins Semesterticket und der Rest in den allgemeinen Haushalt. Anders das Bild in Gera: Der jüngste vorliegende Jahresabschluss von 2012 zeigt, dass die Stadtwerke nur dank des Verlust­ausgleichs der Stadt Gera überhaupt schwarze Zahlen mit einem Plus von 386 000 Euro schreiben. Ohne die Hilfe der Stadt wäre ein Verlust von 2,1 Millionen Euro angefallen.

Wesentlich höhere Erträge in Jena

Die Bilanzen verdeutlichen, wie diese Unterschiede zustande kommen. Die Jenaer Stadtwerke erwirtschaften als Energieanbieter und mit ihrem Wohnungsunternehmen wesentlich höhere Erträge als jene in Gera. So können sie besser die Verluste verkraften, die über die Nahverkehrsgesellschaft auflaufen, und trotzdem noch investieren. In Gera hingegen funktioniert die Quersubvention seit Jahren nicht nachhaltig. Für notwendige Investitionen muss der Konzern deshalb häufiger Kredite aufnehmen, so dass die Verschuldung höher ausfällt als bei den Stadtwerken Jena. Die Kreditverbindlichkeiten bei Banken lagen Ende 2011 bei 230 Millionen Euro, in Jena bei 141 Millionen Euro, was sich deutlich auf den zu erbringenden Kapitaldienst auswirkt.

Befragt nach dem Erfolgsrezept, verweist Thomas Dirkes, Geschäftsführer der Stadtwerke Jena, auf die demografischen Umstände und den wirtschaftlichen Erfolg der Saalestadt. "Aus diesen Standortvorteilen können wir als Stadtwerke mehr Ergebnisse ziehen." Als Erfolgsmodell erweist sich in Jena der Kauf von JenaWohnen: Der vormals kommunale Wohnungsanbieter trägt zu einer Stabilisierung der Ergebnisse bei, erbringt fast die Hälfte des Überschusses. Ein weiterer Vorteil sei es, wegen der Krise im Stromerzeugermarkt kein eigenes Kraftwerk zu haben, sagt Dirkes.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien macht es konventionellen Kraftwerken schwer. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, arbeiten die Solar­felder auf Hochtouren. Viel Strom im Markt führt zu niedrigeren Preisen für die Produzenten. Zugleich belasten aber vergleichsweise hohe Gaspreise, so dass sich der Kraftwerksbetrieb weniger rentiert als noch vor Jahren. "Auch viele andere Stadtwerke etwa im Ruhrgebiet leiden stark unter dieser Situation", sagt Dirkes. In der Branche sei deshalb seit ein bis zwei Jahren damit gerechnet worden, dass durchaus auch Stadtwerke von einer Insolvenz betroffen sein könnten. Deswegen sei es notwendig, die Krise im Erzeugungsmarkt etwa durch einen Kapazitätsmarkt zu beheben. Auch die Kommunen müssen sich mit der neuen Situation arrangieren. "Die Gesellschafter sollten ihre Stadtwerke nicht mehr als eierlegende Wollmilchsau begreifen. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass sie immer die Verluste von Nahverkehr und Bädergesellschaften auffangen und zudem noch einen Haushaltsbeitrag leisten", sagt der Geschäftsführer. Doch drohen ähnliche wirtschaftliche Schwierigkeiten wie in Gera? "Wir glauben nicht, dass diese Gefahren in Jena bestehen", antwortet Dirkes.

Die damalige Entscheidung Geras gegen die Fusion will er nicht kommentieren. Fakt ist: Heute wird sich mancher der 8064 Geraer ärgern, im Jahr 2009 mit seiner Unterschrift einen Beitrag zum Scheitern des Zusammenschlusses geleistet zu haben.

Energie

Gera: Die Energieversorgung Gera, an der zu 49,9 Prozent der französische Konzern GDF Suez Energie beteiligt ist, betreibt ein 50 Millionen Euro teures, kreditfinanziertes Heizkraftwerk: Weil die Gaspreise steigen, aber im Strommarkt niedrigere Erlöse erzielt werden, sinkt dessen Marge. Im Jahr 2012 lag das Ergebnis nach Steuern bei 3 Millionen Euro (Jahresumsatz: 162,6 Millionen Euro). Der Anbieter setzte 358 Gigawattstunden Strom ab, legte dabei aber nur bei auswärtigen Privat­kunden zu, während einheimische Privat- und Gewerbekunden weniger verbrauchten.

Jena: Die Stadtwerke Jena halten 62,1 Prozent an der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck. Beteiligt sind auch das Stadtmarketing Pößneck, die Thüga AG, die EVG Thüringen-Sachsen und die Bürgerenergie Jena. 2011 erwirtschaftete das Unternehmen auf dem Energiesektor 14,7 Millionen Euro Überschuss bei 144 Millionen Euro Umsatz. Der Stromabsatz lag bei 210 Gigawattstunden. Inzwischen vertreibt der Anbieter, der sein Grundversorgungsgebiet durch Konzessionen im Saale-Holzland-Kreis und Weimarer Land stark erweitert hat, nur noch Ökostrom aus europäischer Wasserkraft.

