Geraer Manfred Lemke: Ein Held wenigstens für einen Tag

Gera.  Der Geraer Manfred Lemke hat in „Gersche Lausbubengeschichten“ Kindheitserinnerungen aufgeschrieben.

Wenn Manfred Lemke (r.)  im Gespräch mit seinem Verleger Mark Jischinski in der Stadt- und Regionalbibliothek Gera

Wenn Manfred Lemke (r.) im Gespräch mit seinem Verleger Mark Jischinski in der Stadt- und Regionalbibliothek Gera

Foto: Wolfgang Hesse

„Ich war nie kriminell, aber immer bei jedem Blödsinn dabei“, sagt Manfred Lemke augenzwinkernd, fügt ernst hinzu: „Ich war immer der Kleinste, konnte also nicht mit Körperkraft punkten. Deshalb musste ich meinen Mut beweisen.“ Von seinem Vater fing er sich dafür regelmäßig eine „Tracht Prügel“.

Und wenn sich im Nachhinein herausstellte, dass er gar nicht schuld war, dass er sich zu Unrecht ein paar Schläge gefangen hatte, dann bekam er oft zu hören: „Dann ist das gleich fürs nächste Mal.“ Nur, dass sein Vater das bis dahin wieder vergessen hatte.

Doch warum schreibt man solche Geschichten auf? Manfred Lemke lacht. „Es geht ja nicht nur um Streiche und Strafen – ganz im Gegenteil“, sagt er. „Ich wollte festhalten, was mich in meiner Kindheit beeindruckt hat und wovon ich denke, dass es wert ist, aufgezeichnet zu werden.“ Herausgekommen ist ein 269 Seiten starker Band mit 49 Geschichten, die durch die vielen beschriebenen Details ein sehr lebhaftes und eindrucksvolles Bild der 50er- und 60er-Jahre in Gera vermitteln.

Wie er auf die Idee gekommen sei? „2014 habe ich bereits mein erstes Buch ‘Der Gersche Bierbrauer erzählt – Streifzüge durchs Fress- und Sauf-Gere’ verfasst. Da habe ich festgestellt: Das liegt mir, das macht mir Spaß. Als ich dann Tom Pauls Buch ‘Das wird mir nicht nochmal passieren – meine fabelhafte Jugend’ gelesen habe, da dachte ich mir: Das kann ich auch!“, erzählt der Gästeführer.

Doch was ist seine persönliche Lieblingsgeschichte im Buch? „Der Tote im Wald’“, sagt Manfred Lemke spontan. „Die Geschichte hat einfach alles – kindliche Neugierde, Abenteuer, Zeitgeschichte. Und ausnahmsweise bin ich mal ein Held, wenn auch viel später.“ In den großen Ferien war der kleine Manfred Lemke im örtlichen Ferienlager, „dort, wo heute der Waldzoo ist“. Auf einer Wanderung sahen sie auf einer Lichtung Männer mit Bierflaschen, die sich stritten. Am Nachmittag, als er nach Hause ging, war die Neugierde so groß, dass er auf die Lichtung zurückkehrte, um zu schauen, ob die Männer noch da waren und worum es bei dem Streit wohl gegangen war.

Auf der Lichtung war niemand mehr, doch als er in eine nahe gelegene Grube schaute, erschrak Manfred Lemke fürchterlich: Dort lag ein Toter. Aufgeregt rannte der Junge zur HO Gaststätte Felsenkeller und berichtet von seinem Fund. Die Polizei wurde informiert. Einer der Beamten sprang in die Grube und holte einen „stockbesoffenen Mann“ heraus. Kein Wunder, dass Manfred Lemke zum Schulanfang, als alle berichteten, was sie so erlebt haben in den Ferien, lieber gar nichts sagte, weil er sich so schämte.

Am zweiten Tag erschien der Direktor mit zwei Polizisten in der Klasse und rief Manfred Lemke nach vorn. Der Junge befürchtete das Schlimmste. Doch plötzlich wurde er gelobt für seine Umsicht. Und zum Pioniernachmittag hieß es beim Fahnenappell: „So handeln Junge Pioniere – zum Schutze des Sozialismus und zur Erhaltung des Weltfriedens.“ Manfred Lemke lächelt: „Ich war ein Held – wenigstens für einen Tag.“ Im Mittelpunkt zu stehen, genießt Manfred Lemke zweifellos heute noch, sonst wäre er wohl kaum so leidenschaftlich Stadtführer in Gera, Moderator und wegen seines prächtigen weißen Bartes in diesen Tagen oft auch Nikolaus und Weihnachtsmann. Dabei kommt doch manchmal der „Gersche Lausbub“ durch.