Erfurter Autorin eröffnet neue Debatte über Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Erfurt  Die Erfurter Autorin Eva Corino schreibt ein Buch gegen den „Gleichzeitigkeitswahn“. Sie will eine neue Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eröffnen.

Die Erfurter Autorin Eva Corino plädiert in ihrem Buch „Das Nacheinander-Prinzip“ für eine sinnvollere Umverteilung gewonnener Lebenszeit.

Die Erfurter Autorin Eva Corino plädiert in ihrem Buch „Das Nacheinander-Prinzip“ für eine sinnvollere Umverteilung gewonnener Lebenszeit.

Foto: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

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Montagvormittag, ein Erfurter Cafe, wir sind verabredet. Eva Corino erscheint pünktlich. Fahrrad, businesstauglicher Hosenanzug, fester Händedruck, das Lächeln offen, aber nicht überschwänglich. Der erste Eindruck: Typ Karrierefrau.

Sie hat in Tübingen und Paris studiert, legte einen steilen Berufsstart als Kolumnistin und Theaterkritikerin hin, lebte mit ihrem Ehemann in Washington, in Brüssel und in Duschanbe.

Sie hat vier Kinder zwischen sechs und 16. In ihrem Beruf hat sie für viele Jahre mehrere Gänge heruntergeschaltet, um Zeit für Familie zu haben.

Es wäre nicht ganz einfach, diese Dinge zusammenzudenken, wenn man nicht ihr Buch gerade gelesen hätte. Drei Jahre hat sie daran gearbeitet, hat Frauen und Männer befragt, hat mit dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa gesprochen und mit der Politikerin Katrin Göring-Eckardt, interviewte Personalleiter, Familiensoziologen und Arbeitsforscher.

Zunächst eine Zustandsbeschreibung. Die junge Ingenieurin Marie, zwei kleine Kinder, ein Managerposten. Am Morgen das Hetzen zur Krippe, dann Büro, Meeting, 17 Uhr wieder zur Krippe, Einkaufen, Abendessen kochen, Kinder ins Bett bringen, eine halb durchwachte Nacht, weil der Sohn fiebert. Am nächsten Morgen beginnt der Wahnsinn von vorn.

Dazwischen das ständige Gefühl, alles nur halb gut, mit schlechtem Gewissen und am Ende aller Kraft zu machen.

Name und Beruf sind austauschbar, ansonsten dürfte das vielen Frauen bekannt vorkommen. Als Frau, sagt Eva Corino, habe man heute drei Optionen: Ein Leben als Mutter, als berufstätige Frau oder man versucht beides miteinander zu verbinden. Dann landet man schnell in einem Zustand, den sie „Gleichzeitigkeitswahn“ nennt. Ein noch schöneres Wort fällt Hartmut Rosa dazu ein: Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus.

Das klingt so erfrischend, wie der Zustand, den es beschreibt, der unter dem weichgespülten Label „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ debattiert wird. Ein Thema mit unzähligen Facetten und Nebenschauplätzen, ein Endlos-Thema, bei dem viele Frauen das Gefühl haben: Es gibt keine endgültige Lösung. Weil immer ein Rest bleiben wird, der sich weder mit männlicher Zuarbeit, noch mit Kita-Plätzen auflösen lässt. Der Preis, den Frauen immer zahlen werden, wenn sie vom Leben beides wollen.

Warum eigentlich, fragt Eva Corino und schlägt einen andren, einen vierten Weg vor, das „Nacheinander-Prinzip“. Die Rechnung geht etwa so: Unsere Lebenszeit hat sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts um 15 Jahre verlängert. Die könnte man nutzen, um Familienzeit und Karrierezeit zu entzerren. Mit einer Karrierepause, in der man sich der Familie widmet, um danach neu durchzustarten. Man könnte das Aufwachsen der Kinder bewusster erleben, müsste nicht Familienarbeit auslagern bis hin zum fremd-organisierten Kindergeburtstag, würde nicht jahrelang am Limit leben.

Und umgekehrt, würde man nicht in ein dunkles Loch fallen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Man hätte viele Jahre vor sich, in denen man sich im Beruf verwirklichen kann. Jede Lebensphase hat seine Zeit und die muss man sich nehmen dürfen.

Das klingt gut. Richtig verlockend sogar. Irgendwie logisch auch. Aber bevor man sich in diesen Gedanken verliebt, fallen einem Argumente dagegen ein.

Eine Karriere kann man auch mit Mitte 40 starten

Welche Frau kann es sich leisten, ihre Karriere jahrelang auf Eis zu legen? Während sie zu Hause Kindergeburtstage organisiert, haben sie die Kollegen längst abgehängt. Das Zeitfenster, in dem beruflich die Weichen gestellt werden, ist klein.

