Gera: Gründer brauchen einen Plan B

Gera.  Wie Existenzgründer in Gera versuchen, ihre gastronomischen Betriebe trotz Corona zum Laufen zu bringen.

Michael Müller vom Plan B im Steinweg wollte im November eigentlich eröffnen.

Michael Müller vom Plan B im Steinweg wollte im November eigentlich eröffnen.

Foto: Peter Michaelis

„Schlechter hätte ich es als Existenzgründer in der Gastronomie nicht treffen können“, resümiert Kevin Pagenkopf. Der Inhaber der Schaubrauerei Zapfhahn auf dem Steinweg 7 wollte im Frühjahr durchstarten. Im März kam der erste Lockdown und mit ihm folgten die Lieferprobleme für seine Bieranlage. „Ein halbes Jahr später am 24. Juli habe ich mein Geschäft endlich eröffnen können. Ich bin mit dem Brauen gar nicht hinterhergekommen.“ Laden und Bier liefen gut. Zwischendurch gab eine produktionswichtige Pumpe der im Dauerbetrieb befundenen Anlage den Geist auf. Pagenkopf und seine Freunde beseitigten das Problem.

Als alles in Schwung gekommen war, folgte das nächste Aus. „Im ersten Moment habe ich mich wie im falschen Film gefühlt“, so der 34-Jährige. „Nun beginnt wieder ein fast endloser Papierkrieg mit dem Ausfüllen von Unterlagen, damit ich die versprochene staatliche Unterstützung erhalte.“

Da Kevin Pagenkopf die Verluste durch die Schließung schnell kompensieren will, wird die geplante Flaschenabfüllanlage nicht erst am Jahresende stehen, sondern jetzt. Ende der Woche soll die Anlage funktionstüchtig sein, um Flaschenbier zu verkaufen. Eile ist geboten. Die Etiketten sind schon fertig. „Mehrere 1000 Liter Bier produzierte ich auf Vorrat. Es braucht ja seine Reifezeit.“ Er hofft, dass er sein Gersch bald in Flaschen füllen kann. Sonst war die Arbeit umsonst.

Manchmal habe ich schon die „Schnauze voll“, gibt der sonst so fröhliche Pagenkopf zu. „Als Existenzgründer kann ich mir noch kein Polster zulegen. Einen Koch, den ich erst im September eingestellt habe, ist jetzt in Kurzarbeit.“

Familie, Freunde und die Mitglieder des Pohlitzer Maibaumsetzverein helfen und sprechen dem jungen Unternehmer Mut zu, durchzuhalten. Trübsal blasen will Kevin Pagenkopf nicht. „Ich habe mir Schritt um Schritt die Schaubrauerei aufgebaut. Solche Zeiten bedeuten flexibel zu sein, also braucht es Plan B und der ist eben die Abfüllanlage.“

Der lag sofort bei Bang Co Doan und ihren Kindern auf dem Tisch. Die Vietnamesin ist Inhaberin vom Marktblick – Me Oi, Markt 11. Erst Mitte Oktober eröffnete sie im Zentrum der Stadt das kleine Restaurant. „Mit Suppen und Sandwiches aus der traditionellen vietnamesischen Küche sowie hausgemachten Limonaden möchte ich meine Gäste verführen“, sagt die 56-Jährige verbeugt sich leicht und lächelt. „Unsere Kultur besagt: Man muss das Beste aus einer Situation machen.“ Unverdrossen steht Me Oi (deutsch Mama) in der blitzblanken Küche und bereitet die Speisen zu. An ihrer Seite weiß sie ihre Kinder.

Als der Lockdown drohte, hat sich die Familie zusammengesetzt und nach Lösungen gesucht: Wie wirtschaften wir am besten, um Verluste zu minimieren, ohne dass die Qualität leidet. „Gäste können jetzt Essen bei uns bestellen und selbst abholen. Auch Lieferservice bieten wir an. Die sehr guten Bewertungen der Gäste sprechen für uns.“ Chefin Bang Co Doan: „Bei uns gibt es nichts Frittiertes. Gebacken wird mit Heißluft. Alles ist täglich frisch zubereitet.“

Gleich Plan B – Das Manufaktur-Café haben Sandra und Michael Müller ihr Neustart auf dem Steinweg genannt. Es bietet insgesamt 20 Plätze und sollte am Freitag erstmals seine Türen öffnen. Der Lockdown stoppte den Plan. „Es trifft uns wirtschaftlich sehr hart. Wir können aber die Corona-Maßnahmen nachvollziehen. Da müssen wir nun durch. Wir überlegen, ob wir vielleicht demnächst mit einem Abholservice starten“, sagt Inhaberin Sandra Müller.

Die beiden Geraer führten einst die Szenekneipe „Die Manufaktur“ mit Restaurant, Bar und Tattoo-Studio in der Humboldtstraße. Als das Virus kam und sie schließen mussten, war das der Anstoß, sich geschäftlich zu verändern. Das Paar wollte Gera den Rücken kehren. In Leipzig, einer modernen und trendigen Stadt, sahen sie ihr Ziel. „Wir hatten uns schon einige Läden angeschaut.“ Schließlich gaben Sandra und Michael Müller sich und Gera noch eine Chance. Viel Arbeit steckt in dem kleinen selbst umgebauten Café mit den Möbeln im Vintage-Stil.