Ausstellung "Schaffens(t)räume" in Gera

Ab heute zeigt die Kunstsammlung Gera Schaffens(t)räume. Atelierbilder und Künstlermythen in der ostdeutschen Kunst. Gemeinsam mit der Weimarer Ikarus-Ausstellung wagt sie eine neue Sicht auf die DDR-Kunst.

Eine Besucherin in der Ausstellung "Schaffens(t)räume. Atelierbilder und Künstlermythen in der ostdeutschen Kunst." in der  Kunstsammlung Gera.

Eine Besucherin in der Ausstellung "Schaffens(t)räume. Atelierbilder und Künstlermythen in der ostdeutschen Kunst." in der Kunstsammlung Gera.

Foto: zgt

Wenn Holger Saupe gestern die neue Ausstellung in seinem Haus vorstellt, freut er sich, dass hier zwei Konzepte gewissermaßen eine glückliche Ehe geschlossen haben.

Auf der einen Seite steht die Strategie der Geraer, aus ihrem eigenen Sammlungsbestand heraus Ausstellungsthemen zu generieren. Mancher wird sich an die jüngst gezeigten "Männerbilder" erinnern. Ausgehend von drei Otto-Dix-Bildern im Besitz der Sammlung, auf denen sich der Maler in Ateliersituationen darstellte, war auch die nun präsentierte Schau bereits vor Jahren konzipiert worden. Dass sie sich jetzt weitaus umfangreicher und opulenter präsentiert, ist dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung betriebenen Verbundprojekt "Bildatlas: Kunst der DDR" zu verdanken. Mit letzterem zusammen hat die Klassik Stiftung Weimar die Ausstellung "Abschied von Ikarus" gestaltet. Sie wird seit gestern im Neuen Museum in Weimar gezeigt und wagt, 13 Jahre nach der deutschlandweit heftig diskutierten Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" im Kulturhauptstadtjahr, einen um Forschung und Abstand erweiterten Blick auf den "Kunststaat DDR".

Die zentrale Präsentation in Weimar wird flankiert von zwei Ausstellungen in Gera und Erfurt. Das Angermuseum zeigt "Tischgespräche mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt", in der Orangerie Gera ist die Schau "Schaffens(t)räume. Atelierbilder und Künstlermythen" zu sehen. Das Gemeinschaftsprojekt ermöglicht Gera, weit über den eigenen Sammlungsbestand hinaus, Bilder von namhaften Künstlern zum Sujetkomplex Atelier zeigen zu können, diesen aber ganz konkret auf das künstlerische Schaffen in der DDR zu fokussieren.

Insgesamt werden 90 Gemälde von 76 Künstlern präsentiert. Zu ihnen gehört der langjährige Präsident des Verbandes Bildender Künstler Willi Sitte (Jahrgang 1921), der auch Mitglied des höchsten Führungsgremiums der SED war. Seine, mit Nackt- und Drallheit den Massengeschmack provozierenden Bilder vom sozialistischen Menschen waren ebenso umstritten, wie er als Hochschullehrer geschätzt wurde. Dazu gehört der gerade wieder durch das Jubiläum seines Panoramabildes in Bad Frankenhausen in den öffentlichen Fokus gerückte Werner Tübke (1929-2005), der mit Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer die Leipziger Schule begründete und als Lehrer eine ganze Generation von DDR-Künstlern prägte. Doch Sitte, Tübke, Heisig (1925-2011) und Mattheuer (1927-2004) haben eben nicht nur sozialistische Auftragswerke gemalt, sondern immer wieder auch sich selbst oder ihre Modelle im Atelier. In Gera sind Bilder zu sehen, deren Entstehungszeit zum Teil Jahrzehnte auseinander liegt. Allein das ist interessant und aufschlussreich. Doch die Schau versammelt nicht nur die erfolgreichen, von der DDR-Führung hofierten und, wie Spitzensportler, für eine strahlende Wirkung im Ausland benutzten "Malerfürsten". Auch ein Maler wie Peter Graf, Jahrgang 1937, der sich politischer Vereinnahmung entzog, indem er seinen Lebensunterhalt als Transportarbeiter verdiente, hat Atelierbilder gemalt.

Zu allen Zeiten, eindeutig auch zwischen 1945 und 1990 in der DDR, entstanden Gemälde, die das Malerische feiern, in denen sich die Maler ihrer Virtuosität vergewissern oder sie vorzeigen wie Hans-Peter Szyskas (geb. 1959) "Papierschrank" von 1984 oder Gerda Lepkes (geb. 1939) Ende der 60er Jahre entstandenes Gemälde "Innenraum mit Figur". Es gibt, heute in ihrer Skurrilität an Spitzweg erinnernde, gut gemeinte Versuche, die Forderungen der Parteiführung zu erfüllen, wie das Gemälde des Geraer Malers Rudolf Schäfer (1012-1973] "Der Bildhauer Otto Oetel im Atelier" von 1952 oder "Mein Arbeitsplatz in der MTS Krebitz", 1959 von Karlheinz Wenzel gemalt.

Sicher kann die Strategie der DDR-Maler, über mythologische Figuren, Zitate aus der Kunstgeschichte oder Symbole Kritik an der sozialistischen Gesellschaft zu üben, mit dem Ende der DDR keine Sprengkraft mehr entfalten. Es wäre spannend zu wissen, wie diese Bilder einmal von späteren Generationen gelesen werden.

Geht man von der Prämisse aus, auch das Motiv des Künstlers im Atelier zeigt, wenn es in der DDR gemalt wurde, ein "sozialistisches Menschenbild", vermittelt diese Ausstellung vor allem die Erkenntnis, dieses ideologische Etikett war damals fragwürdig und ist es immer noch.

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