Dramatische Tage

Bürgerrechtler Büchner: „Für mich war die Existenz der Mauer Wahnsinn“

Erfurt.  Bürgerrechtler Matthias Büchner erinnert sich an dramatische Tage zwischen Maueröffnung und Sturm auf die Erfurter Stasi-Zentrale. Er mahnt, die friedvolle Revolution nicht zur Wende verkommen lassen

Matthias Büchner im Erfurter Speicher während des Gesprächs.  

Matthias Büchner im Erfurter Speicher während des Gesprächs.  

Foto: Kai Mudra

Der in Zella-Mehlis geborene Maler und Grafiker Matthias Büchner (66) war 1989 in der DDR Sprecher des Neuen Forums. Bis Oktober 1990 beteiligte er sich aktiv an der parlamentarischen Kontrolle der Auflösung des DDR-Staatssicherheit. Zwischen 1990 und 1994 wirkte er für das Neue Forum als Abgeordneter im Thüringer Landtag.

Herr Büchner, wie erlebten Sie die Maueröffnung am 9. November 1989?

Es war ein Donnerstag und Donnerstag war in Erfurt Demo-Tag. Die Vorbereitungsgruppe stand vor 80.000 Menschen auf dem Domplatz. Wir hatten Besuch von einer französischen Journalistin. Plötzlich sagte sie, wenn ich das richtig verstehe, wird heute die Mauer geöffnet.

Wie kam diese Nachricht bei ihnen an?

Ich höre immer Wahnsinn. Für mich war die Existenz der Mauer Wahnsinn. Im ersten Moment dachte ich, jetzt versucht die SED noch einmal, das Heft in die Hand zu nehmen. Wir wollten doch die Mauer selber öffnen!

Das klingt jetzt eher enttäuscht?

Wir hatten so viele wichtige Dinge zu verkünden. Verbreiten wir diese Nachricht, gehen die Leute weg und wir haben keine Demo mehr. Also entschieden wir, unsere Sache durchzuziehen, da ohnehin geprüft werden musste, ob das mit der Öffnung stimmt.

Was war ihnen denn so wichtig?

Da gab es eine spektakuläre Unterschriftensammlung: „Rücktritt des Politbüros der SED!“, zu dem auch der verhasste Erfurter SED-Bezirksvorsitzende Müller gehörte. Aber auch die ungeliebte Oberbürgermeisterin Seibert mit ihrem Wahlfälscher-Stadtrat sollte endlich verschwinden. Wenig später wurde Erfurt tatsächlich von einem Interimsparlament verwaltet, in dem auch die Opposition paritätisch vertreten war.

Die Maueröffnung veränderte die DDR mit einem Schlag. Wie war die Situation an diesem Abend?

Das wussten nicht einmal die Uniformierten. Die hatten ja am Anfang noch ein Stempelsystem, wonach diejenigen nicht mehr in die DDR reingelassen werden sollten, bei denen der Ausreisestempel mit auf das Foto gedrückt wurde.

Das ist jetzt knapp 30 Jahre her. Die demokratischen Kräfte mussten damals die Kontrolle erlangen, wie?

Am zentralen Runden Tisch in Berlin saßen alle relevanten Parteien und die neuen demokratischen Bewegungen, also Bürgerechts- und Menschenrechtsbewegungen. In den DDR-Bezirken wurde das ähnlich geregelt.

Damit war auch das Neue Forum beteiligt?

Ja. Und wir waren paritätisch vertreten. Denn die SED allein hatte damals formal immer noch mehr als 2,5 Millionen Mitglieder.

Die Stasi hatte begonnen, Unterlagen zu vernichten. Das stand gegen ihren Aufklärungswillen...

Am 3. Dezember traf sich die Initiativgruppe des Neuen Forums in der Nähe von Berlin. Im ganzen Land wurden Unmengen von Akten vernichtet. Ich wusste von Erfurt, dass inzwischen nicht nur Papiere vernichtet werden, sondern dass die Stasi auch Filme verbrennt. Wir hatten aus dem Bezirkshygieneinstitut von einem Freund exakte Luftmesswerte erhalten, die das belegten.

Da müssen doch alle Alarmglocken geschrillt haben?

Ich machte den Vorschlag, einen Aufruf zu verbreiten, dass die Menschen einschreiten und sich den Bürgerrechtsbewegungen anschließen sollen. Ich wollte die DDR sukzessive über die Rathäuser abwickeln, weil unsere Organisationsstrukturen damals minimal waren. Zuerst informierte ich die DDR-Nachrichtenagentur ADN und dann meine Kontaktleute. In Erfurt war das Barbara, die Frau des späteren Oberbürgermeisters Ruge. Sie gab den Text einem Freund, Jens Fröbel. Er ging sofort ins Funkwerk und fertigte 700 Kopien. Zum Schluss hatten sie 4000 Flugblätter in Erfurt in die Briefkästen gesteckt.

Damit war der 4. Dezember vorbereitet?

Als ich gegen 5 Uhr frühmorgens in Erfurt ankam, hatte ich drei Tage kaum geschlafen und fand einen Zettel vor: Flugblätter verteilt. Schöne Grüße, Jens. Da klingelte es. Eine der Frauen – wir hatten ja die Frauen für Veränderung und auch sehr aktive Frauen im Neuen Forum – sprach mit meiner Frau und sagte: Wir wollen die Stasi besetzen. Ach du Schreck, dachte ich. Die fangen mit der Stasi an. Ich wollte ja über die Rathäuser gehen. Aber wie Frauen manchmal so sind: ihr Mut. Ich konnte es nicht fassen und sagte, ich brauchte kurz Schlaf. Ich komme nach.

Haben sie die Besetzung der Stasi noch miterlebt?

An diesem Vormittag ging das alles relativ schnell. Als ich gegen 11 Uhr dazu kam, waren die Frauen schon drin. Almut Falke, die Frau des evangelischen Propstes verhandelt tapfer mit den gefürchteten Stasi-Offizieren. Niemals zuvor wurde eine Geheimdienstzentrale durch friedliche Bürgerinnen und Bürger besetzt und abgewickelt. Noch am frühen Morgen hatte sich der völlig überrumpelte Stasi-General, Josef Schwarz, beim Bezirksstaatsanwalt rückversichert: „Soll ich schießen lassen?“ „Lass die Waffen einsammeln“, sagte der Staatsanwalt und bewies Realitätssinn.

Sie mussten Ihren Erfolg vom 4. Dezember aber auch absichern...

Noch in der Nacht gründeten wir in Erfurt das erste Bürgerkomitee der DDR im Johannes-Lang-Haus der evangelischen Kirche. Ich hatte dort ein provisorisches Büro eingerichtet, weil es drei Zugänge gab. Falls die Staatsmacht von einer Seite gekommen wäre, hätte ich noch zwei Möglichkeiten gehabt, zu verschwinden. In dieser Nacht stellten wir Stoßtrupps zusammen, die den Erfurter Flughafen sichern sollten. Denn es gab Gerüchte, das Unterlagen nach Rumänien ausgeflogen werden sollten. Das galt es zu verhindern. Nach allem was ich später erfuhr, hatte die Flugsicherheit der Nationalen Volksarmee den Luftraum aber gesperrt.

Wie blicken sie heute auf diese Zeit?

1989/90 haben wir uns selbst ermächtigt und selbst befreit und selbst die Deutsche Einheit gewählt. Nach 30 Jahren sollten wir unsere friedvolle Revolution nicht im Nachhinein zu einer Wende verkommen lassen, die mit Angst und Hass daherkommt und doch nur eine neue Gewaltherrschaft erstrebt.

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