Ein Museumsschiff namens „Gera“: Bremen hält es in maritimen Ehren

Marius Koity
| Lesedauer: 8 Minuten
Das Museums- und Fischereimotorschiff „Gera – ROS 223“ an einem wolkenverhangenen Tag im Fischereihafen von Bremerhaven. Foto: Marius Koity

Das Museums- und Fischereimotorschiff „Gera – ROS 223“ an einem wolkenverhangenen Tag im Fischereihafen von Bremerhaven. Foto: Marius Koity

Foto: zgt

Bremerhaven  Gera: Wenn sie diesen Namen hören, wissen Menschen in Bremerhaven sofort Bescheid. An die Stadt Gera denken sie dabei kaum. Der Seitentrawler Baujahr 1961 markierte den Höhepunkt einer technischen Entwicklung und wird in seinem Nordsee-Liegeplatz liebevoll als Museumsschiff betreut.

Im Fischereihafen von Bremerhaven liegt nämlich als Museumsschiff der letzte deutsche Seitentrawler. Die einstige DDR-Bezirksstadt Gera war ihm 1961 Namenspate.

In jenem Jahr wurden sowohl in Ost-, als auch in Westdeutschland die letzten Fischereimotorschiffe dieser Art in Betrieb genommen. Technisch ausgereift und mit seinerzeit modernen Einrichtungen versehen, markiert die „Gera“ das Ende der Seitentrawler-Ära in der Hochseefischerei. Das halten Anja Benscheidt und Alfred Kube in einem reich illustrierten 56-seitigen Buch über das Schiff fest.

Die beiden Wissenschaftler stehen dem Historischen Museum Bremerhaven vor, das sich des schwimmenden technischen Denkmals annimmt. Kube hat das Schiff im Frühjahr 1990 vor der Verschrottung gerettet und Benscheidt sich um einen Freundeskreis verdient gemacht, der es ehrenamtlich betreut. Die letzte Fahrt der „Gera“ von Rostock nach Bremerhaven endete am 15. Juni 1990, als sie volksfestartig mit allen maritimen Ehren in der Nordseestadt empfangen wurde.

Der „Motor-Trawler Typ III, Klasse: A I (Eis) Fischerei“ wurde 1956 von Spezialisten der Rostocker Neptunwerft entwickelt. Als drittes von fünf Schiffen dieser Baureihe wurde die „Gera“ 1959/1960 auf der Peenewerft in Wolgast gebaut und am 14. Oktober 1961 auch mit der Kennung ROS 223 in den Dienst des volkseigenen Fischkombinates Rostock gestellt.

Wenn man vom Kai über eine kleine Brücke das Deck betritt, sieht irgendwie alles so aus, wie man es aus Filmen mit Fisch­kuttern kennt. Geraer sollten am Brückenhaus ihren unübersehbaren Löwen erkennen.

Hinter dem ersten Schott allerdings, in der Transitkammer, wird man von einem schwer definierbaren Geruch empfangen. Es ist, als ob einem der Atem des einstigen Fischfangschiffes entgegenschlagen wurde. Es könnte auch der Schweiß der Hochseefischer sein.

Deren Knochenarbeit in einem heute sehr rustikal erscheinenden Umfeld wird einem nach und nach bewusst. Es drängt sich die Wendung „Helden der Arbeit“ auf, allerdings mal ohne Ironie.

Der Rundgang, das Auf und Ab durch das Schiff ist eine Zeitreise. DDR pur. Vertäfelungen mit einem Glanz, wie er heutigen Großmüttern in ihren besten Zeiten eine Freude war. Toiletten in einem Minimalismus, den heutige Großväter von ihrer Zeit bei der Fahne kennen. Sitzmöbelbezüge wurden in den 1970-ern zum Teil erneuert, die Kombüse in den 1980-ern.

Ein Kalender mit halbnackten Frauen in einer Mannschaftskammer scheint zur letzten Arbeitseinsatzfahrt angeschafft worden zu sein, die die „Gera“ im März 1990 – zu diesem Zeitpunkt nur noch Zubringer- und Versorgungsschiff – vor Mauretanien führte. DDR-Erinnerungsstücke wie ein „Neues Deutschland“ aus Bleidruckzeiten auf dem Tischchen eines Offizierszimmerchens sind wohltuend sparsam und genauso sorgfältig eingesetzt wie die Multimedia-Elemente. Die erklären dem Besucher etwa den Vater-und-Sohn-Antrieb des Motorschiffes nicht zuletzt mit der ohrenbetäubenden Geräusch­kulisse. Nichts lenkt ab vom Original. Der Rundgang ist ein bisschen wie Programmkino.

Dieses besuchen etwa 20 000 Menschen pro Jahr, wobei Gäste nur von April bis Oktober auf das Schiff können, informiert Museumsdirektor Alfred Kube. Woher die Gäste kommen, wird nicht erfasst. „Aber es gibt relativ viele Besucher aus den neuen Bundesländern, insbesondere aus der Küstenregion, die meist gezielt die ‚Gera‘ besuchen.“

Von Harald Bütecke an der Museumskasse ist zu erfahren, dass immer wieder Mal einstige „Gera“-Fahrer mit großer Familie die eine oder andere Stunde auf dem Schiff verbringen. Und beispielsweise von 48-Stunden-Schichten bei jedem Wetter hinter Grönland oder so erzählen.

