Geraer Großfamilie muss seit zehn Monaten zu Fuß in die siebte Etage

Gera  In einem Elfgeschosser in der Straße des Bergmanns ist der Fahrstuhl seit September defekt. Die Mieter schlagen Alarm.

Seit zehn Monaten muss Marc Kreßner und seine bald zwölfköpfige Familie mehrmals täglich über hundert Stufen bis in den siebten Stock laufen. „Nicht mal die Post läuft bis zu uns hoch, um Pakete zuzustellen. Die werfen nur den Zettel rein und klingeln nicht mal“, sagt er.

Seit zehn Monaten muss Marc Kreßner und seine bald zwölfköpfige Familie mehrmals täglich über hundert Stufen bis in den siebten Stock laufen. „Nicht mal die Post läuft bis zu uns hoch, um Pakete zuzustellen. Die werfen nur den Zettel rein und klingeln nicht mal“, sagt er.

Foto: Conni Winkler

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Ein Alptraum. Die Frau mit dem zwölften Kind schwanger, Wocheneinkäufe in der Größenordnung mehrerer voller Einkaufskörbe, sommerliche Hitze und Fahrstuhl im Elfgeschosser defekt, und das schon seit September 2018. Das Gebäude in der Straße des Bergmanns in Gera gehört der Vivet Immobilien Gesellschaft. Diese lässt ihre Gebäude durch die Vivet Asset Management Gesellschaft verwalten, die ihren Firmensitz im Elstercube in Gera hat.

Einer ihrer Mieter ist Marc Kreßner, der mit seiner bald zwölfköpfigen Familie im siebten Stock des Gebäudes wohnt. Seine Frau und die Kinder wollen nicht namentlich benannt werden. Zwei der zwölf Kinder wohnen mittlerweile nicht mehr bei der Familie. Jeden Tag trägt er den anderthalbjährigen Sohn und das sechs Monate alte Baby die Treppe hinauf und hinunter inklusive Wickeltasche und Babyschale, die anderen Kinder im Schlepptau und bugsiert die Kleinen morgens in den Kindergarten. Dazu kommen die täglichen Einkäufe, denn ein Wocheneinkauf ist undenkbar. Der ließe sich gar nicht auf einmal hochtragen.

Dazu kommt, dass den 30-Jährigen täglich starke Rückenschmerzen plagen. Er habe bereits – wen wundert es – zwei Bandscheibenvorfälle erlitten wegen der vielen Schlepperei, wie er sagt. In seiner Not hat er sich einen mobilen Flaschenzug für das Treppenhaus gebaut, mit dem er Einkaufstüten 17 Meter hinaufziehen kann. Denn der Eigentümer habe die Mieter seit September 2018 vertröstet. Eine Reparatur sei immer wieder verschoben worden mit der Begründung, man plane, die Fahrstuhlanlagen im gesamten Gebäudekomplex zu erneuern und das dauere. Bis heute ist nichts geschehen. Auf Nachfrage unserer Redaktion bei der Vivet wurde bestätigt, dass der Aufzug seit September 2018 defekt ist. Danach gefragt, warum denn so lange gewartet wurde, bestätigt Marco Bosold, Teamleiter der Vivet Asset Management Gesellschaft, es wäre tatsächlich eine Kompletterneuerung der Fahrstuhlanlagen in der Planung gewesen, die sich hingezogen hätte. „Da die Reparatur des Fahrstuhls circa 8000 Euro kostet, haben wir das nicht einfach so zwischendurch machen können, weil wir doch geplant hatten, ganz neue Fahrstühle einzubauen.“ Dafür müsse man Verständnis haben.

