Wo die Pleitegeier kreisen

Rio de Janeiro  Brasilianer sind maßlos überschuldet, können ihre Rechnungen nicht mehr zahlen.

Die Christus-Statue in Rio de Janeiro.Foto: Gian Ehrenzeller

Die Christus-Statue in Rio de Janeiro.Foto: Gian Ehrenzeller

Foto: zgt

Kreditkarte gesperrt, Konto überzogen, Stromrechnung unbezahlt: Maria dos Santos befindet sich mit dem Doppelten ihrer Jahreseinkünfte in den Miesen. Da gibt selbst die Bank auf, ihr weitere horrende Überziehungskredite und wundervolle Geldvermehrungsrezepte anzudrehen.

Maria ist so pleite wie Griechenland. Aber jahrelang haben die Finanzinstitute ihr das Gegenteil vorgegaukelt. Aus dem Teufelskreis der Schulden wird die arme Frau nie mehr im Leben kommen. Sie muss am Ende sogar mit Gefängnis rechnen. Doch die Gefängnisse in Brasilien sind so überfüllt wie die Beichtsäle der Banken und die Schwarzen Listen der Institute zur Prüfung der Bonität.

Der Chef des brasilianischen Handelsverbandes CNC und Ex-Direktor der Zentralbank, Carlos Thadeu de Freitas, sieht einen Tsunami der Insolvenz über sein Land rollen. Weil Brasilien in einer Rezession steckt, in einer Stagflation – denn es schrumpft nicht nur die Wirtschaftsleistung der achtgrößten Industrienation, es galoppieren auch die Preise und die Firmen entlassen scharenweise Leute.

Finster sieht es aus mit dem Land – aber noch schlimmer steht es um dessen 200 Millionen Bewohner und deren Geldbörsen. Jedes Jahr müssen sechs Prozent Privatinsolvenz anmelden. Fast die Hälfte aller privaten Einkommen gehen sogleich für die Abzahlung von Krediten drauf, alarmiert die Zentralbank – der höchste Wert seit zehn Jahren. Ein großer Teil dieser Kredite geht auf das Konto von Bausparkassen – die Brasilianer haben in den vergangenen Jahren des Booms ihr Geld in Eigentumswohnungen und Betongold gesteckt; und jetzt, wo die mageren Zeiten gekommen sind, können sie die hochverzinsten Kredite nicht mehr bedienen. Obgleich die Banken schwören, sie hätten nur (!) bis zu 30 Prozent des Jahresnettoeinkommens Baukredite gewährt.

Was aber wird Maria dos Santos machen, wenn die Bank ihr Konto sperrt?

Sie wird, so wie ihre Nachbarn in der Favella, ihren Strom (und das Wasser) aus der Straßenleitung abzweigen.

In Rio de Janeiro sind das einige hunderttausend Haushalte, die der Stromgesellschaft Light jedes Jahr rund 250 Millionen Euro Einnahmen entziehen.

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