Verkehr

Gera: Die Geraer Verkehrsbetriebe (300 Mitarbeiter) gehören zu den effizientesten Nahverkehrsbetrieben. Der Zuschuss­bedarf lag 2012 bei 4,4 Millionen Euro. Busse und Bahnen haben 16,3 Millionen Fahrgäste befördert – Tendenz wie bei der Bevölkerungszahl sinkend. Problematisch: Der Betrieb will eine neue, aber tendenziell nicht benötigte Bahnlinie nach Langenberg bauen, um so in den Genuss höherer Fördermittel für die notwendige Bestandssanierung des Netzes zu kommen. Eine weitere Tochtergesellschaft der Stadtwerke betreibt den Flugplatz. Verlust: 200 000 Euro pro Jahr

Jena: Rückgrat des Jenaer Nahverkehrs sind die Straßenbahnlinien: Fünf neue Züge komplettieren seit vergangenen Jahr den Fuhrpark von 38 Niederflurwagen. Das Unternehmen mit 310 Mitarbeitern benötigte bei einem Jahresumsatz von 17,3 Millionen Euro einen Verlustausgleich von 4,8 Millionen Euro. Die Nahverkehrsgesellschaft zählte 19,9 Millionen Fahrgäste. Die Stadtwerke Jena und der Saale-Holzland-Kreis halten je zur Hälfte die Anteile am Verkehrslandeplatz Jena-Schöngleina (Jahresverlust 100 000 Euro), auf dem der ADAC-Rettungshubschrauber stationiert ist.

Immobilien

Gera: Die Geraer Wohnungsbaugesellschaft Elstertal erzielte im Jahr 2012 einen Jahresüberschuss von 147 000 Euro. Von den 6850 Wohnungen stehen 16 Prozent leer. Das durchschnittliche Mietniveau beträgt derzeit 4,19 Euro pro Quadratmeter. Als Risiken für die Geschäftsentwicklung stuft die Unternehmensleitung den demografische Wandel ein: Gera wird in den kommenden Jahren weiter schrumpfen. Bleiben die Kapazitäten am Wohnungsmarkt gleich, sind keine höheren Mieten zu erzielen. Im Gegenteil: Die Anbieter müssen investieren, um ihre Bestände attraktiv zu halten.

Jena: Die Stadtwerke Energie Jena-Pößneck haben von der Kommune den Anbieter JenaWohnen erworben, dem 25 Prozent des Wohnungsbestandes der Stadt gehören. Hier zeigen sich die Unterschiede zu Gera am deutlichsten: 99 Prozent der 14 000 Wohnungen sind vermietet – der durchschnittliche Quadratmeterpreis beträgt 5,05 Euro. Entsprechend gestaltet sich das Betriebsergebnis: Das Unternehmen, das auch Wohnungen in Blankenhain bei Weimar vermietet, erwirtschaftete im Jahr 2012 17,3 Millionen Euro und war damit der stabile Anker in der Stadtwerke-Gruppe.

Weitere Beteiligungen

Gera: Mit dem Minderheitsgesellschafter Veolia halten die Stadtwerke die GUD Geraer Umweltdienste (184 Mitarbeiter), die sich um die Müllabfuhr und die Straßenreinigung kümmern und 2012 einen Überschuss von 232 000 Euro verbuchten. Die Stadtwerke halten 25,1 Prozent an der Sita Abfallverwertung Zorbau (Sachsen-Anhalt). Die Müllverbrennungsanlage, die aus Ostthüringen mit Hausmüll beliefert wird, erzielte 2012 einen Gewinn von 6,8 Millionen Euro – davon erhielten die Stadtwerke Gera 1,3 Millionen Euro. Jedoch gehen die Abfallmengen und damit die Erlöse zurück.

Jena: Die Stadtwerke Jena sind über die Stadtwerke Energie Jena-Pößneck zum Beispiel am Abrechnungs- und Software­anbieter Varys, am Stadtwerke Anlagenservice oder dem Job Facility Management beteiligt, die alle schwarze Zahlen schreiben. Im Portfolio befinden sich 17 Prozent am Lokalsender JenaTV. Unterm Dach der Stadtwerke agiert die Bädergesellschaft (Freizeitbad, Schleichersee und Ostbad). 2012 liefen auch wegen der GalaxSea-Sanierung 3,9 Millionen Euro Verlust auf. Gewinne fährt hingegen die Vermarktungsgesellschaft fürs Gewerbegebiet an der A4 ein.

Sog der Stadtwerke-Insolvenz: Geraer Verkehrsbetrieb vor dem Straucheln