Altenburger Land. Vom Umgang mit Vorurteilen im Altenburger Land: Ein Plädoyer für Nächstenliebe und Verantwortung von Diakonin Bettina Dröse-Schmidt.

Mit der Moral tun wir uns oft schwer. Sie wird von den einen verpönt, da in ihr immer etwas Spießiges und Gestriges mitschwingt. Von den anderen wird sie hochgehalten, da sie den Untergang des Abendlandes befürchten. Moral beschreibt die Ethik, Normen und Werte des menschlichen Miteinanders, die in einer Gesellschaft das Zusammenleben ermöglichen. Wir sind alle darauf angewiesen, dass andere den Normen entsprechend handeln.

Als Kind bin ich mit Grimm’schen Märchen und Max und Moritz aufgewachsen, da war die Moral völlig klar: Es gibt Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Auch in der Christenlehre, in der biblischen Geschichten erzählt wurden, war es so. Das mag für Kinder eine hilfreiche Orientierung sein, doch das Leben lehrt, dass es sehr viele Graustufen und noch viel mehr Farben gibt.

Ich habe das Gefühl, dass die Themen Ethik, Werte und Normen unsere Gesellschaft zurzeit so stark beschäftig wie lange nicht. Vieles wird in Frage gestellt, was lange klar schien: Aber es ist wichtig, dass wir uns trauen, Ethik und Moral auch in Frage zu stellen und darüber zu reden. Gesellschaftlicher Diskurs braucht Zeit und er wird nie ganz abgeschlossen sein.

Und wo finde ich Orientierung? Was ist meine Moral? Ich könnte mich Treiben lassen, alles egal. Doch das funktioniert nur, solange ich gesund und stark bin. Was ist, wenn ich auf die Hilfe andere Menschen angewiesen? Also braucht es doch eine ethische Norm. Ich wage noch mal einen Blick in die Bibel. Das Neue Testament beschreibt das Leben Jesu. Er erzählt uns von der Liebe Gottes zu den Menschen und der Liebe als dem höchsten Gut. Und er sagt uns, dass das Gesetz für den Menschen gemacht ist und nicht der Mensch für das Gesetz.

Ich verstehe: es gibt Werte, wie die Liebe und die Nächstenliebe, die unser innerer Kompass sind und es gibt Gesetze, die aufgeschrieben werden, um das Zusammenleben zu regeln. Da kommt mir unser Grundgesetz in den Sinn: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ so steht es im 1. Artikel. Würde, noch so ein sperriger Begriff. Und doch scheinen mir die Begriffe Moral, Liebe und Würde eng miteinander verbunden. Die Liebe ist unser größtes Geschenk, die Liebe Gottes zu uns Menschen ist bedingungslos. Wir können sie nicht kaufen, nicht erarbeiten, nicht ergaunern. Sie ist ein unumstößlicher Fels.

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Die Würde des Menschen ist ebenso bedingungslos, aber auf die Nächstenliebe angewiesen. Diese liegt in unserer Verantwortung. Und so geschieht es leider tagtäglich auf der ganzen Welt: Ausbeutung, Unterdrückung, Missbrauch, Willkür. Wir beuten die Natur aus und befördern den Klimawandel, was in anderen Ländern zu Armut, Not und Krieg führt. Wir verschiffen unsern Müll in arme Länder, schicken Waffen in Krisenregionen um des Profits Willen, unterlassen Hilfe an Flüchtenden und Hungernden. Und auch bei uns im Land werden Menschen unwürdig behandelt. Menschen, die nicht in unser Bild passen, werden abgestempelt und ausgegrenzt. Seien es nun Alte, Arme, Flüchtlingen, Kranke, Behinderte, Andersliebende und Anderslebende - Menschen bekommen plötzlich verschiedene Werte. Keiner ist frei von Vorurteilen. Wie gelingt es uns, diese zu überwinden? Ich finde einen moralischen Kompass unerlässlich. Jesus, der uns die Liebe Gottes Nahe bringt, lebt es uns in vielfältiger Weise vor. Er nimmt jeden Menschen gleichermaßen an: Kind, Frau, Mann. Er geht zu den Kranken, den Aussätzigen und den Ausgegrenzten. Er begegnet jedem Menschen mit der gleichen Wertschätzung, selbst denen die ihn ablehnen und gar nichts von ihm wissen wollen.

Auch wenn Gutmensch heute fast ein Schimpfwort ist, möchte ich gern ein guter Mensch sein. Ich möchte dem Nächsten mit Achtung begegnen, möchte die Umwelt schützen und so vieles andere mehr. Es ist eine alltägliche Herausforderung: mal bin ich unhöflich, mal genervt, mal ungerecht. Doch, gerade als Christin, versuche ich mir das immer wieder bewusst zu machen und mich neu auszurichten, weil ich weiß, dass wir alle geliebte Kinder Gottes sind und dass wir einen Auftrag für diese Welt haben. Wir haben Verantwortung für unser Tun, es geschieht nicht einfach so. Wir können Menschen wertschätzend begegnen, wir können die Umwelt schonen, bewusst einkaufen und uns gesellschaftlich engagieren - nie perfekt, aber immer mit dem Kompass. Es sind die vielen kleinen Schritte, die die Gesellschaft voranbringen. Winston Churchill sagte: „Perfektion ist der Feind des Fortschritts.“ Seinen Sie Nachsichtig mit sich - und anderen.