DDR-Kunst erhält letzten Schliff in Tautenhain

Tautenhain/Gera/Erfurt  In Tautenhain setzen Restauratoren über 500 Teilflächen eines Wandmosaiks aus Erfurt wieder zusammen – auch mit Geraer Unterstützung.

1984 wurde das Wandmosaik von Josep Renau am damaligen Kultur- und Freizeitzentrum am Moskauer Platz in Erfurt eingeweiht, 2012 wurde es abgehangen.

1984 wurde das Wandmosaik von Josep Renau am damaligen Kultur- und Freizeitzentrum am Moskauer Platz in Erfurt eingeweiht, 2012 wurde es abgehangen.

Foto: Jens König

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Eine alte Plattenstraße führt in Tautenhain zum ehemaligen Kasernengelände. Dort haben drei Restauratoren seit einigen Tagen Quartier in einer alten Lagerhalle bezogen. Ihr Auftrag ist Teil eines aufwendigen Projektes der Stadt Erfurt, maßgeblich gefördert durch die Wüstenrot Stiftung aus Ludwigsburg. 2012 entschied sich die Landeshauptstadt, das 7 mal 30 Meter große Wand-Mosaik „Der Mensch in Beziehung zu Natur und Technik“ von Josep Renau abzuhängen. Es hing seit 1984 am früheren Kultur- und Freizeitzentrum am Moskauer Platz. Das wurde abgerissen und das Mosaik, das seit 2008 unter Denkmalschutz steht, zunächst eingelagert. Nach einer Zeit der Unschlüssigkeit entschied sich die Kulturdirektion 2014 dafür, das Werk wieder anzubringen. Für die zuvor nötige Restaurierung und Wiedererrichtung konnte die Wüstenrot Stiftung gewonnen werden.

Die Stiftung verfolge mit unterschiedlichen Projekten die Erforschung, Erhaltung und das Sichtbarmachen von kulturellem Erbe in Deutschland, zu dem auch das kulturelle Erbe der DDR zähle, heißt es in der Projektbeschreibung. Mit dem großen Wandmosaik von Josep Renau restauriere die Stiftung erstmals exemplarisch ein monumentales Werk architekturbezogener Kunst im öffent­lichen Raum der DDR.

Um das Wandbild abnehmen zu können, wurde es mit einer speziellen Säge in einzelne Teile zerschnitten, auf Paletten verteilt und in zwei Container eingelagert. „Das tat dem Material nicht gut“, sagt Thomas Knappheide, der für die Wüstenrot Stiftung die Projektsteuerung und das Baumanagement übernommen hat. „In den Containern gab es einfach zu starke Temperaturschwankungen, daher war der erste Schritt der Restaurierung, das Mosaik aus den Containern raus in ein Hoch­regallager zu schaffen.“ Zwei grundlegende Fragen habe man sich stellen müssen: „Wie kann das Mosaik restauriert und wo und in welcher Form soll es wieder aufgehängt werden?“

Der ursprüngliche Plan, das Kunstwerk wieder am neu errichteten Einkaufscenter am Moskauer Platz anzubringen, wurde verworfen. Nun soll es an einer eigens dafür gebauten Stahlbeton-Konstruktion am ehemaligen Standort wieder aufgehängt werden. „Dafür musste die Stiftung natürlich wesentlich mehr Geld in die Hand nehmen“, so Thomas Knappheide.

Auch die Restaurierung des sensiblen Mosaiks, das aus über 70.000 Glasfliesen besteht, ist ein kompliziertes Unterfangen. Realisiert wurde sie von den Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei Gustav van Treeck aus München. Um später kein Puzzle aus Zehntausenden Einzelteilen zu bekommen, konnte der alte, an den Fliesen haftende Mörtel nicht komplett abgefräst werden. Die Restauratoren haben also an den Rückseiten der Teilflächen bis zum Versetzmörtel gedünnt, gereinigt und das Schadensbild kartiert. Gebrochene Mosaikelemente wurden zusammengesetzt oder komplett erneuert. „Der Beschädigungsgrad war größer als gedacht“, so Thomas Knappheide.

Betonsegmente wurden in Gera gefertigt

Fünf Jahre nach dem Projektstart werden nun aktuell entscheidende Schritte der Sanierung in Ostthüringen ausgeführt. So soll das Wandmosaik auf zwölf einzelne Betonsegmente appliziert werden, die im Frühjahr dieses Jahres bei Hofmann Betonbau in Gera-Langenberg hergestellt worden sind. „Das war ein toller Auftrag“, sagt Geschäftsführer Christian Voigt. Jedes Segment misst 2,40 mal 7 Meter, einige davon sind gekrümmt. „Das ist sicher auch der Hauptgrund, warum wir für diesen Auftrag angefragt worden sind.“ Sein Unternehmen habe sich vor allem bei geome­trisch schwierigen Formen ein gutes Renommee erarbeitet.

„Wir haben dann im Umland von Erfurt nach einer passenden Lagerhalle gesucht, in die man die Betonelemente mit einem Kran herein heben könnte“, erzählt Thomas Knappheide. „Tautenhain war wirklich ein Glücksgriff.“ Zumal der Weg für Hofmann Beton zum Transport der tonnenschweren Segmente so auch überschaubar bleibt.

Die zweite Woche sind nun drei Restauratoren dabei, exakt 504 Fliesen-Teilflächen – jede misst 1,13 Meter mal 37 Zentimeter – auf die Betonsegmente zu kleben. „Die sind dafür extra noch sandgestrahlt worden, damit der Fliesenkleber besser haftet“, erklärt Christian Voigt.

„Wir müssen immer ganz genau ausmessen, damit wir die einzelnen Platten ohne Versatz kleben“, erläutert Steffi Wirsing-Nolte. Die Schwierigkeit liege darin, dass manche Fugen ziemlich krumm sind, und man sich so nicht daran orientieren könne. Die Bedingungen für ihre Arbeit in der Tautenhainer Halle seien aber ideal – „es ist trocken und die Temperatur stimmt auch.“ Zunächst hat nur die Hälfte der Segmente in der Halle Platz gefunden. Sind diese fertig beklebt, rollt wieder der Kran an, um die nächsten sechs Betonteile in die Halle zu hieven. „Danach wird vermutlich jedes Betonteil einzeln mit einem Schwertransport nach Erfurt gefahren“, sagt Thomas Knappheide. Dort sollen die Segmente Anfang Oktober an der dafür gebauten Konstruktion wieder ein Ganzes bilden.

Wie teuer die Sanierung des Renau-Mosaiks geworden ist, soll vorher noch nicht kommuniziert werden. „Ich kann nur so viel sagen: das anfängliche Budget hat sich verdoppelt“, meint Thomas Knappheide.

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