Haudegen, Liebling, Identifikationsfigur: Nach 25 Jahren wechselt Stefan Riedel vo Hermsdorf nach Gera

Hermsdorf  „Ich war halt ein verrückter Junge“. Nach 25 Jahren hat sich Stefan Riedel beim SV Hermsdorf abgemeldet und fängt mit 37 Jahren ein neues Handballkapitel in Gera an

Haudegen, Publikumsliebling und auch Identifikationsfigur: Stefan Riedel, der auch noch mit 37 Jahren kaum zu stoppen ist. Foto: Marcus Schulze

Foto: Marcus Schulze

Stefan Riedel war nicht irgendein Spieler beim SV Hermsdorf, er war ein Eigengewächs und auch ein Aushängeschild der Handballer aus dem Saale-Holzland-Kreis. Kurzum: Riedel fungierte über viele Jahre auch als Identifikationsfigur. Mochten noch so viele kommen und gehen, Riedel war immer da – nicht umsonst hing ausgerechnet sein Konterfei in der Werner-Seelenbinder-Halle in Hermsdorf. Doch nun orientiert sich der Kreis-und-Rückraum-Haudegen, der nach den Partien in der Kabine die elektronischen Töne bevorzugte, im zarten Alter von 37 Jahren noch einmal um und wird ab der kommenden Saison beim Post SV Gera in der Landesklasse spielen.

Haben Sie sich wirklich beim SV Hermsdorf abgemeldet?

Ja, ich habe am 31. Mai die dafür nötigen Unterlagen eingereicht.

Ist das nach all den Jahren nicht ein ziemlich schwerer Schritt für Sie gewesen?

Natürlich. Ich bin mit zwölf oder 13 Jahren zum SV gestoßen, werde jetzt 37, da kommen schon ein paar Jahre zusammen.

Also sprechen wir hier von einem Vierteljahrhundert SV Hermsdorf. Wie geht es Ihnen damit?

Es war, zumindest am Anfang, keine leichte Entscheidung, gerade was ein paar Spieler betrifft, mit denen ich doch sehr lange durch dick und dünn gegangen bin. Spieler wie Jan Heilwagen, Robert Zehmisch, Marvin Schreck, Felix Reis oder Hannes Rudolph – die liegen mir doch alle sehr am Herzen. Das war schon emotional, doch jetzt fühle ich mich richtig gut und freue mich auf die neue Herausforderung.

Neue Aufgabe – ein sehr schönes Stichwort, schließlich werden sie ab der kommenden Saison bei Post SV Gera in der Landesklasse spielen, wo mit Jens Friedrich bereits ein ehemaliger Hermsdorfer das Kommando an der Außenlinie innehat.

Jens Friedrich ist mein alter Trainer, wir standen immer im Austausch. Was er über den Verein berichtete, hat mir stets gefallen. Außerdem verspüre ich noch nicht das Bedürfnis, mich zurückzulegen, vielmehr möchte ich noch etwas machen.

In der vergangenen Saison in Hermsdorf griffen sie ja nur noch punktuell in das Geschehen ein, fungierten in erster Linie als Adlatus von Trainer Pierre Liebelt. Jetzt wollen Sie noch einmal vollends in das Geschehen eingreifen?

Ich verspüre in mir das Bedürfnis, noch einmal zu spielen.

Mit Ihrer SVH-Vita und Ihrer Erfahrung hätten Sie doch bestimmt auch in Hermsdorf in der Thüringenliga weiterspielen können?

Unser Abteilungsleiter Mario Kühne hat sich auch sehr um mich bemüht. Er wollte mich als Spieler halten, doch ich wollte schlichtweg noch einmal etwas Neues ausprobieren. So viele Gelegenheiten werde ich dafür wohl nicht mehr bekommen. Zugegeben, nach all den Jahren in Hermsdorf kann ich mir das auch kaum vorstellen, doch ich fühle mich fit. Ich sage ja immer, dass es weder alte noch junge Spieler gibt, sondern lediglich welche, die fit sind oder eben auch nicht. Was zusätzlich für Gera spricht, sind die Anwurfzeiten. Die Heimspiele werden fast immer sonntags um 16 Uhr ausgetragen, das ist sehr familienfreundlich, schließlich bin ich ja vor noch nicht allzu langer Zeit Vater geworden. Da habe ich halt mehr vom Wochenende. Außerdem ist es womöglich für Handball-Hermsdorf ganz gut, wenn dort nun die jungen Spieler das Ruder übernehmen, um in die benötigten Führungsrollen hineinzuwachsen.

