Geraer Pilzexperte: Der Stadtwald ist sehr ergiebig

Gera.  Der Geraer Pilzexperte Bodo Wagner hat in diesem Jahr knapp 60 Beratungen durchgeführt.

Bodo Wagner ist seit 1986 Pilzberater in Gera. In der Hand hält er einen Riesenschirmling, gefunden im Wald von Letzendorf. Er ist essbar.

Bodo Wagner ist seit 1986 Pilzberater in Gera. In der Hand hält er einen Riesenschirmling, gefunden im Wald von Letzendorf. Er ist essbar.

Foto: Ilona Berger

Im Wald von Letzendorf, nur ein paar Schritte vom Stausee entfernt, sieht Bodo Wagner schon von weitem einen Riesenschirmling. Dieser ist essbar. „Den Pilzkopf panieren, schmeckt wie Schnitzel“, empfiehlt der agile 72-Jährige. Aber er warnt. „Sein Doppelgänger, der giftige Gartenschirmling, sieht ähnlich aus und wächst meist am Kompost.“

Wer einen Pilz nicht kennt, sollte ihn stehen lassen. Falls man doch ins Wanken gerät, mit der Knolle herausdrehen und dann zum Bestimmen geben. „Vor etwa 14 Tagen kamen Leute mit geputzten Champignons zu mir, weil sie doch unsicher waren. An den Putzresten habe ich einen Giftchampignon ausgemacht. Beim Anschneiden wird die Knolle nämlich Chromgelb und riecht nach Karbol. Viele genießbare Pilze haben gefährliche Doppelgänger.“

Knapp 60 Beratungen führte Bodo Wagner in diesem Jahr bisher durch und entdeckte in den Körben der Sammler elf Giftpilze. Eng arbeitet der Experte mit dem SRH Wald-Klinikum Gera zusammen. Ärzte fragen nach, wenn Symptome bei Patienten auf den Verzehr von giftigen Pilzen hinweisen. Gelistet ist der Experte auch beim Giftnotruf Erfurt. „Bei manchen Arten beträgt die Inkubationszeit zwischen drei und 14 Tagen“, erklärt er. „Nehmen wir zum Beispiel den Grünen Knollenblätterpilz, der giftigste überhaupt. Der Mensch durchläuft nach dem Essen drei Phasen. Erste Anzeichen sind Erbrechen und Durchfall. Es folgt dann eine scheinbare Besserung, die kann nach zwei Tagen eintreten, bis es später zum Leber- und Nierenversagen kommt.“ Übrigens, der Grüne Knollenblätterpilz riecht nach Kunsthonig.

Neben den Beratungen gibt Bodo Wagner mehrwöchige Pilzkurse an der Volkshochschule. 2019 nahmen 53 Interessierte teil. Durch Corona sind es in diesem Jahr nur sieben Leute.

Im Stadtwald wachsen Maronen

Wagner sieht 2020 als ein gutes Pilzjahr an. Manche Klage kann er nicht verstehen. „Am Ende hat alles gepasst, Feuchtigkeit und Wärme.“ Jetzt rechnet er noch mit einer guten Ausbeute an Maronen und Steinpilzen. Der Geraer Stadtwald sei sehr ergiebig. Um Dittersdorf herum werden Steinpilzjäger fündig. „Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“ Bodo Wagner schmunzelt. Der Steinpilz liebt sauren Fichtenwald. Heidelbeeren verweisen darauf. Morcheln wie die auf der Lasur mögen kalkhaltigen Boden.

„Von Mai bis Ende Oktober spricht man von der Pilzhauptsaison. Aber auch im Winter kann das gesunde Essen mit dem Austernseitling und dem Samtfußrübling auf den Tisch kommen. Beide Pilze brauchen Frost, damit sich die Fruchtkörper entwickeln. Im Gegensatz zu allen anderen Pilzen verderben sie nach dem Auftauen nicht. Die anderen in der Natur sind nach dem Frost nicht verzehrbar. Deshalb sollte man eingefrorene Pilze nicht aufgetaut in die Pfanne geben.“

Seit 1986 vermittelt Bodo Wagner Pilzwissen. In Gera ist er der einzige Sachverständige. Alle zwei Jahre werden seine Kenntnisse überprüft. Weiterbildungen sind Plicht, sonst verliert er seine Zulassung. Schon in der Kindheit und in der Jugend durchstreife er die Wälder nach Pilzen und ärgerte sich, dass die anderen mit vollen Körben herauskamen, er aber nicht. „Also habe ich das genommen, was die anderen stehengelassen haben“, erzählt er. „Vieles habe ich mir selbst angeeignet, Experten befragt und später eine Prüfung abgelegt.“ Seitdem ist er selbst ein profunder Fachmann. Von Pilz-Apps rät er ab. „Pilze muss man riechen, tasten, die Beschaffenheit der Lamellen anschauen, um sie richtig bestimmen können.“ Uralte Pilzbücher sollten verschwinden, weil es ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt. „Früher galt der Grünling als guter Speisepilz, inzwischen weiß man, dass er Muskeln zerstört.“

Wer dennoch nachschauen möchte, dem empfiehlt Bodo Wagner „Das Handbuch für Pilzsammler“ von Andreas Gminder, einem profunden Mykologen.