Der Seiteneinsteiger in der Turnhalle

Gera.  Als Therapeut wollte er nicht länger arbeiten. Trainererfahrungen hat er. Da lag die Bewerbung beim Schulamt nahe.

Stefan Kneisel (43) ist Diplomsportwissenschaftler und seit Schuljahresbeginn 2019/20 Seiteneinsteiger an der Vierten Regelschule in Gera-Lusan. Dort unterrichtet er hauptsächlich Sport.

Stefan Kneisel (43) ist Diplomsportwissenschaftler und seit Schuljahresbeginn 2019/20 Seiteneinsteiger an der Vierten Regelschule in Gera-Lusan. Dort unterrichtet er hauptsächlich Sport.

Foto: Sylvia Eigenrauch

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Ohrenbetäubendes Stimmengewirr erfüllt die Turnhalle der Vierten Regelschule in Gera-Lusan. In vier Gruppen wetteifern die Schüler der 5a bei den Fitnessübungen um den Gruppensieg. Mittendrin steht Stefan Kneisel. Seine Trillerpfeife ertönt. Start für den nächsten Durchgang. Auf der Bank balancieren, Hockstrecksprung auf der Matte, den Medizinball auf einer Slalomstrecke rollen und im Laufschritt zurück. Die Mädchen kreischen und feuern den letzten Läufer an.

Viel leiser wird es nicht, wenn der neue Sportlehrer die Regeln für den nächsten Durchgang erklären will. „Manchmal muss er auch schreien, weil manche nicht hören“, sagt ein Junge, der wegen seines Hustens den Sportunterricht als Zuschauer erlebt. „Er ist echt toll, wenn wir Blödsinn machen, schimpft er nicht gleich“, meint eine Fünftklässlerin.

„Tatsächlich dauert es mitunter fünf Minuten, ehe Ruhe einkehrt. Es fällt vielen schwer, konzentriert zuzuhören, nicht nur im Sportunterricht“, sagt der Lehrer, der im August als Seiteneinsteiger an die Schule kam. Damit ist er laut Thüringer Bildungsministerium einer von zehn Seiteneinsteigern in Ostthüringen, die in diesem Jahr zwischen Januar und August in den Schuldienst wechselten. „Bis jetzt habe ich es nicht bereut“, sagt der 43-Jährige.

18 Jahre als Therapeut gearbeitet

Stefan Kneisel hat ein Diplom als Sportwissenschaftler. „Ich habe immer am Menschen gearbeitet. Jetzt eben auf eine andere Weise“. 18 Jahre war er Therapeut in der Prävention und Rehabilitation. „Ich bin ein bisschen müde“, gesteht er. Er hatte die Aussicht, in ein neues Rehazentrum zu wechseln. „Aber die Arbeit dort würde mich nicht mehr befriedigen“, sagt der Geraer, der sich auch deshalb beim Schulamt Ostthüringen für die unbefristete Stelle bewarb. Dort habe man seine Interessen abgefragt und ihm einige Schulen zur Auswahl vorgeschlagen. „Ende Juni musste ich mich innerhalb von drei Tagen entscheiden“, erzählt er.

Weil er in der Stadt bleiben will, fällt seine Wahl auf die Vierte Regelschule. „Ich wusste nicht ganz genau, was auf mich zukommt, ich wusste nur, dass das Kollegium einen guten Ruf hat“. Was erzählt wird, findet er seit Schuljahresbeginn bestätigt. „Ich kann es nicht anders sagen, das ist so“.

Pädagogische Schulung vertagt

„Ich bin froh, dass er an unsere Schule wollte“, sagt Schulleiterin Britta Stiller. „Wir haben ihn als neuen Kollegen mit einer Schultüte begrüßt“. Im Sportunterricht sei er definitiv eine Entlastung. Freiwillig habe er zudem den Werkunterricht in den Klassen 5 und 6 übernommen. Hier macht sie eine Pause. „Es gibt etwas, dass beim Umgang mit Quereinsteigern verbesserungswürdig ist“, sagt die 57-Jährige, die seit 2009 die Schule leitet.