Das Amt eines Trainers streben Sie vorerst also nicht an?

Mein Co-Trainer-Dasein in Hermsdorf war an Pierre (Liebelt, Anmerkung der Redaktion) gekoppelt. Ich habe das Amt damals ja auch nur übernommen, weil eben Pierre damals der Trainer war. Das stand und fiel mit seiner Person. Ich hätte mit keinem anderen zusammenarbeiten wollen.

Was wissen Sie denn über Ihren neuen Verein?

Es ist eine recht junge Mannschaft. Jens (Friedrich, Anmerkung der Redaktion) hat auch gesagt, dass sie alle gewillt sind, sich nach vollen Kräften einzubringen. Es reizt mich natürlich auch, meine ganze Erfahrung künftig einfließen zu lassen. Sollten die jungen Spieler Lust darauf verspüren, würde ich natürlich mein Wissen in Sachen Handball an sie weitergeben.

Das eine oder andere bekannte Gesicht werden Sie ja in Gera wiedersehen?

Ja, Tom Friedrich, Felix Hentschel oder Philipp Stark – es gibt durchaus eine kleine Hermsdorf-Fraktion.

Jahr für Jahr, Woche für Woche schlugen Sie in die Werner-Seelenbinder-Halle in eben Hermsdorf auf. Das hat sich ja dann erst einmal erledigt – zumindest in dieser Häufigkeit. Es ist wohl nicht untertrieben, wenn man behauptet, dass da ein Eckpfeiler Ihrer Identität wegbricht.

Natürlich, das war ein Fixpunkt in meinem Leben, aber ich werde auch sehen, dass ich bei dem einen oder anderen Heimspiel noch zugegen sein werde, zumal ich mich ja nicht im Bösen vom SV Hermsdorf getrennt habe. Doch ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich jetzt schon dem Moment entgegenfiebere, in dem ich erstmals in der Panndorfhalle in Gera für Post auflaufen werde. Das wird bestimmt sehr interessant.

Richten wir noch einmal den Blick gen Vergangenheit. Was können Sie denn über die vergangene Saison des SV Hermsdorf sagen?

Eines muss man ganz klar sagen: Wir haben die wichtigen Spiele in der Rückrunde gegen unsere direkten Konkurrenten wie Mühlhausen oder Werratal alle verloren – wenn auch knapp. Das sind aber auch Erfahrungswerte, die eine junge Mannschaft nun einmal machen muss. Da sitzen halt noch nicht alle Abläufe auf dem Feld, dergleichen braucht Zeit und muss wachsen. Und natürlich ist es dann von Nachteil, wenn man nicht regelmäßig miteinander trainieren kann, da stagniert nun einmal die Entwicklung. Ein junger Spieler von 21 Jahren kann noch nicht über so eine Bandbreite an taktischen Manövern und Finten verfügen wie ein abgeklärter Protagonist mit 28 Jahren, dem man einfach sagt, dass er einfach das machen soll, was er nun einmal gut kann, wenn denn nichts mehr gehen sollte. Da muss man erst einmal hinkommen. Letztlich hat uns ein Spieler gefehlt, der das Kommando übernommen hat. Gleichzeitig war es gen Ende der Saison dann auch so, dass die Leistungskurve einzelner Spieler dann doch etwas nach unten ging. Nichtsdestotrotz, als Kollektiv hat das alles gepasst, Hermsdorf hat geile Spieler, ich denke an Jannick Möller, Jan Minas oder Maximilian Remde, die allesamt über sehr viel Potential verfügen.

Glauben Sie, dass die Fans des SVH ihre Mannschaft wieder in der Mitteldeutschen Oberliga sehen wollen?

Natürlich, und gänzlich sollte man dieses Ziel auch nicht aus den Augen verlieren. Doch ich gebe auch zu bedenken, dass es nicht gerade schön ist, dann alljährlich wieder gegen Abstieg zu kämpfen und nur ein paar Spiele zu gewinnen. Stattdessen sollte man sich – zumindest fürs Erste – in der Thüringenliga etablieren und einen attraktiven Handball spielen, zumal besagte Liga mittlerweile auch sehr stark daherkommt.

