Fotograf Marc von Hacht: „Ich vermisse in Gera spontane Freundlichkeit“

Gera.  „Zugereiste in Gera“ heißt das Fotoprojekt von Marc von Hacht. Mit ihm will der Neu-Geraer den Einheimischen auch den Spiegel vorhalten.

Marc von Hacht, der selbst erst seit 2017 in Gera lebt und arbeitet, hat Zugezogene porträtiert. Die Bilder der Neu-Geraer sind ab 17. Februar in der Stadt- und Regionalbibliothek zu sehen

Marc von Hacht, der selbst erst seit 2017 in Gera lebt und arbeitet, hat Zugezogene porträtiert. Die Bilder der Neu-Geraer sind ab 17. Februar in der Stadt- und Regionalbibliothek zu sehen

Foto: Peter Michaelis

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Am Montag wird die Fotoausstellung „Zugereiste in Gera“ von Marc von Hacht, der im Januar 2017 aus Hamburg nach Gera zog und damit selbst ein Zugereister ist, in der Geraer Stadt- und Regionalbibliothek eröffnet. Was ihn veranlasste, dieses Fotoprojekt zu starten, erzählt der 52-jährige Fotograf im Interview.

Über zwei Jahre haben Sie Menschen vor Ihre Kamera geholt und kennen jetzt Leute, die nach Gera gekommen sind. Warum kamen sie? Notgedrungen oder aus Liebe?

Ganz unterschiedlich. Manche, weil sie flüchten mussten, andere aus Liebe oder wegen eines Jobs. Selten einfach so wie ich. Doch, einer noch.

Warum haben Sie sich ausgerechnet Gera ausgewählt, Sie hatten ja auch nach Leipzig, Magdeburg und Chemnitz geschaut?

Es gibt in Hamburg Stadtteile, die wie hier aussehen und in der Gründerzeit entstanden. Mir gefällt die Struktur der Stadt, ihre Lage und dass ich viel zu Fuß erreichen kann. Ich wohne in der Nähe vom Ferberturm.

Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?

Durch direkte Ansprache. Dann durch meinen Sportverein. Ich spiele Tischtennis beim VfL 1990, durch Empfehlung, durch die Zeitung und persönliche Kontakte. Ich bin nicht mundfaul.

Sieht man jemandem an, dass er kein Geraer ist?

Nein, außer vielleicht Flüchtlingen. Es ergab sich aus Gesprächen.

Warum haben Sie sich überhaupt für das Thema interessiert?

So gut wie jeder, den ich hier traf, hat mich gefragt, wieso ich so bekloppt bin und von Hamburg nach Gera komme. Dass man so schlecht über seine Stadt redet, fand ich völlig unverständlich. Ich habe mir gesagt, ich kann nicht der einzige Bekloppte sein. Dass viele Junge ihre Stadt verlassen, finde ich schade. Das steht im Gegensatz zu dem, was die Zugereisten empfinden.

Was empfinden sie denn?

Es ist eine Stimmungsgeschichte, ob ich insgesamt positiv aufs Leben blicke. Dann kann ich es mir hier schön machen. Meine Erfahrung ist, dass es mühsam ist, in Gera etwas aufzubauen. Bis Leute Begeisterung zeigen, muss man sich schon ganz schön durchbeißen.

Ist es Ihnen gelungen, den Porträtierten ein Lächeln vor der Kamera zu entlocken?

Das ist keine Absicht. Ich bin keiner, der Leute böse fotografiert. Ich versuche eine Stimmung zu erzeugen, in der Leute sich gern fotografieren lassen. Neben dem Foto beantwortet jeder auch einen kleinen Fragebogen, was er sich vom Leben wünscht, um jeden als Person erfahrbar zu machen.

Wie viele Zugereiste sind in der Ausstellung zu sehen?

17 von bisher 40, die ich fotografiert habe. Ich hoffe, dass ich zur Ausstellungseröffnung alle wiedersehe.

Sie sind selbst vor drei Jahren zugezogen. Sind Sie heimisch geworden?

Halbe, halbe. Allgemein finde ich mich zurecht, kenne und nutze das kulturelle Angebot. Was ich tatsächlich vermisse, ist dieses sich willkommen fühlen, eine spontane Freundlichkeit und Herzlichkeit, einfach unverbindlich nett sein. Das spiegeln mir auch Zugereiste.

Ist das in Hamburg anders?

Ja.

Ab heute Abend werden die Porträts in der Bibliothek gezeigt. Warum gerade dort?

Weil ich die Räume kenne. Ich gebe dort einem Flüchtling Nachhilfe. Und weil ich gefragt habe. Die Fotos möchte ich öffentlich zeigen, ich will die Zugereisten den Gerschen näher bringen, gern auch in den Geraer Stadtteilen. Mein Projekt ist mir ein Herzensanliegen, weil ich die Stadt mag.

Was wünschen Sie sich von den Einheimischen?

Dass sie sich für neue Eindrücke und Erfahrungen öffnen und von der Begeisterung der Zugereisten anstecken lassen.

Gibt es schon ein neues Vorhaben, an dem Sie arbeiten?

Noch spukt es als Idee in meinem Kopf herum. Zurückgekehrte zu porträtieren, ist auch eine spannende Perspektive. Warum sie wieder kamen und mit welchen Erfahrungen.

Vernissage am Montag, 17. Februar, 17.45 Uhr, Stadt-und Regionalbibliothek Gera, Puschkinplatz 7, 07545 Gera. Die Ausstellung ist bis 28. März zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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