Die Arbeit im Tierheim Gera: Seit Jahren mehr als ein Beruf für sie

Held der Herzen: Unsere Serie stellt Geraer vor, die nicht im Rampenlicht stehen, die aber durch ihre leidenschaftliche Arbeit aufgefallen sind. Vorgeschlagen wurden alle von unseren Lesern. Heute: Bärbel Zimmer

Bärbel Zimmer, Leiterin des Tierheims Gera, mit ihrem Lieblingshund Flash. Foto: Christiane Kneisel

Bärbel Zimmer, Leiterin des Tierheims Gera, mit ihrem Lieblingshund Flash. Foto: Christiane Kneisel

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Gera. Für das Foto holt Bärbel Zimmer ihren Lieblingshund Flash. Das vier Jahre alte Tier, ein Straßenhund aus Rumänien, tollt um ihre Beine. Ständig sucht er den Blickkontakt zu Bärbel Zimmer. Er scheint sich unbändig zu freuen. Fotoshooting mit dem Vierbeiner - kein Problem.

Seit 20 Jahren arbeitet Bärbel Zimmer im Tierheim Gera. "Für sie ist ihre Arbeit kein Beruf, sondern Berufung", bricht Sohn Xaver Zimmer eine Lanze für seine Mutter. Er ist es auch, der sie als Heldin des Alltags vorgeschlagen hat.

Obwohl sie seit der Kindheit etwas mit Tieren machen wollte, kam die gebürtige Ronneburgerin erst über etliche Umwege zu diesem Beruf. Eine Lehre als Zootechnikerin hat sie gemacht, nach der Wende wurde sie zur Bürokauffrau umgeschult und arbeitete in einem Steuerbüro. "Aber das war überhaupt nicht meins", gesteht die 50-Jährige. Irgendwann arbeitslos geworden, hörte sie, dass eine ABM-Stelle im Tierheim frei geworden war. Hartnäckig kämpfte sie beim Arbeitsamt darum - und bekam sie schließlich im August 1994. "Es hätte nichts besseres passieren können", resümiert sie heute. Die Dankbarkeit, die man von den Tieren wiederbekommt, sei vor allem das, was ihren Traumberuf ausmache.

Seit März 1997 leitet Bärbel Zimmer die Einrichtung. Von 365 Tagen im Jahr ist sie vielleicht 14 Tage abwesend, mal im Urlaub. Selbst an freien Wochenenden findet man sie am Nachmittag in der Einrichtung in Milbitz. "Die Hunde in der Quarantäne können nicht raus, weil Sonntagnachmittag keiner mehr da ist. Sie tun mir leid. Ich muss dann einfach hin und kann da nicht zu Hause sitzen." Glücklicherweise wohnt Bärbel Zimmer nur drei Kilometer entfernt. In ihrem Zuhause in Untermhaus sorgt sie sich außerdem noch um zwei Pflegehunde und zwei Katzen.

Im Tierheim kümmert sie sich derzeit intensiv um Patenhund Flash, der mit schlimmen traumatischen Erfahrungen nach Gera kam. Bärbel Zimmer hat ihn resozialisiert, mit ihrem Team sucht sie nun ein neues Zuhause für ihn. "Es muss ein besonderes Zuhause sein, ohne Katzen und Vögel, da er sich früher davon mal ernährt hat. Da ist sonst das Risiko zu groß. Dieser Hund darf im Gelände niemals losgebunden werden."

Bärbel Zimmer kennt all ihre Schützlinge im Tierheim genau, ihre Vorlieben, ihre Charaktere. Zu jedem kann sie eine Geschichte erzählen. Meistens eine traurige. Da gab es den wunderschönen Mischling Bones, der in Leipzig operiert wurde, aber dessen Leben doch nicht mehr zu retten war. Oder da ist Flashs Freundin Tinkerbell, ebenfalls ein Straßenhund, für den sich vor kurzem glücklicherweise ein neues Herrchen fand.