Ein Hinweis auf die Arbeits­bedingungen an Bord ist auch, dass eine Offizierskammer irgendwann zum Sanitätsraum umgerüstet wurde. Arzt an Bord spielte meist der Kapitän.

Inklusive Politoffizier zählte die Besatzung bis zu 34 Mann, die nicht mehr als etwa 27 Tage auf See bleiben konnte. Weil sonst der Sprit zur Neige ging und vor allem der Frischfisch dann keiner mehr war.

Gäste aus den Namenspatenstadt erhalten natürlich keinen Nachlass auf den Eintrittspreis, der ohnehin symbolisch ist. Gibt es irgendwelche Kontakte zwischen der „Gera“ in der Weser und Gera an der Weißen Elster? Gab es, zarte Bande, vor 20 Jahren. Was war, ist eingeschlafen. Zu offiziellen Besuchen sei es nie gekommen, berichtet Alfred Kube. Die Ost-Kontakte des Museums beschränken sich auf die Region des ehemaligen Heimathafens Rostock.

Fragen denn Besucher überhaupt, wofür der Schiffsname steht? „Kommt vor“, antwortet Harald Bütecke. „Und dann erklären wir, dass es eine Stadt in den neuen Bundesländern ist.“

Ob Geraer jemals auf der „Gera“ fuhren, ist nicht bekannt. Aber Sachsen waren wohl unter den Matrosen. Und habe einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ihnen eine Anekdote in den Erläuterungen zur Kombüse gewidmet wird.

Ein Ehepaar, das sich als „aus der Nähe von Trier“ stammend vorstellt und mit dem man in den engen Gängen des Schiffes fast zwangsläufig ins Gespräch kommt, verortet Gera jedenfalls in Sachsen. Um kein Geld der Welt hätte er auf dem Trawler angeheuert, sagt am Ende der Mann. Üppige 3000 DDR-Mark soll es einst pro Fahrt gegeben haben. War das die Motivation für die Schinderei bar jeder Seefahrtsromantik?

Solche Fragen sind natürlich nichts für zwei Jungen unter der Aufsicht eines mit norddeutscher Einfärbung sprechenden Mannes. Die Kinder suchen auf der Kommandobrücke das Handrad-Steuer, finden es nicht und fällen ein Urteil: „Uncool.“ Falsches Urteil. Denn die „Gera“ wurde per Knopfdruck gesteuert und war damit seinerzeit moderner als viele westdeutsche Schiffe dieser Art. Erst auf dem Achterdeck findet sich ein Holzsteuerrad – das Notruder, das nie benutzt worden sei. Die anscheinend anti­autoritär erzogenen Enkel des Mannes können dem Dampfer so gar nichts abgewinnen. Der Alte muss schließlich mit Fischstäbchen-Entzug drohen, damit die Bengel auf­hören, an Ausstattungen zu zerren, die ausnahmsweise nicht zum Anfassen sind.

Neben dem Bremerhavener Förderkreis der „Gera“, dessen Mitglieder beispielsweise Verschleißteile von Hand nach­bauen, schaut auch ein altersbedingt schrumpfender Freundeskreis früherer DDR-Hochsee­fischer, wie dem Trawler Gutes getan werden kann. Das maritime Denkmal wird vom Europäischen Fischereifonds gefördert. Für den Unterhalt kommen die Stadt Bremerhaven, die das Schiff 1990 für eine symbolische D-Mark gekauft hatte, die Fischereihafenbetriebsgesellschaft und der Förderkreis Historisches Museum auf.

Nordseeurlauber finden die „Gera“ zwar eher zufällig. Sie liegt allerdings sehr schön in der Nachbarschaft mehrerer Fisch­restaurants und -märkte. Einheimischen werden regelmäßig Aktionstage angeboten, an denen die voll funktionstüchtigen Maschinen angeworfen werden und ehemalige Hochseefischer die Arbeit auf einem Seitentrawler vorführen. „Diese Aktionstage sind ein wichtiger Teil der maritimen Identität von Bremerhaven, das früher der größte Fischereihafen des Kontinents war“, erläutert Alfred Kube.

Neben der 1995 erschienenen Monographie „Der letzte deutsche Seitentrawler – Hochseefischereigeschichte auf dem Museumsschiff ‚Gera‘“ von Anja Benscheidt und Alfred Kube wurde im selben Jahr für Kinder das Heft „Seitentrawler ‚FMS Gera von 1961“ herausgegeben, das Karton-Bögen zum Nachbau des Bootes im Maßstab 1:100 enthält. Sehr aufschlussreich ist auch die Internetpräsenz des Seefahrts-Oldtimers.

Bremerhaven kann man bescheinigen: Die „Gera“ wird in Ehren gehalten.

Näheres unter www.museumsschiff-gera.de