Für die pädagogisch-praktische Nachqualifikation am Studienseminar wird ein Seiteneinsteiger mit Hochschulabschluss ein Schuljahr lang einen Tag vom Unterricht freigestellt. „Im Sommer habe ich erfahren, dass es wahrscheinlich erst ab Februar 2020 klappt“, bedauert Stefan Kneisel. Seine Chefin auch. „Da würde ich mir wünschen, dass jeder Quereinsteiger, der ernsthaft an einer Lehrerstelle interessiert ist, gleich zu Beginn des Einsatzes qualifiziert wird“. Der zunächst nicht genutzte Qualifizierungstag ist nun jener, an dem Stefan Kneisel Werken unterrichtet. Ob es tatsächlich im Februar losgeht, weiß er noch immer nicht.

Erfahrungen mit Seiteneinsteigern hat die Vierte Regelschule. Zwei Lehrerinnen kamen so schon ins Kollegium, zu dem heute 20 Pädagogen gehören. Eine von ihnen bringt pädagogische Erfahrungen im Bereich Kunst mit, eine andere kommt aus der Berufsschule und unterrichtet Deutsch als Zweitsprache. „Im Moment fehlt eine Elternzeitvertretung“, sagt die Schulleiterin. Deshalb wird Kunst nur in den 9. und 10. Klassen, den Abschlussklassen, unterrichtet.

Triathlontrainer beim TSV 1880 Gera-Zwötzen

„Zuhören!“, ruft Stefan Kneisel seiner Sportklasse zu. „Der Ball bleibt jetzt in der Hand, er ist der Staffelstab“. Mit Kindern umzugehen, versteht der zweifache Vater. Seit 2013 trainiert er beim TSV 1880 Gera-Zwötzen junge Leute im Triathlon. Vorher schon war er Fußballtrainer. „Viele sind lieb, aber unaufmerksam“, sagt er. Man merkt ihm an, dass es ihm nicht gleichgültig ist.

„Das hast du richtig gemacht“, habe er schon mehrfach von Freunden gehört. „Ich verdiene nicht mehr als normale Lehrer, aber mehr als vorher. Und mehr Zeit für meine Familie habe ich jetzt auch“, meint der neue Lehrer. „Manche sagen über mich, dass ich gern andere belehre. Das kann ich jetzt ausleben“, sagt er lachend.

„Ich schätzte an ihm, das er sich der Herausforderung stellt und dass er sich dieser an unserer Schule stellt“, sagt seine Chefin Britta Stiller. „Er fragt und nimmt Rat an. Er ist ein liebenswerter Mensch und Kollege“.

Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf

- 2015 stellte Thüringen 500 Lehrer neu ein, davon kamen damals vier als Seiteneinsteiger, was einem Anteil von 0,8 Prozent entsprach

- 2018 gab es 866 Neueinstellungen, darunter 42 Seiteneinsteiger, das entspricht 4,9 Prozent

- Zwischen Januar und August starteten in Ostthüringer Schulen 10 Seiteneinsteiger. Eine Geraer Zahl lag dem Bildungsministerium nicht vor.

- Zwei Drittel der Seiteneinsteiger werden gegenwärtig an Regelschulen eingesetzt und decken dort vor allem die Fächer ab, für die es den größten Lehrermangel gibt: Mathematik, Naturwissenschaften, Musik und Kunst

- Im Schuljahr 2018/19 waren in ganz Thüringen 17.105 Lehrerinnen und Lehrer im Schuldienst im Einsatz. davon entfielen 4367 Lehrkräfte auf Ostthüringen und davon 796 auf Gera

- aktuell sind auf der Internetseite www.erste-reihe-thueringen. de in Gera zwei Stellen ausgeschrieben: am Förderzentrum „Am Brahmetal“ und an der Integrierten Gesamtschule

- Der Einstieg für Seiteneinsteiger ist sehr kurzfristig möglich, also auch im laufenden Schuljahr

(Quelle: Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport)

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