Von diesen und anderen Tierschicksalen schreibt Bärbel Zimmer seit einem halben Jahr in Tagebuch-Einträgen auf Facebook. Auch, um emotionale Geschichten für sich selbst besser verarbeiten zu können. "Wenn diese mich nicht mehr berühren würden, wäre ich hier fehl am Platz", ist sie sicher. Meistens "berichtet" Hund Satan für sie über die Erlebnisse. "Er kann halt auch mal sagen, alles ist blöd oder kann mal seinen Frust rauslassen, ich als Tierheimleiterin darf das ja nicht", meint sie schmunzelnd. Fast 3000 Likes hat die Seite mittlerweile.

Konnte ein Tier - wie letztens Tinkerbell - vermittelt werden, fährt Bärbel Zimmer auch mal 250 Kilometer auf eigene Kosten, um das Tier abzugeben. Sie will sich einfach persönlich davon überzeugen, ob das Tier ein schönes Zuhause bekommt, ob die Leute gut mit den Tieren umgehen können.

Von 7 Uhr bis 18 Uhr ist Bärbel Zimmer im Dienst. Hundezwinger und andere Tierplätze säubern, Futter austeilen, Hunde bürsten, Gassi gehen, Besucher betreuen... Der Tag ist lang. 25 Hunde, rund 80 Katzen, acht Vögel, außerdem einige Kaninchen, Meerschweinchen, Degus und Chinchillas leben derzeit im Geraer Tierheim. Als Leiterin hat Bärbel Zimmer zudem tägliche Verwaltungsaufgaben auf dem Tisch: Tierein- und -ausgänge, Lohnabrechnungen für ihre sieben Mitarbeiter. Oft nimmt sie Schreibkram mit nach Hause - weil sie sich vor Ort lieber um das Praktische kümmert, um alleingelassene Katzen, Vögel, Hunde. Schon von ihrer anderthalbjährigen Enkeltochter wird sie liebevoll "Wau-wau-Oma" genannt.

Bärbel Zimmer regt immer noch auf, wenn sich Leute unüberlegt Tiere anschaffen. "Sie haben kein Geld, sie haben keine Zeit und sie sind mit der gesamten Situation überfordert und denken, dass ein Haustier ein Allheilmittel ist." Sie ärgert sich, wenn Besitzer ihren Hund nicht erziehen und dann lieber abgeben, wenn er ausgewachsen ist, anstatt mit ihm eine Hundeschule zu besuchen. Oder wenn Leute nur ein Kaninchen oder Vogel halten, weil sie glauben, sie selbst sind die Bezugsperson für das Tier. "Da vegetiert das arme Tier allein vor sich hin."

Einerseits sei das Verhätscheln der Tiere, was oft an Pensionstieren gemerkt wird, ein Problem, andererseits das Verwahrlosen. Wobei Bärbel Zimmer festgestellt hat: "Die Tiere, die aus den schlimmsten Verhältnissen kommen, sind immer die besten, sehr dankbar ,weil sie hier erst einmal den Himmel auf Erden haben. Einen Hund haben sie und ihr Team vier Mal vermittelt. Immer kam er zurück ins Tierheim, wollte einfach dort bleiben, so prägend waren die dortigen Erlebnisse für ihn nach schlimmer Zeit. Schließlich ist er nach neun Jahren auch da gestorben. "Wir können hier nicht alle Fehler wieder geradebiegen. Schon deshalb nicht, weil beispielsweise über 20 Hunde im Hundehaus sitzen, denen wir allen irgendwie gerecht werden müssen." Gerecht werden möchte Bärbel Zimmer auch zwei Patenhunden in Rumänien und Paten-Wölfen im Bärenpark Worbis, scheut dafür weder Zeit und Mühe.

Übrigens, mit manch kleinem Tier steht sie auf Kriegsfuß: Frösche und Kröten sind ihr ein Gräuel. Wer das ausgeplaudert hat? Hund Satan - auf Facebook.