Warum ein Junge aus Gera nicht an seine Wunschschule gehen kann

Gera.  Ein Junge kann nicht an seine Wunschschule in Gera Untermhaus gehen. Was das mit angemieteten Klassenräumen und Bauverzug zu tun hat.

Ein Vater steht mir seinem Sohn vor der verschlossenen Tür der Grundschule „Otto Dix“ in der Gutenbergstraße Gera.

Ein Vater steht mir seinem Sohn vor der verschlossenen Tür der Grundschule „Otto Dix“ in der Gutenbergstraße Gera.

Foto: Peter Michaelis

Alles war so gut geplant. Zwei Geraer, er in der Schweiz und sie in der bayerischen Landeshauptstadt gelandet, lernen sich in der Ferne kennen. Mit dem Kinderwunsch kehrt das Paar zurück in die Heimat. Die Familie lässt sich vor sieben Jahren in Geras jünger werdendem Stadtteil Untermhaus nieder. Hier gibt es für die Kinder einen Kindergarten und mit wenigen Minuten Schulweg die Grundschule Otto Dix in der Gutenbergstraße.

Nur zwei neue 1. Klassen in Untermhaus

Diesen Plan macht nun der Mangel an Grundschulplätzen in Untermhaus zunichte. Nur zwei erste Klassen starten dort mit dem neuen Schuljahr, nachdem es zuletzt noch fünf waren. Seit der Bescheid vom März einging, wissen sie das. Sofort gehen die Eltern in Widerspruch. Ende April erhalten sie vom Schulamt Ostthüringen die Nachricht, dass ihr Schreiben eingegangen ist. Eine inhaltliche Antwort gibt es bis heute nicht. Ihren Namen wollen die Eltern nicht in der Zeitung lesen. Sie sorgen sich, dass ihr Kind darunter leiden müsste.

Wie allen Eltern empfohlen, geben sie bei der Schulanmeldung im Dezember 2019 den Zweitwunsch an. Die Hans-Christian Andersen Grundschule in Debschwitz soll es sein. Den Elternabend dort besucht der Vater in der Vorwoche. Drei Klassen zu je 24 Kindern werden dort eingeschult. Doch so richtig kann er sich nicht vorstellen, wie sein Sohn dorthin kommen soll. Mit der Straßenbahn und umsteigen? Das wird dem Erstklässler noch nicht zugetraut. Allein mit dem Fahrrad gleich gar nicht. Inzwischen hat die Familie ein zweites Fahrzeug angeschafft und findet es selbst ökologisch unsinnig.

Insgesamt soll es 17 Kindern so gehen

Traurig sind die jungen Eltern, was das mit ihrem Sohn macht. Im Kindergarten Senfkorn in der Joliot-Curie-Straße wird ihm erzählt, wo seine Schule ist. Sie gehen dorthin. Im Interview darf jedes Kindergartenkind den Grundschülern eine Frage stellen. Sogar Sportfest wird schon zusammen gefeiert und bei jedem Spaziergang sagt der Bald-Schüler im Vorbeigehen. „Das ist meine Schule“.

Die Eltern erzählen, dass es insgesamt 17 Kindern so gehen soll. Bestätigen will diese Zahl niemand. Das Schulamt meldet sich auf die Anfrage der Redaktion nicht. Die Nachfrage beim übergeordneten Bildungsministerium ist nach zwei Tagen noch immer nicht beantwortet. Die Stadt Gera verweist darauf, dass das Schulaufnahmeverfahren für das Schuljahr 2020/21 noch nicht abgeschlossen sei und darauf, dass sie nur eine koordinierende Funktion habe und in das Verfahren, das von Schulleitungen und Schulamt geführt werde, nicht eingreifen könne.

Aus Pforten, Debschwitz und Windischenbernsdorf würden Kinder in Untermhaus eingeschult, aber ihr Junge aus Untermhaus nicht, haben die Eltern mitbekommen. Auf die Frage, warum ein Kind aus Untermhaus in Debschwitz und umgekehrt ein Kind aus Debschwitz in Untermhaus beschult werden sollen antwortet die Stadtverwaltung: „Die Stadt Gera bildet für die Grundschulen insgesamt einen Schulbezirk. Damit kann grundsätzlich jede Schule im Stadtgebiet gewählt werden.“

Wohnortnähe rangiert erst an dritter Stelle

Wohnortnähe ist erst das dritte Kriterium, das bei der Zusage für einen Grundschulplatz zählt. Das steht auf dem Bescheid vom März. An erster Stelle stehen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, an zweiter Stelle Geschwisterkinder, die bevorzugt aufgenommen werden sollen.

„Wir bringen trotzdem in Arbeitsgesprächen mit dem Schulamt zum Ausdruck, dass insbesondere bei Grundschulen das Aufnahmekriterium Wohnortnähe eine hohe Priorität haben sollte“, erklärt Geras Sozialdezernentin Sandra Wanzar (parteilos) auf Nachfrage unserer Redaktion.

Letztlich hat das Ausweichen auf Debschwitz oder die Grundschule „Am Bieblacher Hang“, wo nach den Bauarbeiten eine Grundschulklasse mehr eröffnet werden kann, damit zu tun, dass der Mietvertrag für den Schulteil der Otto-Dix-Schule in der Friedericistraße 11 über den 31. August 2021 nicht verlängert wird. Das bestätigte die Sozialdezernentin. Obendrein wird die Thüringer Gemeinschaftsschule mit einem künftigen Grundschulteil am Standort der Ostschule in der Karl-Liebknecht-Straße nicht wie geplant im Sommer 2021, sondern erst 2022 bezugsfertig sein.

Stadt: Kapazitäten der Grundschulen in der Innenstadt ausreichend

Trotzdem heißt es aus dem Rathaus: „Die Kapazitäten der Grundschulen der Stadt Gera sind für die Schülerinnen und Schüler insgesamt ausreichend. Da die Schulen im Planungsraum Innenstadt besonders stark nachgefragt werden, sollten Sorgeberechtigte für die Schulanmeldungen auch die Schulen in angrenzenden Stadtgebieten wie Bieblacher Hang und Debschwitz in Betracht ziehen.“

Die Einschätzung der Verwaltung, dass die Kapazitäten in der Innenstadt ausreichen, teilt Bildungsausschussvorsitzender Andreas Kinder (CDU) nicht. Er will das Thema zur Sitzung des Bildungsausschusses am Dienstag, dem 7. Juli, um 17 Uhr, im Geraer Rathaus ansprechen.

Dass Gera Grundschulplätze im Wohnumfeld anbietet, soll ein wesentlicher Punkt im neu aufzustellenden Schulnetzplan sein, kündigt Kinder an, der dazu auch mit Ortsteilbürgermeistern beraten will. „Wir brauchen am Standort Gutenbergstraße mit einer Kapazität von 250 Plätzen eine Erweiterung“, sagt auch die Dezernentin. Sie beobachtet ebenso für Debschwitz den Zuzug junger Familien.

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