Was wünschen Sie dem SV Hermsdorf zum Abschied?

Natürlich nur das Beste. Sie sollen den Titel holen und auch aufsteigen. Doch es wird eine schwere Saison für Sie werden, denn mit Mike Anlauf und meiner Wenigkeit ist auch ein gewaltiges Stück Erfahrung weggebrochen. Der Abgang von Pierre Liebelt macht das ganze Unterfangen natürlich nicht gerade leichter.

War der Weggang von Pierre Liebelt ein Verlust?

Es ist definitiv ein Verlust. Hier hätte mit Ruhe und Geduld etwas wachsen können. Ich kann sein Entscheidung nachvollziehen. Er konnte ja auch nur mit den Mitteln arbeiten, die ihm zur Verfügung standen. Wenn man dann sieht, wie sich andere Vereine in der Thüringenliga in der Vergangenheit sukzessiv verstärkt haben und auch künftig verstärken werden, scheinen die Ergebnisse von Hermsdorf auf einmal in einem ganz anderen Licht. Das war gute Arbeit.

Was war nach all den Jahren der womöglich schönste Moment, den Sie mit dem SV Hermsdorf erlebt haben?

Puh, schwere Frage. Also diesen einen herausragenden Moment gab es definitiv nicht, es ist eher die Mischung aus guten und eben auch schlechten Momenten wie etwa Niederlagen, die ich mit dem Verein assoziiere. Wenn man so lange wie ich in einem Verein ist, verweilt man nicht immer nur auf der Sonnenseite, sondern erlebt auch Momente, die nur bedingt erbaulich sind. Doch zweifelsohne gehören die Pokal-Duelle mit Ronneburg zu den sportlichen Höhepunkten in meinem Dasein. Dazu gesellen sich all die Partien in der Mitteldeutschen Oberliga, in denen man als Underdog in den eigenen vier Handballwänden siegte. Das war stets so ein euphorisches Gefühl, welches ich nie vergessen werde.

Von welchen Teamkollegen haben Sie als junger Spieler etwas mitnehmen können?

Da war beispielsweise Daniel Michalik, der mit meiner gesamten Art und Einstellung gar nichts anfangen konnte, von dem ich aber sehr viel lernen konnte. Dann natürlich Ferenc Bergner oder auch Viktor Sydorchuk, der sich auch noch nach dem Training auf dem Parkplatz für mich Zeit genommen hat und mir Tricks und Finten vermittelt hat. Da waren Dinge dabei, die auch noch in der Regionalliga funktioniert haben, um einen Torhüter an der Nase herumzuführen.

Was war denn mit Ihrer Einstellung als junger Spieler?

Naja, ich war halt ein verrückter Junge, war nicht immer so auf den Sport fokussiert, erst mit 23 Jahren habe ich mich dann am Riemen gerissen. Später gab es dann einmal eine Phase in meinem Leben, da ging es mir privat nicht sonderlich gut, was sich naturgemäß auch auf den Handball ausgewirkt hat. Dennoch haben damals Jens Friedrich und Mario Kühne weiter an mir festgehalten, auch in der kommenden Saison auf mich gebaut. Dafür bin ich den beiden und auch dem Verein sehr dankbar, denn dergleichen ist keine Selbstverständlichkeit.

Sie wiederum haben Felix Reis unter Ihre Fittiche genommen, als er denn zu den Männern stieß.

Ja, und Felix hat das auch angenommen. Er bringt generell eine sehr gute Einstellung mit, ist fast immer der erste Spieler beim Training.

Letzte Frage: Werden Sie auch bei der Post die Nummer 10 tragen, die jahrelang ihr Trikot zierte?

Nein, die Nummer hat schon ein Spieler in Gera inne, und es ist nicht meine Art, bei einem neuen Verein aufzuschlagen und eine Nummer zu beanspruchen.

Für welche Nummer haben Sie sich dann entschieden?

(lacht) Die 23, denn das ist dieselbe Nummer, die einst Michael Jordan bei seinem Comeback bei den Chicago Bulls trug. Ich bin ein riesiger Jordan-Fan.

Moment, zuerst lief er mit der 45 auf, doch es lief nicht so gut, sodass er schließlich auf seine alte Nummer, die 23, zurückgriff.

(lacht)Deswegen habe ich mich für die 23 entschieden. Damit es von Anfang läuft bei der Post.

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