Weitere Pannen bei NSU-Verfolgung: Observation verpasst, Liste vergessen

Der ehemalige Chefermittler in Thüringen offenbart weitere Pannen bei der Verfolgung der späteren NSU-Terrorzelle.

Sebastian Edathy (SPD) wundert sich im NSU-Untersuchungsausschuss über die Pannen der Ermittler. Foto: Clemens Bilan/dapd

Sebastian Edathy (SPD) wundert sich im NSU-Untersuchungsausschuss über die Pannen der Ermittler. Foto: Clemens Bilan/dapd

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Berlin. Weitere Pannen und Fehleinschätzungen bei den Ermittlungen zum späteren NSU-Trio offenbarten sich am Freitag im Untersuchungsausschuss des Bundestages. So habe sich im März 1998, nach dem Untertauchen der mutmaßlichen Bombenbauer, Beate Zschäpes Nachbarin bei der Polizei gemeldet. Sie habe Fernsehgeräusche aus der Wohnung in Jena vernommen. Die Polizei fährt raus, findet einen gefüllten Kühlschrank und einen geleerten Briefkasten vor. Die Beamten veranlassen aber keine Observation, tauschen lediglich das Türschloss aus. Die Spur zum gesuchten Trio verliert sich. Es fliegt erst 13 Jahre später auf. Nach zehn Morden.

"Ich wundere mich immer darüber, wie einfache Sachen so schief gehen konnten", sagte Sebastian Edathy (SPD) gestern im NSU-Untersuchungsausschuss. Der Vorsitzende hatte mit Jürgen Dressler den früheren Chef der thüringischen Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus (EG Tex) nach Berlin bestellt. Die Aussagen des Polizeibeamten lieferten für Edathy den Stoff für "ein wahres Theaterstück".

Dressler arbeitete ab 1997 in der EG Tex. Ende des Jahres geriet die Gruppe um Böhnhardt ins Visier der Ermittler. Tatsächlich finden sich in ihrer Garage Garage braunes Propagandamaterial und 1,4 Kilogramm Sprengstoff. Und eine Telefonliste mit 35 Kontaktdaten von Rechtsradikalen. Die Liste aber werteten die Ermittler scheinbar nie richtig aus.

"Es kann nicht sein, dass die Liste im Bermuda-Dreieck verschwunden ist", erklärte Ausschussmitglied Wolfgang Wieland (Grüne). Dressler konnte nicht sagen, ob er das Papier damals in seinen Händen gehabt hatte. "Ich stimme Ihnen aber zu, dass man die Liste der Zielfahndung hätte übergeben müssen", betonte der Zeuge. In der Vernehmung wies Dressler dem Geheimdienst den Schwarzen Peter zu. "Wir hatten immer ein schlechtes Gefühl, ob der Verfassungsschutz mit offenen Karten spielt", betonte er. Dressler erklärte, alle Einsätze des LKA gegen Rechts hätten dem Geheimdienst gemeldet werden müssen. Manche Verdächtige wurden offenbar gewarnt vor einer Durchsuchung gewarnt - so wie der später als V-Mann aufgeflogene Neonazi Tino Brandt. "Dass der Verfassungsschutz über die Durchsuchung einer Quelle informiert wurde, war geübte Praxis in unserem Land", sagte Dressler.

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