Welche junge Familie kann es sich erlauben, über Jahre mit nur einem Gehalt auszukommen?

Und, nicht zuletzt, welche junge Frau kann diesen Rückzug ins Private nach langer Ausbildung und einem ambitionierten Karrierestart wirklich wollen? Kollidiert das nicht mit dem Selbstverständnis der heutigen Generation junger Frauen?

Vielleicht, entgegnet Eva Corino, sei ja genau das ein Teil des Problems. Sie hat bei ihren Gesprächen junge Frauen getroffen, die sich eine längere Zeit mit ihren Kindern wünschen, sich aber nicht trauen, diesen Gedanken zuzulassen. Aus Furcht, als rückwärtsgewandt zu gelten.

Im Grunde, sagt sie, haben wir es doch mit einem neuen Tabu zu tun. Der berufliche Erfolg sei ein Fetisch unserer Zeit geworden, während Familienarbeit gering geschätzt wird. „Wenn die Gesellschaft nicht lernt, den Wert von Erziehungsarbeit anzuerkennen, kommen wir in der ganzen feministischen Debatte nicht weiter.“ Was wir brauchen, sagt sie, sind echte Wahlmöglichkeiten. Dafür müsste sich einiges ändern. Ein zweites Jahr Elterngeld zum Beispiel findet sie sinnvoller als ein zweites beitragsfreies Kitajahr, für das in Thüringen gerade die Weichen gestellt werden. Die Wahrnehmung von Alter muss sich ändern. Wir können, sagt sie, heute auch jenseits der 40 noch eine Karriere starten und länger arbeiten. Die Demografie spreche ohnehin dafür. Die Arbeit 4.0 mit flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice auch. Im Grunde sei das „Nacheinander-Prinzip“ eine Antwort auf die Veränderungen der Moderne.

In ihrem Buch beschreibt sie die Erfahrungen, wie das gehen kann. Die Ärztin, die Intendantin, die Wissenschaftlerin, die Therapeutin. Alle mit drei und mehr Kindern, alle sind für einige Jahre aus dem Beruf ausgestiegen, alle haben nach der Familienzeit eine zweite Karriere gestartet. Beeindruckende Geschichten, die allerdings bis auf eine Polizeibeamtin in den oberen Schichten spielen. Wie übertragbar sind solche Erfahrungen auf die Mehrzahl der Frauen?

Tatsächlich ist Qualifikation eine Schlüsselfrage, räumt Eva Corino ein. Die Beispiele erzählten ja auch, wie die Frauen die Pause genutzt haben, um sich weiterzubilden. Wer vor der Familienzeit schon im Beruf Fuß gefasst hat, dem fällt der Wiedereinstige leichter.

Doch nicht nur Lebensentwürfe und soziale Hintergründe sind verschieden, auch Prägungen. Die Mehrheit der porträtierten Frauen wurde, wie auch die Autorin, im deutschen Westen sozialisiert. Wo sich die feministische Bewegung lange am Bild der berufstätigen Mutter abarbeiten musste.

Im Osten war das bekanntlich anders. Dort gehörte die Berufstätigkeit allen Schieflagen zum Trotz zum Selbstverständnis der meisten Frauen. So manche junge Mutter hätte, selbst wenn es möglich gewesen wäre, auf eine berufliche Auszeit auf Jahre verzichtet.

Natürlich, versichert Eva Corino, sei ihr das bewusst. Kürzlich hat sie in Erfurt mit Frauen über ihr Buch gesprochen. Sie habe auch ein großes Bedürfnis gespürt, eigene Erfahrungen zu reflektieren. Ihr gehe es nicht um das Entweder-oder, sondern um echte Wahlmöglichkeiten.

Trotzdem. Die leidige Eva-Herman-Debatte fällt einem ein. Die Zurück-an-den-Herd-Debatte. Als sie vor mehr als zehn Jahren aufflammte, witterten vor allem im Osten Frauen in ihr einen Vorboten rückwärtsgewandter Rollenzuweisungen. Keine Angst, damit in einen Topf geworfen zu landen? Als zweiter „Eva-Knall“ missverstanden zu werden?

Eva Corino nickt, rührt im Cappuccino. Die Frage scheint sie nicht zu überraschen. Eva Herman, sagt sie, hat die Situation gut beschrieben, nur die falschen Schlüsse gezogen. Im Übrigen würde sie sich über eine rege Debatte freuen: Ich hoffe, dass richtig die Fetzen fliegen. Wir brauchen diese Diskussion.

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