Geschichten aus dem Geraer Katastrophenschutzhaus

Gera.  Beim ASB-Katastrophenschutz in Gera umgesehen und umgehört.

Christian Grünberg am Steuer des Gerätewagens Sanität

Christian Grünberg am Steuer des Gerätewagens Sanität

Foto: Ilona Berger

29. April 2019. Ein Montag. Wie immer schrillt an diesem Wochentag zweimal der Piepser. „Probealarm“, weiß Christian Grünberg. Er ist Zugführer der Sanitäts- und Betreuungsgruppe des Katastrophenschutzes beim ASB Regionalverband Ostthüringen in Gera. Ein Freund besucht ihn gerade.

Um 13 Uhr läutet es wieder. Beide Männer schrecken auf. In Windeseile fährt Grünberg zum Stützpunkt in die Berliner Straße 153. Der Kumpel, ein Rettungsassistent, aus Arnstadt kommt mit. Auch er will als ASBler helfen. Mit zehn Fahrzeugen und 40 Kräften fährt die ehrenamtliche ASB-Truppe zum Einsatzort. Feuerwehren und Polizei sind auch da. Auf der A4 in Richtung Dresden zwischen Hermsdorf-Ost und Rüdersdorf ist es zu einer Massenkarambolage mit 17 Fahrzeugen gekommen. Autos sind ineinander verkeilt. Kinderschreie und verwirrte Leute laufen umher. 17 Verletzte, zwei davon eingeklemmt, eine Tote ist zu beklagen.

Massenkarambolageauf der Autobahn

„Man muss Emotionen ausblenden, klaren Kopf behalten und handeln, wie wir es zigmal trainieren: Sichtung der Patienten und entscheiden, ob ambulante Behandlung oder Fahrt ins Krankenhaus. Es geht doch um Menschenleben“, sagt Grünberg. Er fügt an: „So einen schrecklichen Unfall erlebt man sehr selten.“ Wer von den Helfern verheerende Unglücke nicht verarbeiten kann, der kann sich einem Seelsorger anvertrauen“.

Björn Kemter steht im OP-Saal im Krankenhaus, als er der Piepser Alarm schlägt. Der 34-jährige Urologe muss konzentriert weiter operieren. Seit 2019 macht er in seiner Freizeit beim ASB-Team mit. Er lobt den guten Zusammenhalt. Der 70 Mann starken Gruppe gehören unter anderem Chemiker, Elektriker und Krankenschwestern an. Bei extremen Naturkatastrophen wie Hochwasser, Sturmfluten oder bei Massenunfällen mit Verletzten in wenigen Minuten zur Stelle zu sein und Leben retten, ist allen Mitgliedern zu eigen.

Viele des Sanitätsdienstes und Katastrophenschutzes waren seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Einsatz. Michael Klein als ASB-Fachberater unterstützte den Geraer Krisenstab. Er setzte beispielsweise die Freiwilligen ein und organisierte. „Wir stellten Personal und Fahrzeuge“, sagt Grünberg. „Zwei Monate waren die Ehrenamtlichen Tag und Nacht unterwegs, bis zu 80 Stunden wöchentlich.“ Sie fuhren unter anderem Krankentransporte. Natürlich trugen sie Schutzkleidung. Denn 70 Prozent der Patienten waren mit dem Virus infiziert. „Sie gingen souverän mit der Gefahr um. Meine Mitglieder holten auch bis aus der Leipziger Ecke Desinfektionsmittel und andere medizinischen Dinge. Sie bestückten die Autos mit Material für die die Beatmungsgeräte. Zwei Leute unterstützten das Abstrichteam im Hofwiesenpark.“

Um die Verpflegung während dieses Einsatzes kümmerte sich Jan Zeißner, Inhaber des Café Medicum. Er kochte. „Ohne Mampf kein Kampf“, spaßt Grünberg. Teilweise bis zur Erschöpfung taten die Ehrenamtlichen ihr Bestes. Sie schliefen oft auf dem Feldbetten im „Katastrophenschutzhaus“, wie sie ihr Gebäude in der Berliner Straße nennen. Die Familien sahen die Ehrenamtlichen in dieser Zeit selten.

Ralf Splitthof ist als Letzter vom ASB wieder in seinen Beruf als Industriemeister Elektrotechnik zurückgekehrt. „Die Chefs in den Unternehmen bringen sehr großes Verständnis für unsere freiwillige Tätigkeit auf. Ich spreche mit jedem Arbeitgeber unserer Mitglieder. Sie werden bei Alarm freigestellt, wenn durch ihre Abwesenheit kein betrieblicher Schaden entsteht. Circa 20 Prozent unserer Mitglieder kommen aus dem SRH Wald-Klinikum“, so Grünberg.

Der Corona-Einsatz war bisher der längste und kräftezehrendste. Ein Katastrophenfall war er dennoch nicht. Den auszurufen, darüber entscheiden die Länder und Oberbürgermeister der Städte, so Grünberg.

30 neue Fenster müssenausgewechselt werden

Inzwischen ist Alltag eingekehrt. Trotzdem treffen sich an den Wochenenden die ASBler oft in ihrem selbst renovierten Gebäude. Über ein Jahr harte Arbeit, Unterstützung von Sponsoren, aber auch eigenes Geld stecken darin. In den Räumen befinden sich Sachspenden wie Sitzmöbel, Schrankwand oder eine Küche. Nach einem Aufruf auf Facebook, dass dringend eine Waschmaschine benötigt wird, standen plötzlich zwei da. Nun braucht das Gebäude noch neue Fenster. 30 Stück müssen ausgewechselt werden.

Jedes Jahr simuliert der Katastrophenschutz mit der Freiwilligen Feuerwehr Liebschwitz ein Szenario, wie zum Beispiel 2019 eine Gasexplosion mit Schwerverletzten, Übung unter Realbedingungen, damit jeder Einsatz wie bei der Bombendrohung im September 2019 in den Gera Arcaden reibungslos verläuft. „Dort registrierten wir alle Mitarbeiter und Besucher. Teilweise versorgten wird sie mit Decken. Das war in der Kürze der Zeit eine große organisatorische Herausforderung“, berichtet Arzt Björn Kemter.

„Ein herzliches Dankeschön kam von einer jungen Mutter, die ihr Baby im Einsatzfahrzeug des ASB stillen konnte.“ Wohl mit der schönste Lohn für unermüdliche Hilfe.