Kein Verständnis dafür haben die Mieter. Schließlich sei es unzumutbar, dass der Fahrstuhl fast zehn Monate außer Betrieb sei. „Der defekte Fahrstuhl hat meinen Rücken noch völlig ruiniert“, sagt Marc Kreßner. Er ist seit längerem wegen der Bandscheibenvorfälle krank geschrieben und verlor seine Arbeit. Eine langjährige ältere Mieterin klagt über Knieprobleme. „Das ist unzumutbar“, sagt sie. Auch sie will anonym bleiben, genauso wie die Mieter, die sich in einem Schreiben an unsere Redaktion wendeten. Darin heißt es, dass es auch 2016 und 2017 Totalausfälle des Fahrstuhls gegeben hätte, teilweise über mehrere Wochen hinweg. Aber zehn Monate, dass sei zu viel.

Marc Kreßner hat seine Miete gemindert, wie andere Mieter des Hauses auch. Aber das hätten längst nicht alle getan, wie er sagt, aus Angst vor Repressalien. „Selbst wenn das alle Mieter getan hätten, würde das die Vivet nicht interessieren“, so glaubt er zu wissen. Der 30-Jährige und seine Frau sind psychisch und körperlich am Ende. Das letzte Kind kam acht Wochen zu früh. Da war der Fahrstuhl schon kaputt. Die Gynäkologin empfahl der mehrfachen Mutter, das Treppensteigen ab der 30. Schwangerschaftswoche zu lassen, um eine weitere Frühgeburt zu vermeiden. „Wenn bis dahin der Fahrstuhl nicht läuft, ist meine Frau an die Wohnung gefesselt“, sagt Marco Kreßner. Jetzt ist sie in der 14. Woche.

Ausziehen will die Familie eigentlich nicht. „Wir haben hier alles, was wir brauchen und fühlen uns wohl“, sagt der junge Vater. Kindergarten, Schule, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, alles in der Nähe. Und es sei nicht alles schlecht gelaufen. Schließlich wurde für die Familie ein umfangreicher Umbau vorgenommen, wobei drei Wohnungen zusammengelegt wurden, um den speziellen Anforderungen der Großfamilie gerecht zu werden. Auch gebe es keine Wohnungen in dieser Größe, die für die Großfamilie bezahlbar wären. Sie benötigen 196 Quadratmeter. Aber die Schmerzgrenze sei im wahrsten Sinne des Wortes erreicht. „Eigentlich müsste ich mich dringend an der Wirbelsäule operieren lassen. Dann falle ich drei Monate aus. Das ist unmöglich.“ So lange könne er seine Frau nicht alleine lassen mit den neun Kindern und schwanger. „Das schafft sie nicht.“

Mitte der Woche erreichte die Redaktion eine Nachricht der Vivet. Marco Bosold sagt, die Geschäftsführung habe jetzt entschieden, dass der Fahrstuhl erst einmal repariert werde. „Die Pläne für den Einbau neuer Fahrstuhlanlagen sind auf Eis gelegt. Die alten noch aus der DDR stammenden Fahrstühle zu reparieren, birgt ein gewisses Risiko.“ Schließlich könne man nicht wissen, wie lange sie ohne erneuten Defekt laufen würden.

„Für den langen Ausfall der Fahrstühle möchten wir uns entschuldigen“, sagt der Teamleiter. Eine weitere Entschädigung für die Mieter werde es aber nicht geben. Schließlich sei die Mietminderung ohne zu zögern genehmigt worden.

Mitte der Woche habe man der Firma Schindler den Auftrag erteilt, die notwendigen Ersatzteile, darunter ein neuer Motor, zu bestellen und den Fahrstuhl zu reparieren. „Leider haben die Ersatzteile eine Lieferzeit von drei bis vier Wochen, sodass erst Ende Juli mit dem Reparaturbeginn zu rechnen ist. Anfang August wird der Fahrstuhl voraussichtlich wieder laufen“, sagt Marco Bosold. Das war den Mietern des Elfgeschossers am wichtigsten, dass es endlich einen Termin für die Reparatur gibt und ein Ende in Sicht ist.

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